Zahlen über Menschenleben, die revidiert werden müssen

Die offizielle Bilanz der Todesopfer des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg

In einigen Wochen, am 10. Oktober, findet wie jedes Jahr in Luxemburg der Nationale Gedenktag statt.

In Luxemburg weist die offizielle Bilanz der Regierung 5.703 Personen aus, die durch den Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind

In Luxemburg weist die offizielle Bilanz der Regierung 5.703 Personen aus, die durch den Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind Foto: Editpress-Archiv

Im Jahr 2022, mehr als 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 30 Jahre nach den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien, ist der Krieg mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine erneut auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt. In diesen Zeiten des Krieges und der Kriegsgefahr ist es wichtig, an eine grundlegende Tatsache zu erinnern: Kriege kosten sehr viele Menschenleben.

Entwicklungen des Gedenkens und Hierarchien der Opfer

In Luxemburg weist die offizielle Bilanz der Regierung 5.703 Personen aus, die durch den Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind.1)

Einige Vergleiche erlauben es, diese Bilanz zu relativieren. Setzt man die Zahl der Todesfälle ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, entspricht dies für Luxemburg 19 Todesfällen pro 1.000 Einwohner – mehr als die zehn Toten in Belgien, aber wesentlich weniger als die 145 Toten pro 1.000 Einwohner in der ehemaligen Sowjetunion und die 186 Toten pro 1.000 Einwohner in Polen.2) Ein großer Teil der Todesfälle in Osteuropa sind Juden, die im Rahmen der Schoah ermordet wurden.

Die Aufmerksamkeit, die den Opfern des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg zuteilwird, sowie der Platz der Opfer in der Hierarchie des Gedenkens haben eine historische Entwicklung erfahren. In der unmittelbaren Nachkriegszeit nahmen die Häftlinge aus den Konzentrationslagern, und insbesondere die politischen Gefangenen und Widerstandskämpfer, einen herausragenden Platz ein. Dann führten die Vereinigungen der Zwangsrekrutierten einen Kampf um die Anerkennung als „Opfer des Nationalsozialismus“, ein Titel, der ihnen durch das Gesetz vom 25. Februar 1967 zuerkannt wurde. Ein Titel, auf den die Juden als Opfer der rassistischen Verfolgungen durch die Nazis keinen Anspruch hatten, die bereits weitgehend von den Leistungen des Kriegsentschädigungsgesetzes von 1950 ausgeschlossen waren. Wie der Historiker Ben Fayot es formuliert hat: „La mémoire patriotique de l’après-guerre était sélective et ne s’intéressait pas aux Juifs.“3) Erst in den 1990er Jahren ersetzte schließlich der „Holocaust“ in der kollektiven Vorstellung und im öffentlichen Gedächtnis Luxemburgs „die Lager“, und die „Opfer der Schoah“ wurden zu einem Symbol für den Krieg im Westen.

Die Entwicklung der offiziellen Statistik der Kriegstoten in Luxemburg spiegelt dies wider.

Eine Korrektur aus dem Jahr 1995

Am 16. Mai 1995 veröffentlichte der Historiker Gilbert Trausch einen Gastbeitrag im Luxemburger Wort, um Aussagen zu korrigieren, die am 6. Mai im Rahmen des 50. Jahrestags des Kriegsendes in Europa in derselben Zeitung erschienen waren: „Les chiffres des victimes de la guerre (par rapport à la population totale) pour la Pologne (16,5%)4), l’URSS (10%) et l’Allemagne (7,7%) sont nettement supérieurs à ceux de l’Europe occidentale: Pays-Bas (2,4%), France (1,5%), Belgique (1%) et Grande-Bretagne (0,7%). Où placer le Luxembourg dans ce palmarès macabre? Un article récent du Luxemburger Wort (6 mai 1995, ‚Kriegsgeschädigtes Luxemburg‘)5) indique le chiffre de 2,8% arrondi dans le sous-titre à 3%. Ce chiffre placerait le Luxembourg en tête des pays victimes en Europe occidentale. Il s’agit là d’un chiffre excessif qui ne correspond pas à la réalité telle qu’elle se dégage de la recherche scientifique.“6) Tatsächlich stammten die Statistiken in dem Artikel „Kriegsgeschädigtes Luxemburg“ aus dem 1990 publizierten Buch „Livre d’or des camps. KZ an Emsiidlong“, das auf eine Gesamtzahl von 8.171 Todesfällen (2,8% der Bevölkerung)7) kam.

