Interview

Tom Delles nach offenem Brief der ADR: „Den Populisten das Feld nicht überlassen“

Nachdem Tom Delles als Direktor der Ackerbauschule am Freitag ins Visier der ADR geraten war, nimmt er im Tageblatt-Interview Stellung und sieht kein Fehlverhalten seinerseits. Ein Gespräch über Bürgerpflichten und die Gefahren des Rechtspopulismus.

Tom Delles sieht es als seine Bürgerpflicht, auf die Gefahren von Rechtsextremismus und des allgemeinen Rechtsrucks in der Politik hinzuweisen

Tom Delles sieht es als seine Bürgerpflicht, auf die Gefahren von Rechtsextremismus und des allgemeinen Rechtsrucks in der Politik hinzuweisen Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Die ADR richtete am vergangenen Freitag einen offenen Brief an den Minister des Öffentlichen Dienstes, Serge Wilmes (CSV), in dem sich die Partei über das Verhalten des Direktors der Ackerbauschule, Tom Delles, beschwerte. Dieser habe den ADR-Abgeordneten Jeff Engelen anlässlich einer Gedenkfeier für die Zwangsrekrutierten des Zweiten Weltkrieges öffentlich gedemütigt und beleidigt. Delles hatte es abgelehnt, Engelen die Hand zu geben, und ihm gesagt, er solle sich schämen, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Während die ADR die Frage nach der Berufsethik im offenen Brief aufwirft, erklärt Delles im Tageblatt-Interview, wieso er wieder so reagieren würde.

Tageblatt: Herr Delles, am Freitag hat die ADR einen offenen Brief an den Minister des öffentlichen Dienstes gerichtet und sich über Ihre Aussagen gegenüber Jeff Engelen beschwert. Wie haben Sie das aufgenommen?

Tom Delles: Ich fand den öffentlichen Brief nicht sonderlich schlimm. Sie haben auch schon versucht, gegen die Direktorin des „Lycée technique pour professions éducatives et sociales“ vorzugehen (sie hatte auf der Diplomfeier ihrer Schule vor rechtsextremen und faschistischen Tendenzen gewarnt, Anm. d. Red.). Was mich eher stört, ist, dass die ADR systematisch versucht, Leute mundtot zu machen, und sich so immer weniger Menschen trauen, etwas zu sagen, und so keine Diskussionen entstehen können. Ich habe über das Wochenende sehr viele positive Rückmeldungen bekommen. Es tut gut, zu sehen, dass es da draußen noch andere Menschen gibt, die sich gegen rechte Tendenzen stellen wollen.

Haben Sie denn versucht, mit der ADR in eine Diskussion zu kommen?

Ich habe ihnen über Monate immer wieder auf Facebook geschrieben, sie um Zahlen und Fakten gebeten, die ihre Aussagen untermauern, aber quasi nie eine Rückmeldung bekommen. Und wenn, dann ging keiner aus der Partei wirklich auf den Inhalt ein. Zum Beispiel hatte Herr Keup mich auf seinem Chamber-Profil blockiert. Nun hat er mich wieder entblockt und mir einfach einen Auszug aus dem Beamtenstatut als Antwort gepostet, ohne jeden Zusammenhang.

In meinen Augen verletze ich die Neutralität nicht, wenn ich mich für die Wahrheit starkmache

Ist Facebook denn das richtige Medium für so eine Diskussion?

Man muss diesen Leuten dort begegnen, wo sie sind, und das sind nun mal die sozialen Medien. Wir sehen in Deutschland, welchen Erfolg die AfD bei jungen Wählern hat. Das liegt auch daran, dass sie die sozialen Medien sehr erfolgreich nutzen. Wenn ich dort aber sehe, dass Politiker oder Parteien mit populistischen Schlagwörtern kommunizieren, dann sehe ich es als meine Bürgerpflicht, dem entgegenzutreten und Fake News oder Halbwahrheiten nicht einfach so stehenzulassen. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel. Der Abgeordnete Tom Weidig hat auf Facebook behauptet, dass wir quasi keine legale Migration haben, da die Migranten, die nach Luxemburg kommen würden, nicht aus Kriegsgebieten zu uns kommen. Als ich ihn daraufhin nach Zahlen gefragt habe, bekam ich wieder keine Antwort. Dabei sind die Zahlen über die „demandeurs de protection internationale“ öffentlich und da zeigt sich ganz klar, dass die allermeisten Menschen aus Ländern zu uns kommen, in denen Krieg herrscht oder kriegsähnliche Zustände herrschen (von Januar bis Juli 2024 wurden die meisten Anträge auf internationalen Schutz von Personen aus Eritrea und Syrien gestellt, Anm. d. Red.).

