Editorial

Sprengstoff: Die politische Dimension der Bommeleeër-Affäre

Als Jean-Claude Juncker im Februar 2014 beim Bommeleeër-Prozess in den Zeugenstand trat

Als Jean-Claude Juncker im Februar 2014 beim Bommeleeër-Prozess in den Zeugenstand trat Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Eine politische Tragweite hatte die Bommeleeër-Affäre von Anfang an. Die Anschläge, die sich von 1984 bis 1986 ereigneten, warfen bereits zu Beginn Fragen über die Sicherheitslage in Luxemburg auf. Schließlich herrschten damals, obwohl es bereits Zeichen der Entspannung gab, noch der Kalte Krieg und besonders auf Geheimdienstebene eine ausgeprägte Paranoia. Über die fiebrige Stimmung jener Zeit gab das Archiv, das der Geheimdienst (SREL) von einer großen Zahl bespitzelter Bürger angelegt hatte, einigen Aufschluss.

Eine politische Stoßrichtung besaß auch das häufig genannte mögliche Motiv der Täter – zu zeigen, wie angeblich schlecht die Sicherheitskräfte ausgerüstet und organisiert gewesen seien. „Explosiver“ erschien jedoch die mutmaßliche internationale Dimension der Anschlagserie, die später als Ermittlungspiste diente: Dabei wurde eine Verbindung zu dem „Stay Behind“-Netzwerk der NATO ins Spiel gebracht. Auch wenn die parlamentarische Geheimdienstkontrollkommission in ihrem Bericht 2008 zum Schluss kam, dass es „kein Anzeichen einer Verbindung irgendeiner Art“ zwischen den Attentaten und dem Netzwerk gegeben habe, spielte die Theorie im Bommeleeër-Prozess eine bedeutende Rolle.

Lange Zeit schien Gras über die Affäre gewachsen zu sein, bis die Justiz die Affäre Ende der 90er Jahre wieder aufgriff. Die für die Aufdeckung der Anschlagserie zuständige Gruppe der Kriminalpolizei wurde verstärkt. Doch die Ermittlungen zogen sich dahin. Wie sich herausstellte, bestanden sie aus Pleiten, Pech und Pannen, hervorgerufen durch eine Mischung aus Unvermögen und dem mutmaßlichen Unwillen zur lückenlosen Aufdeckung. Den Stein erneut ins Rollen brachten die unermüdlichen Recherchen der beiden Journalisten Marc Thoma und Nico Graf von RTL mit ihrer akribischen Berichterstattung 20 Jahre nach den Anschlägen.

Eine fast schon skurrile Episode aus der Bommeleeër-Saga ließ manche die Frage aufwerfen, wie es wohl mit der Gewaltenteilung im Großherzogtum stehe: Dabei handelte es sich um das Auftreten eines anfangs anonymen Zeugen, der sich zuerst bei RTL meldete und dann von Premierminister Jean-Claude Juncker empfangen wurde, um diesem zu erzählen, dass er kurz vor einem der Anschläge den Bruder des Großherzogs in der Nähe des Tatorts gesehen hätte. Es war, als hätte der gewählte Bürgermeister einer Westernstadt einfach den Job des Sheriffs übernommen. Dass es doch noch deutlich politischer gehen sollte und die Affäre sich als höchst explosive „Staatsaffäre“ entpuppte, zeigte die daran anknüpfende Episode: Juncker, der das Dossier zur Chefsache erklärt hatte, sah sich dazu bewogen, Großherzog Henri aufzusuchen, um mit ihm über den Fall zu sprechen. Dies stellte sich, zusammen mit der illegalen Abhöraktion per Armbanduhr durch den damaligen Geheimdienstchef Marco Mille, als Auftakt der späteren SREL-Affäre heraus – das Prequel oder Sequel der Saga, was 2013 zu vorgezogenen Neuwahlen führte und Juncker letztendlich den Job kostete. Allein schon der Verdacht, der Großherzog würde mit dem britischen Geheimdienst zusammenarbeiten, vom Hof im Dezember 2012 dementiert, bot genügend politischen Sprengstoff.

Diese geballte Ladung, eine Vielzahl von Akten und Auftritten in einem großen Schauspiel, in dem auch der heutige Premierminister Luc Frieden zumindest eine Nebenrolle spielte, als er den damaligen Staatsanwalt Robert Biever fragte, ob die Bommeleeër-Ermittlungen überhaupt noch opportun seien, fand Eingang in den bis dahin größten Prozess der luxemburgischen Justizgeschichte, der insgesamt 177 Tage dauerte und im Juli 2014 ausgesetzt wurde. Die beiden Angeklagten des Mammutverfahrens wirkten bald nur noch wie zwei Schachfiguren, wie zwei Bauernopfer in einem Spiel höherer Mächte. In dem nun anstehenden Prozess geht es vor allem um Lüge und Wahrheit. Ob und wann es um Schuld und Sühne in dieser Staatsaffäre geht, weiß niemand.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Editorial

Die SPD ist im Abstiegskampf – und keine Retter in Sicht

Leserforum

Cynisme européen