Als Beleg fügte Gilbert Trausch am Ende seines Gastbeitrags den vollständigen Text jenes Berichts über die Todesopfer des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg an, den Aloyse Raths, Präsident des „Conseil national de la Résistance“, und er selbst Premierminister Pierre Werner 1983 vorgelegt hatten. Dieser Bericht gibt als Quellen Veröffentlichungen des Demografen und Direktors des Statec Georges Als aus den Jahren 1973 und 1980 an,8) das „Livre d’or des victimes de la guerre de 1940-1945“ auf der Grundlage von Recherchen des Innenministeriums aus dem Jahr 1972, die von Marc Buck 1969 an der „École royale militaire de Bruxelles“ vorgelegte wissenschaftliche Arbeit über „Les jeunes Luxembourgeois ‚enrôlés de force‘ dans la Wehrmacht“, das Buch „Longtemps j’aurai mémoire. Documents et témoignages sur les Juifs du Grand-Duché de Luxembourg durant la Seconde guerre mondiale“ von Paul Cerf aus dem Jahr 1973, die vom „Conseil national de la Résistance“ zusammengetragenen Daten sowie die Resultate der laufenden Forschungen des Ökonomen Gérard Trausch im Rahmen seiner Doktorarbeit zur Sterblichkeit in Luxemburg im 20. Jahrhundert.9)

Der Bericht von 1983 schätzt die Zahl der Todesfälle auf 5.693: 3.208 „militärische“ Opfer – 3.150 in die Wehrmacht und den Reichsarbeitsdienst zwangsrekrutierte junge Männer, 58 in den RAD und den Kriegshilfsdienst (KHD) zwangsrekrutierte junge Frauen – sowie 2.485 Todesfälle unter Zivilisten. Anzumerken wäre, dass unter den „militärischen“ Toten lediglich die zwangsrekrutierten jungen Männer und Frauen aufgeführt sind. Die Zahl von 3.150 Zwangsrekrutierten stammt aus der Studie von Marc Buck, während im „Livre d’or“ des Innenministeriums lediglich 2.808 verstorbene Zwangsrekrutierte aufgeführt sind, und die Vereinigungen der Zwangsrekrutierten die Zahl der Todesfälle auf 3.500 schätzen. Die im Maquis und in den alliierten Armeen gefallenen Kämpfer finden sich somit unter den „zivilen“ Todesfällen. Die Doktorarbeit des Ökonomen Gérard Trausch, die 1987 an der Université libre de Bruxelles verteidigt wurde, korrigiert diese Zahlen leicht, indem sie zehn offizielle Todeserklärungen von vermissten Personen ergänzt, die in der Zwischenzeit erfolgt sind, wodurch sich die Zahl auf 5.703 erhöht (4.946 Männer und 757 Frauen).10) Dies entspricht 1,95% der Gesamtbevölkerung (293.000 im Jahr 1940), und nicht 3%.

Quellen: Livre d’or des victimes, Ministère de l’Intérieur, 1973; Rapport Raths/Trausch, 1983; Trausch Gérard, La mortalité au Luxembourg, 1997

Quellen: Livre d’or des victimes, Ministère de l’Intérieur, 1973; Rapport Raths/Trausch, 1983; Trausch Gérard, La mortalité au Luxembourg, 1997

Der Bericht von 1983 erwähnt noch eine andere Klassifizierung. Von den 5.693 Gestorbenen hatten 5.256 die luxemburgische Nationalität und 437 waren in Luxemburg wohnhafte Ausländer. Schließlich sind 4.400 der Gestorbenen im „Livre d’or des victimes luxembourgeoises de la guerre de 1940-1945“ mit dem Vermerk „Mort pour la Patrie“ aufgeführt: 2.808 Zwangsrekrutierte und 1.592 zivile Todesfälle (3.900 Männer und 500 Frauen).

