Editorial
Warum der Nationalfeiertag in der aktuellen Rassismusdebatte einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt
Nationalfeiertag hinterlässt angesichts der aktuellen Rassismusdebatte einen bitteren Nachgeschmack. Ideal wäre es, irgendwann mal einen Tag zu feiern, an dem es um Menschen geht. Foto: Gerry Schmit
Die zahlreichen „Roude Léiw“-Fahnen, die am 23. Juni an Hausfassaden hingen, und die vielfachen „Heng“-Posts, die auf Instagram und Facebook geteilt wurden, hinterließen in diesem Jahr einen bitteren Nachgeschmack. Im Kontext der aktuellen Rassismusdebatte wirkt es befremdlich, eine einzelne Nation zu feiern.
Denn die letzten Wochen haben deutlich gemacht: Luxemburg hat ein Rassismusproblem – und es wird totgeschwiegen. Wer darauf beharrt, Rassismus würde es hier nicht geben, ist selbst Teil des Problems. Wie ätzend die Diskriminierung noch immer sein kann, zeigen ein paar Beispiele aus der Tageblatt-Serie „Rassismus in Luxemburg“. Eine 14-Jährige läuft tränenüberströmt nach Hause, weil jemand ihr an der Bushaltestelle nachgerufen hat, sie habe als Mensch mit dunkler Hautfarbe nichts in diesem Land zu suchen.
Ein 16-jähriger schwarzer Junge wird von einem Mitschüler immer und immer wieder mit dem N-Wort beschimpft. Als ihm irgendwann der Kragen platzt und er seinem Angreifer eine verpasst, wird der Schüler vom Lehrpersonal und dem Schulpsychologen als das eigentliche Problem dargestellt. In Elterngesprächen fallen pauschalisierende Aussagen auf wie: „Wir wissen von anderen afrikanischen Vätern, dass sie handgreiflich werden. Ist das bei Ihnen nicht vielleicht auch das Problem?“
Ein anderer Junge äußert in der Grundschule den Wunsch, ins „Lycée classique“ zu gehen. Die Antwort des Lehrers könnte rassistischer nicht sein: „Glaubst du wirklich, dass du mit der Hautfarbe ins ‚Classique‘ gehen wirst?“
Selbst wenn das die drei einzigen Beispiele für Rassismus in Luxemburg wären – und das sind sie bei weitem nicht –, wären es drei zu viel. Und wie viele haarsträubende Beispiele braucht es noch, damit sich auch der letzte Luxemburger nicht mehr hinter seiner „Roude Léiw“-Flagge versteckt und über seine eigenen Glaubenssätze nachdenkt, ohne sich gleich angegriffen zu fühlen und in die Defensive zu gehen? Auch wenn das alles andere als angenehm ist.
Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sein Handeln zu reflektieren, zu lernen und sich Fragen zu den Privilegien als weißer Mensch zu stellen. „Würde ich wollen, dass meine Kinder so diskriminiert werden?“, könnte eine dieser Fragen sein.
Der bittere Nachgeschmack des 23. Juni 2020 bleibt. Vor allem deshalb, weil der Tag nicht genutzt wurde, um darüber zu reden, wie wir als multikulturelle Gesellschaft weiter zusammenleben wollen. Worin besteht der Sinn, eine Nation zu feiern, die sich mit der eigenen Diversität rühmt, Gleichberechtigung jedoch nur teilweise lebt?
Schön wäre es, wenn wir im nächsten Jahr den Europatag am 9. Mai und die damit verbundene Diversität mindestens genauso feiern würden wie den Nationalfeiertag. Ideal wäre es, irgendwann einmal einen Tag zu feiern, an dem es um Menschen geht. Eine Art „Karneval der Kulturen“, wie es ihn in Berlin gibt, als Statement für eine weltoffene und friedliche Gesellschaft, in der jeder Mensch immer und überall die gleichen Chancen und Rechte hat.