Porträt
Wie Paläontologe Ben Thuy in Luxemburg uralte Meeresbewohner entdeckt
Sein Büro ähnelt einem Fossilienlager, sein Herz schlägt für Schlangensterne – und auf dem Schlagzeug tobt er sich aus. Ben Thuy verbindet Neugier mit Muskelkraft und erzählt, warum echte Forschung nichts mit Hollywood zu tun hat.
Der Paläontologe Dr. Ben Thuy vor dem Ichthyosaurier im Naturmuseum (MNHN) Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
„Die Luft von vor 250 Millionen Jahren einmal schnuppern zu können, wäre schon spannend“, sagt Ben Thuy im Gespräch mit dem Tageblatt. Wenn er in der Zeit zurückreisen und sein heutiges Wissen mit einpacken könnte, würde er in die Trias eintauchen. „Damals lebten noch skurrile Reptilien und es war der Anfang der Säugetiere. Blumen oder Vögel gab es noch nicht.“ Wie es wohl gerochen hat und was der Soundtrack dieses Zeitalters war, stellt selbst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor einige Rätsel. „Ich könnte mit eigenen Augen überprüfen, ob wir mit unseren heutigen Behauptungen richtig liegen“, meint er lächelnd. Dr. Ben Thuy ist Paläontologe und seit zehn Jahren Forscher im „Musée national d’histoire naturelle de Luxembourg“ (MNHN) in Luxemburg-Grund.
Das Gespräch findet im Büro des 39-Jährigen statt, das eher an ein Sammelsurium an steinigen Kuriositäten und Proben von Fossilien erinnert: Überall liegen kleine Kästchen mit Proben, Regale mit Schubladen ragen bis unter die Decke. Ein Mikroskop dient zur Untersuchung der großen und kleinen Fossilien, die überall im Büro zu sehen sind.
Ein Beispiel eines Schlangensterns – dem Meeresbewohner, dem Ben Thuy einen Großteil seiner Forschung widmet Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Zwischen Schlangenstern und Jurassic Park
Der Forscher hat sich bereits früh auf Schlangensterne spezialisiert: „Eines meiner Vorbilder war von Anfang an Dominique Delsate, der bis heute als freischaffender Wissenschaftler für das Museum tätig ist“, erzählt Ben Thuy. „Er hat mich schon früh gefördert und mir Artikel zum Lesen gegeben, die sich mit Schlangensternen beschäftigten.“ Seine Leidenschaft für Steine entdeckte er im Kindesalter, die Eltern hatten keinen akademischen Hintergrund. Eine Kernerinnerung ist ihm bis heute im Gedächtnis – als er als kleiner Junge in Rümelingen seinen ersten versteinerten Seeigel entdeckte. Er begleitete fortan seinen Vater, der ihm den Zugang zu Steinbrüchen ermöglichte. „Die Filme ‚Jurassic Park‘ und ‚Indiana Jones‘ trugen natürlich auch dazu bei, dass ich endgültig Feuer gefangen habe“, fügt er hinzu und lacht.
Seine Studien absolvierte er im baden-württembergischen Tübingen. „Normalerweise studiert man das Fach nicht direkt, sondern nähert sich entweder aus einer Organismus-Perspektive anhand der Biologie oder einer Stein-Perspektive anhand der Geologie.“ Thuy hat sich für die geologische Herangehensweise entschieden, da es für ihn wichtig ist, zuerst den Stein zu verstehen und dann das Fossil. Um Fuß in der Forschung zu fassen, schrieb er nach seinem fünfjährigen Studium eine Doktorarbeit an der Universität in Göttingen.
Ben Thuy verbringt viel Zeit am Mikroskop, um Proben von Fossilien genauer unter die Lupe zu nehmen Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Der Paläontologe wurde im November 2023 mit dem nationalen „Grand-Prix“ der Geologie-Wissenschaften für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Trotz dieser Errungenschaft ist er eine eher verhaltene Person, die aber manchmal im Scheinwerferlicht brilliert: Der 39-Jährige ist Schlagzeuger einer luxemburgischen Metalband. Schaut man sich seine persönliche Fossil-Sammlung an, erkennt man diesen Einfluss an Namen wie „Ophiacantha oceani“, „alissawhitegluzae“ oder zuletzt „Ophiopetagno Doro“. Namensträger sind etwa Bands wie The Ocean, Musikerinnen wie Alissa White-Gluz und Doro Pesch. „Beide Welten ergänzen sich gut, es gibt viele Wissenschaftler, die in Bands spielen, und viele Metal-Musiker, die sich für die Wissenschaft interessieren“, erklärt er.
„Fort Boyard“ in Consthum
„Nein, die Figur des Ross Geller in der Serie ‚Friends’ stellt kein realistisches Beispiel von einem Paläontologen dar“, sagt Ben und lacht. Über die Paläontologie gebe es einige Missverständnisse: „Viele stellen sich fälschlicherweise einen Archäologen vor, der Fossilien frei pinselt – dem ist aber nicht so.“ Es handele sich um eine Naturwissenschaft, die vollen Körpereinsatz verlangt. „Wir arbeiten mit schwerem Werkzeug in den Steinbrüchen und nutzen Hammer und Pickel, um die Steinwände zu durchbrechen – die kindliche Faszination, die in uns erweckt, wenn wir etwas Neues entdecken, lässt uns die Strapazen aushalten.“ Außerdem seien Dinosaurier zwar die Botschafter der Naturwissenschaft, viel interessanter seien allerdings die kleinen, unscheinbaren Entdeckungen, die es in Luxemburg zahlreich gibt.
An eine filmreife Szene kann sich der Wissenschaftler dann doch erinnern: Im März vergangenen Jahres haben Thuy und sein Team einen Riesen-Seeskorpion in Consthum im Ösling geborgen. „Wir baggerten eine Gesteinsschicht frei und kletterten mit unseren Helmen in die Grube, um uns die fossilreiche Schicht anzuschauen“, erklärt er. „Wir erkannten den Riesen-Seeskorpion, gleichzeitig lief Wasser aus dem Gestein, es war wie in einem ‚Indiana-Jones‘-Film oder bei ‚Fort Boyard‘. Wir mussten also die Körpersegmente freilegen, während uns das Wasser in die Stiefel lief – und wir endlich das Fossil bergen konnten.“
Ein Tag als Paläontologe
Könnte man die einzelnen Aufgaben dieses abwechslungsreichen Jobs zusammenwürfeln und in einen prall gefüllten Tag packen, sehe dieser laut Ben Thuy folgendermaßen aus:
– morgens auf dem Büro E-Mails beantworten, die über Nacht etwa aus Amerika gesendet wurden;
– Büroarbeit erledigen;
– Proben am Mikroskop untersuchen und manche in die jeweilige Sammlung aufnehmen;
– mittags bei einer Grabung im Steinbruch helfen und Fossilien bergen;
– die letzte halbe Stunde dafür nutzen, zu einer Konferenz ins Ausland fahren und nebenbei wissenschaftliche Artikel verfassen und/oder die von anderen Forschern überarbeiten.