In seinem Artikel im Bulletin des Statec von 1973 hatte Georges Als die folgenden Kategorien in der folgenden Reihenfolge in die „luxemburgischen Kriegsverluste“ einbezogen: zwangsrekrutierte junge Männer (Wehrmacht und RAD), zwangsrekrutierte junge Frauen (RAD und KHD), Widerstandskämpfer und Deportierte in Gefängnissen und Konzentrationslagern, nach Schlesien zwangsumgesiedelte Familien, Kämpfer im Maquis und den alliierten Armeen, in den Vernichtungslagern ums Leben gekommene Juden – sofern sie die luxemburgische Staatsangehörigkeit besaßen, wir kommen noch darauf zurück …, sowie die „autres décès dus à la guerre: personnes mortes pendant les évacuations de 1940 et 1944/45, aux victimes des obus et des bombes qui ont ravagé nos villes et villages, enfin aux personnes qui ont trouvé la mort au cours d’accidents en relation causale avec les événements de guerre ou qui ont succombé à une épidémie engendrée par la guerre“.11)

Der Ausschluss ausländischer Juden aus der Statistik der Kriegstoten

Vermutlich, weil diese Statistik den Rückhalt eines Historikers wie Gilbert Trausch genoss, der für seine wissenschaftliche Gründlichkeit bekannt ist, habe ich diese Zahlen lange Zeit nicht hinterfragt. Das war falsch.

Wie so oft war der Auslöser eine Situation, in der Forschungsergebnisse vorgestellt wurden, und die Antwort auf eine Frage. Im Juni dieses Jahres war ich zu Gast bei Olivier Catani bei RTL Télé Lëtzebuerg in einer Sendung des PISA-Wëssensmagazin, die sich unter anderem der Bedeutung der Migrationen in der Geschichte Luxemburgs widmete.12) Eine der Fragen betraf die Gründe für den Rückgang der luxemburgischen Bevölkerung während des Krieges und den Anteil von Ausländern an diesen Todesfällen.

Ein Satz aus Gilberts Trauschs Artikel von 1995 hätte mich stutzig machen sollen und sprang mir bei meiner erneuten kritischen Lektüre im Jahr 2025 ins Auge: „Des problèmes d’interprétation se posent sur la place des étrangers (présents sur le sol luxembourgeois au moment de l’occupation allemande) dans ce bilan: il y a les étrangers résidents et ceux simplement de passage, pour la plupart fuyant les Nazis.“ Diese „Interpretationsprobleme“ hatten Trausch und Raths dazu veranlasst, die ausländischen Juden, die Opfer der Schoah wurden, aus der Statistik der Todesopfer herauszulassen.

Woher kommen diese Interpretation und dieser Ausschluss? Man muss bis zu den Statistiken von Georges Als, dem Direktor des Statec, aus dem Jahr 1973 zurückgehen, den Gilbert Trausch als „premier à donner des chiffres valables“ bezeichnet. Nun war es aber Als, der die Ansicht vertrat, dass es richtig sei, die ausländischen Juden aus der Statistik auszuschließen: „Il convient de signaler que les Israélites ayant résidé au Luxembourg avant la guerre et morts dans les camps d’extermination ne figurent en principe dans ces statistiques que pour autant qu’ils avaient la nationalité luxembourgeoise; or, au recensement de la population de 1935, il y avait 870 Juifs de nationalité luxembourgeoise. L’inclusion dans nos chiffres des Israélites de nationalité allemande émigrés au Luxembourg risquerait de donner une image exagérée des pertes de guerre luxembourgeoises.“13)

