Editorial
Wenn Mosar und Baerbock zu Geschwistern im Geiste werden: Populistische Forderungen nach einer Absage der WM in Katar
Foto: dpa/Nikku/XinHua
Wer hätte das gedacht? Da liegen CSV-Twitterkönig Laurent Mosar und die deutsche Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, doch tatsächlich mal auf einer Linie. Nein, es geht dabei nicht um Klimaschutz und auch nicht ums Gendern. Beide sprachen sich, wie auch andere Politiker, nach der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan gegen die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar aus. Eine durchaus berechtigte Forderung – allerdings zum jetzigen Zeitpunkt damit zu kommen, hat schon populistische Züge. Katar finanziert die Taliban nicht erst, seitdem der Westen ein Desaster am Hindukusch erlebt hat.
Gründe für einen Boykott der WM in Katar gibt es genügend und die sind seit Jahren gut dokumentiert. Angefangen mit Korruptionsvorwürfen um die Vergabe des Turniers über eine mehr als besorgniserregende Menschenrechtslage und die 6.500 Gastarbeiter, die laut Recherchen des Guardian in den vergangenen zehn Jahren bei den Arbeiten an den Stadien ums Leben gekommen sind, bis hin zur Terrorfinanzierung des Emirats. All diese Fakten haben in den vergangenen Jahren zu keiner wirklich tiefgründigen politischen Auseinandersetzung mit der WM in Katar geführt. Erst jetzt machen einige auf beleidigte Leberwurst und wollen nicht mehr mitspielen. Auf einmal darf der ach so unpolitische Sport auch wieder für Politik genutzt werden.
Dabei hätte eine kritische Auseinandersetzung, nicht nur mit der Weltmeisterschaft in Katar, sondern überhaupt mit der Vergabe von Sportgroßereignissen, schon längst auf internationaler Ebene stattfinden müssen. Wir sehen den Sport immer aus unserer westlichen Perspektive, aber der Sport ist ein weltweites Allgemeingut. Eine Debatte darüber, welche Werte er vermitteln soll und für welche Werte ein Ausrichter einer Weltmeisterschaft, von Olympischen Spielen oder sonst einer Großveranstaltung stehen sollte, wäre nicht nur eine interessante, sondern überfällige Diskussion, die bis zu den Nazi-Spielen 1936 in Berlin zurückgeht. Es folgten die Boykott-Spiele in Moskau, die Sommerspiele 2008 in Peking, die Winterspiele 2014 in Sotschi, die European Games 2015 in Baku und 2019 in Minsk, um nur die paar zu nennen.
Der kürzlich verstorbene Sportfunktionär Gian Franco Kasper hatte einmal in einem Interview mit dem Schweizer Tages-Anzeiger erklärt, dass die Organisation von Sportevents in Diktaturen einfacher sei. Ob das die Ausrichtung in totalitären Staaten rechtfertigt, ist eine andere Frage, über die sich die Sportwelt und die Politik gemeinsam Gedanken machen sollten.
Vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar im Dezember 2022 findet noch ein weiteres, ebenfalls sehr umstrittenes Sportevent statt: die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Ob das Verwaltungsratsmitglied der Bank of China Laurent Mosar und die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock mit Blick auf die Menschenrechtslage in China und die Verfolgung der Uiguren wieder zu Geschwistern im Geiste und einen Boykott fordern werden?