Editorial

Superjhemp der Transparenz: Warum Jeannot Waringos neue Mission komplizierter ist

Jeannot Waringo ist harte Missionen gewöhnt

Jeannot Waringo ist harte Missionen gewöhnt Foto: SIP/Luc Deflorenne

Unumstritten ist er. Keine Frage. Unantastbar sollte er aber nicht sein: Jeannot Waringo. Mit dem nach ihm benannten Bericht zeigte er, dass weitreichende Kritik subtil vermittelt werden kann. Dem „Rapport Waringo“ gelang das Unvorstellbare: die Funktionsweise des „Haff“ zu hinterfragen, einen Reformprozess anzustoßen und die symbolische Vorbildfunktion der Monarchie zu wahren – ein kleines Meisterstück. Ob es bei Waringos neuer Aufklärungsmission wiederholbar ist?

Zunächst stellt sich die Frage, worauf sein Erfolg und seine Popularität beruhen. Da wäre, dass Waringo auf Präzision, Menschenkenntnis und trockenen Humor setzt. Die höfische Personal- und Finanzpolitik wurden eher mit feiner Feder als durch grobe Kommentierung analysiert. Dass er Kult-Charakter hat, lässt sich durch sein geliebtes RTL-Zitat, er arbeite „gratis“, veranschaulichen. Denn dieses „gratis“ steht für jene Eigenschaften, die so mancher Politiker charakterlich und intellektuell vermissen lässt: Unabhängigkeit, Integrität und eine gesunde Dosis Narrenfreiheit.

Der ehemalige Direktor der Finanzinspektion muss niemandem mehr etwas beweisen, keine Wahlen gewinnen, und scheint sich auch nicht besonders damit schwerzutun, der fleischgewordene Superjhemp der institutionellen Transparenz zu sein. Ganz im Gegenteil: Seine Finanzexpertise und lange Berufserfahrung machen aus ihm eine quasi unangreifbare Persönlichkeit – er arbeitet sachorientiert und im Dienste des Landes. Wer Waringo heute kritisiert, muss sich morgen ggf. die Kritik gefallen lassen, „Gemauschels“ zu dulden. Umso interessanter ist vor diesem Hintergrund die Beobachtung einer weiteren Kultfigur, nämlich des Enfant terrible der Pandemiebekämpfung: Virologe Prof. Claude Muller.

Was Muller und Waringo verbindet: Beide sind recht unbequeme Gesellen, wenn es ums Inhaltliche geht. Während Waringo bei seiner ersten Mission rechtliche Steine in den Weg gelegt wurden, wirkte Muller oft wie ein Rufer in der Wüste. Beide geben jedoch offensichtlich nur ungern nach. Der 44 Seiten umfassende Waringo-Bericht ist ungeschönt veröffentlicht worden. Muller hat im Rückblick wiederum oft recht behalten. Jüngstes Beispiel: Er plädierte bereits früh dafür, weniger Impfdosen zu bunkern – genau dieser Strategiewandel ist jetzt Realität geworden. Und Muller gehörte zu jenen, die nicht müde wurden, zu wiederholen, wie wichtig es sei, die Umstände von Corona-Clustern wie z.B. jenem im Niederkorner Seniorenheim „Um Lauterbann“ zu untersuchen.

Genau diese Mission soll Waringo jetzt mit seiner Expertengruppe leiten. Nähere Details werden erst festgelegt. Die Untersuchung soll aber einerseits wissenschaftlich-epidemiologischen Fragen nachgehen und andererseits administrative Prozesse in betroffenen Einrichtungen überprüfen. Seit Waringo den Hof durchleuchtet hat, zweifelt vermutlich kaum jemand daran, dass ihm Ähnliches in Alters- und Seniorenheimen gelingt. Dass er jedoch beim wissenschaftlichen Teil den zuarbeitenden Experten ausgeliefert sein könnte, bringt Claude Muller mit einer unbequemen Frage auf den Punkt: Braucht Waringo Fachkenntnisse, um seine Kontrollfunktion ganz zu erfüllen? Die Antwort hierauf wird maßgeblich den Erfolg der Untersuchungsmission bestimmen.

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