Quellen: ANLux, Datenbank CDRR: Popjuive 1939-1945; C2DH, Datenbank Luxstapoje

Quellen: ANLux, Datenbank CDRR: Popjuive 1939-1945; C2DH, Datenbank Luxstapoje

Georges Als verzerrt und verdreht die Geschichte in mehrfacher Hinsicht. Erstens unterlässt er es, die zahlreichen Juden anderer ausländischer Nationalitäten zu erwähnen, die 1935 in Luxemburg lebten. Laut der Volkszählung von 1935, auf die er sich bezieht und die er kannte, lebten 3.144 Personen „jüdischen Glaubens“ in Luxemburg: 870 mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit, 2.274 mit nicht-luxemburgischer Staatsangehörigkeit. Als erwähnt jedoch unter diesen Ausländern lediglich die Deutschen: 1935 lebten 1.096 Juden mit deutscher Staatsangehörigkeit in Luxemburg. Er breitet also den Mantel des Schweigens über die 1.178 Juden anderer Nationalitäten, die im Großherzogtum wohnhaft waren, darunter vor allem 691 Polen. Zweitens verwendet er eine Terminologie, die weit davon entfernt ist, neutral zu sein. Indem er betont, dass sie „emigriert“ seien, greift er ein Konzept der Regierungspolitik gegenüber den Juden aus den 1930er Jahren auf. Die luxemburgische Regierung erkannte, ebenso wie andere europäische Länder, den vor den Nazis fliehenden Juden keinen Flüchtlingsstatus zu. Deshalb bezeichnet er sie als „Emigranten“ und nicht als „Flüchtlinge“. Drittens nimmt Als ihnen nachträglich den Rechtsstatus, den sie besaßen. Da sie keine Flüchtlinge waren, waren sie rechtlich betrachtet Einwohner des Großherzogtums, die als Ausländer nur mit einer vom Justizministerium ausgestellten Aufenthaltserlaubnis (ab 1934 der Ausländerausweis) nach Luxemburg einreisen und dort wohnen durften. Damit gehörten sie rechtlich zur Bevölkerung mit gewöhnlichem Aufenthalt. Erst ab 1939 erhielten etwa hundert Juden, die nach Luxemburg einreisen wollten, nur noch eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis.

Fassen wir zusammen: Die luxemburgische Regierung beschloss, auf Anraten von Experten wie Georges Als, in der offiziellen Bilanz der Todesopfer des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg die ausländischen Juden, die Opfer der Schoah wurden, nicht zu berücksichtigen. Nur 220 Juden mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit werden im „Livre d’or des victimes“ mit dem Vermerk „Mort pour la Patrie“ aufgeführt.

Obwohl eines der Kriterien der Statistik der gewöhnliche Aufenthalt in Luxemburg war, entschied Als dennoch, dass nach Luxemburg ausgewanderte Juden mit deutscher Staatsangehörigkeit ausgeschlossen werden sollten, und somit implizit alle ausländischen Juden. Die meisten dieser mehr als 2.274 ausländischen Juden, die 1935 legal in Luxemburg lebten, waren am 10. Mai 1940, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen ins Land, noch immer da. Hunderte kamen nach 1935 hinzu, auf der Flucht aus Deutschland, der Tschechoslowakei und Österreich. Die meisten von ihnen waren nicht „simplement de passage“ („auf der Durchreise“), selbst wenn eine Minderheit Emigrationspläne in Richtung der Amerikas oder Palästina hegte. Es waren der Einmarsch und später die antisemitische Politik des Nazi-Besatzers, die sie veranlassten, aus Luxemburg zu fliehen, oder dazu führten, dass sie in den Westen ausgewiesen und dann in den Osten deportiert wurden.

Dieser Ausschluss aus der Bilanz des Krieges steht im Einklang mit der Politik der luxemburgischen Nachkriegsregierung, die 1945 einer großen Anzahl ausländischer jüdischer Familien, die vor dem Krieg in Luxemburg gelebt hatten, die Erlaubnis verweigerte, ins Großherzogtum zurückzukehren, trotz der Versprechen der Exilregierung und trotz der Verfolgungen, denen sie während des Kriegs ausgesetzt gewesen waren.

Quellen: ANLux, Datenbank CDRR: Popjuive 1939-1945; C2DH, Datenbank Luxstapoje

Quellen: ANLux, Datenbank CDRR: Popjuive 1939-1945; C2DH, Datenbank Luxstapoje

Wer waren die 1.225 Juden aus Luxemburg, die der Schoah zum Opfer fielen?