Laut ADR sollen Sie mit Ihren Äußerungen gegen die politische Neutralität verstoßen haben, die von Beamten verlangt wird. Was sagen Sie dazu?

In meinen Augen verletze ich die Neutralität nicht, wenn ich mich für die Wahrheit starkmache. Ich habe einen Eid auf die Verfassung und damit auch auf die Wahrung der Menschenrechte abgelegt. Ich kann ihnen noch ein rezentes Beispiel nennen. Der Abgeordnete Tom Weidig forderte am Montag in einem Facebook-Post, dass unsere konsultative Menschenrechtskommission abgeschafft werden soll. Das ist in meinen Augen ein Skandal und das kann man doch nicht einfach unkommentiert stehen lassen. Sollte aber festgehalten werden, dass ich einen Fehler begangen habe, werde ich auch die Konsequenzen hierfür tragen.

Die ADR wirft Ihnen konkret vor, in Ihrer Position als Schuldirektor den Abgeordneten Jeff Engelen öffentlich gedemütigt zu haben. Wie stehen Sie dazu und würden Sie heute anders reagieren?

Ich war als Schuldirektor auf eine Gedenkfeier für die Zwangsrekrutierten im Zweiten Weltkrieg eingeladen und habe es dort abgelehnt, dem Abgeordneten Jeff Engelen die Hand zu geben, und ihm meine Meinung gesagt. Wir haben an dem Tag auch einen Blumenkranz niedergelegt, um der Schüler der Ackerbauschule zu gedenken, die im Zweiten Weltkrieg wegen der Nazis gestorben sind. Wenn ich dann sehe, dass ein Politiker, der Mitglied einer Partei ist, in der einzelne Personen immer wieder die Verbrechen der Nazis relativieren, indem sie zum Beispiel Mitglieder tolerieren, die Nazisymbole tragen, dann dreht sich mir der Magen um.

Sie haben als Schuldirektor viel mit Jugendlichen zu tun. Ist das Teil Ihrer Motivation?

Meine Motivation ist es, auf die Gefahren des Rechtsextremismus und den Konsequenzen des allgemeinen Rechtsrucks in der Politik hinzuweisen. Das sehe ich jetzt aber eher als meine Pflicht als Bürger als in Zusammenhang mit meinem Beruf. Ich kann mich nur wiederholen. Ich finde, dass man Populisten das Feld nicht überlassen darf. Und das Feld sind halt zum großen Teil die sozialen Medien. Ich verstehe auch nicht, wieso die anderen Parteien da nicht konsequenter gegen populistische Äußerungen vorgehen. Was meine Arbeit als Schuldirektor angeht, bin ich stolz, in einer Schule zu arbeiten, in der sich das Lehrpersonal für eine tolerante Gesellschaft einsetzt und wir als Schule ab diesem Jahr eine „semaine de la tolérance“ einführen wollen.

Als Bürger werde ich definitiv weiter gegen Rechtspopulismus vorgehen. Alles andere würde gegen meine humanistische Erziehung gehen.

Kommen wir noch einmal zurück auf den offenen Brief. Haben Sie bereits eine Rückmeldung vom Minister des öffentlichen Dienstes bekommen?

Noch nicht. Aber ich würde mich über eine Reaktion des Ministers für den öffentlichen Dienst oder des Bildungsministers freuen.

Werden Sie Ihr Engagement in Zukunft fortsetzen und was wollen Sie damit bewirken?

Ja, als Bürger werde ich definitiv weiter gegen Rechtspopulismus vorgehen. Alles andere würde gegen meine humanistische Erziehung gehen. Noch einmal: Man kann populistische und falsche Aussagen nicht einfach stehen lassen, auch wenn es nach einer Sisyphusarbeit aussieht. Ich will meinen Teil zu einer aufgeklärten Gesellschaft beitragen und würde mir eine offene und faktenbasierte Diskussion wünschen, auch mit der ADR.

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