Dank der Datenbank über die Juden Luxemburgs (CDRR: Popjuive 1939-1945), die seit den 1990er Jahren vom „Conseil national de la Résistance“ und dem Israelitischen Konsistorium Luxemburgs aufgebaut wurde, und dank der vom Luxembourg Center for Contemporary and Digital History (C2DH) durchgeführten Forschungen verfügen wir heute über eingehendere Kenntnisse im Hinblick auf die Juden, die am 10. Mai 1940 in Luxemburg lebten. Ihre Zahl wird auf zwischen 4.000 und 5.000 Personen geschätzt. Die in den letzten Jahren von MemoShoah mit der Unterstützung des Israelitischen Konsistoriums und der „Fondation luxembourgeoise pour la Mémoire de la Shoah“ durchgeführten Recherchen haben es ermöglicht, die ersten Chroniken über die Deportation der Juden aus Luxemburg zu vervollständigen, deren Grundstein der Journalist und Überlebende der Schoah Paul Cerf in den 1970er und 1980er Jahren legte. Die „Mauer der Namen“, die am vergangenen Sonntag in Anwesenheit von Claude Wiseler, Präsident der Abgeordnetenkammer, Elisabeth Margue, Justizministerin, und Sasha Baillie, Hofmarschallin, eingeweiht wurde, ermöglicht es, das Andenken der 1.225 jüdischen Opfer der Schoah, die in Luxemburg lebten, zu ehren und ihre Spuren zu bewahren. Diese Zahl entspricht in etwa den Schätzungen Paul Cerfs in seinem 1986 erschienenen Werk „L’Etoile juive au Luxembourg“, in dem von 1.200 Opfern die Rede ist.14)

Im Laufe des Sommers habe ich die Daten zu diesen 1.225 Personen bezüglich ihrer Nationalität und ihres Ankunftsdatums in Luxemburg nacheinander einzeln überprüft, indem ich Recherchen in nationalen und internationalen Datenbanken sowie dem Nationalarchiv durchführte und luxemburgische und ausländische Gemeindearchive kontaktierte, um die so gesammelten Informationen mit der vom C2DH entwickelten Datenbank Luxstapoje und den Erkenntnissen aus dem „Mémorial digital de la Shoah au Luxembourg“ (memorialshoah.lu) abzugleichen. Für 1.179 Personen konnte ich diese Daten rekonstruieren.

Von diesen 1.179 Opfern hatten 299, also ein Viertel, die luxemburgische Staatsangehörigkeit. Zur Erinnerung: Im „Livre d’or“ werden nur 220 Luxemburger Juden erwähnt. 880 waren Ausländer, staatenlos oder von unbestimmter Nationalität, darunter 424 Deutsche und 255 Polen. Was die Ankunftsdaten anbelangt, fällt auf, dass die Hälfte der Ausländer bereits vor 1933 im Land oder in Luxemburg geboren war, ein Drittel war zwischen 1933 und 1938 eingewandert sowie 17% 1939-1940. Beim Vergleich der Nationalitäten zeigt sich, dass die große Mehrheit der polnischen Juden (72%) vor 1933 angekommen war, während die Mehrzahl der deutschen Juden (84%) nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 einwanderte. Wenn man die Geburtsorte der größten Gruppe von Ausländern, der Deutschen, kartiert, springt besonders ins Auge, dass es sich um eine Einwanderung aus der näheren Umgebung handelte, die hauptsächlich aus den benachbarten Provinzen Rheinland und Saarland erfolgte. Außerdem ist festzustellen, dass die Mehrheit derjenigen, die 1939-1940 einwanderten, tatsächlich Angehörige jüdischer Familien waren, die bereits in Luxemburg lebten und beim Justizministerium einen Antrag stellten, ihren Eltern, Schwiegereltern, Brüdern, Schwestern und Cousins die Erlaubnis zu erteilen, zu ihnen zu kommen.

Fazit: Die Bilanz der Kriegstoten in Luxemburg muss überarbeitet und vervollständigt werden. Die fehlerhafte Zahl von 5.703 Kriegstoten ist auf offiziellen Regierungsseiten immer noch zu finden.15) Es geht nicht nur um den Fall der fast 900 ausländischen Juden, die in Luxemburg lebten und nicht darin aufgeführt sind, sowie der fast 80 Luxemburger Juden, die fehlen. Hinzu kommen weitere Fragen. Wie hoch ist die genaue Zahl der verstorbenen Zwangsrekrutierten? Außerdem sind im „Livre d’or des victimes de la guerre“ lediglich die Namen jener 4.400 Personen vermerkt, die die Auszeichnung „Gestorben für das Vaterland“ erhielten, sowie 105 Namen von Vermissten. Was ist mit den verstorbenen luxemburgischen Freiwilligen in Wehrmacht und SS? Wir wissen auch nicht, wer die 437 ausländischen Personen sind, die in der offiziellen Bilanz zurückbehalten wurden. Handelt es sich um die zahlreichen ausländischen Opfer von Bombenangriffen? Um ausländische Widerstandskämpfer, die während der Deportation ums Leben kamen? Um Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen oder sowjetische Kriegsgefangene, die in Luxemburg starben? Wie viele junge Italiener, die die luxemburgische Staatsangehörigkeit angenommen hatten und dennoch von Mussolini mithilfe des deutschen Okkupanten zum Militärdienst einberufen wurden, sind umgekommen?

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs steht eine Bilanz der kriegsbedingten Todesopfer in Luxemburg, die auf wissenschaftlichen Kriterien und Methoden sowie auf einer Auswertung und Analyse sämtlicher verfügbaren Quellen basiert, weiterhin aus.

(Die Grafiken wurden von Gaspare Tortorici, Postdoktorand am C2DH, erstellt.)

1) Livre d’or des victimes luxembourgeoises de la guerre de 1940 à 1945. Publié par le Ministère de l’Intérieur avec l’appui des administrations communales, Luxembourg, 1972; Rapport d’Aloyse Raths et de Gilbert Trausch sur les décès dus à la Deuxième Guerre mondiale au Luxembourg à Pierre Werner, du 18 février 1983, Luxemburger Wort, 16.5.1995, S. 4; Trausch Gérard, La mortalité au Luxembourg 1901-1995, Cahiers économiques 88, Luxembourg, Statec, 1997, S. 138.

2) https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/zmg-2025-2-zweiter-weltkrieg-in-zahlen-5937218.

3) Fayot Ben, La Shoah à Luxembourg. 80 ans pour sortir du „flou“, Série La spoliation des biens juifs (3), Tageblatt, 26.11.2024, S. 10.

4) Gilbert Trausch bezieht sich hier auf fehlerhafte Zahlen aus den 1970er Jahren.

5) rh, Kriegsgeschädigtes Luxemburg: Luxemburg verliert im Krieg drei Prozent der Bevölkerung. Nur Polen, die Sowjetunion und Deutschland schlimmer, Luxemburger Wort, 6.5.1995, S. 10.

6) Trausch Gilbert, Tribune libre: Un lourd bilan. Les victimes luxembourgeoises de la guerre, Luxemburger Wort, 16.5.1995, S. 4.

7) Publiziert in: Rappel. Organe de la Ligue luxembourgeoise des prisonniers et déportés politiques, Luxembourg, Nr. 5/6, 1990, S. 497.

8) Als Georges, La Deuxième Guerre mondiale et l’évolution de la population luxembourgeoise (1940-1973), Bulletin du Statec, XIX, 9, S. 294-301; Als Georges, Statistiques des années de guerre (1939-1945), Bulletin du Statec, XXVI, 1980, 1-2, S. 109-124.

9) Trausch Gérard, Etude approfondie de la mortalité au Grand-Duché de Luxembourg: méthodes statistiques, analyse des conséquences socio-économiques, recherches de méthodes d'analyse avec application à la statistique luxembourgeoise depuis 1900, (3 volumes), Thèse de doctorat, ULB, 1987.

10) Trausch Gérard, La mortalité au Luxembourg 1901-1995, op. cit., 1997.

11) Als Georges, 1973, op. cit., S. 295.

12) Lëtzebuerg fréier, haut a muer. Dem Land seng Onofhängegkeet, Migratioun a Sprooch. RTL, 15.6.2025, https://play.rtl.lu/shows/lb/pisa-de-wessensmagazin/episodes/r/3418273.

13) Als Georges, 1973, S. 295.

14) Cerf Paul, L’étoile juive au Luxembourg, Préface de Serge Klarsfeld, Luxembourg, RTL Edition, 1986, p. 177.

15) https://luxembourg.public.lu/fr/societe-et-culture/histoire/deuxieme-guerre-mondiale.html (letzter Zugriff: 26.9.2025)

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