Gastbeitrag
Sexismus gegen Männer: Gibt es so etwas überhaupt?
Nicht zuletzt seit der #MeToo-Bewegung wurden sexistische Übergriffe gegen Frauen mediatisiert. Selbst nachdem zahlreiche Beispiele von verbaler und/oder körperlicher Gewalt an die Öffentlichkeit gedrungen waren, bleibt noch viel zu tun. Als Reaktion auf diese Arbeit hört man nicht selten die Aufforderung, dass Medien sich auch mit Sexismus gegen Männer auseinandersetzen sollten. Eine einfache Antwort auf die Frage, ob Sexismus gegen Männer existiert, gibt es nicht.
Wird von Sexismus gegen Männer gesprochen, sollte man dies aus einer differenzierten Perspektive tun Foto: dpa/Jens Kalaene
Bei dem Begriff „Sexismus“ handelt es sich um einen Oberbegriff für eine Vielzahl von unbewussten und bewussten Diskriminierungshandlungen auf der Basis des Geschlechtes. Dies kann von verbalen bis hin zu körperlichen Übergriffen gehen. Die Grundlage für Sexismus sind immer Geschlechtertheorien und Vorurteile, die davon ausgehen, dass Frauen und Männer einen ungleichen sozialen Status haben. Sexismus ist eine Form von Diskriminierung und Diskriminierung funktioniert immer auf die gleiche Art. Diskriminierung ist strukturelle Benachteiligung und basiert auf einer Machthierarchie. Demnach funktioniert Diskriminierung immer in eine Richtung; von oben nach unten, weshalb Personen an der Macht in der Regel von den bestehenden Strukturen profitieren.
Im Großteil der westlichen Länder, so auch in Luxemburg, stehen weiße, heterosexuelle Männer in der Gesellschaft „oben“. Grundsätzlich bilden sie die Bevölkerungsgruppe, die Macht ausübt, und können demnach nicht sexistisch diskriminiert werden. Gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung bleibt ihnen im Gegensatz zu unterdrückten Gruppen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe nicht verwehrt.
Sexuelle Belästigung nicht gleichbedeutend mit Sexismus
Dass es keinen Sexismus gegen weiße, heterosexuelle Männer gibt, heißt nicht, dass es keine sexuelle Belästigung gegen diese Gruppe gibt. Bei sexueller Belästigung handelt es sich um konkretes, sexuell bestimmtes Verhalten, das von einer Person oder einer Gruppe als unerwünscht oder verletzend empfunden wird. Alle Menschen können Opfer sexueller Belästigung werden. Einige Männer-Aktivisten führen an, dass es durch die privilegierte Position von Männern in der Gesellschaft schwerer ist, ernst genommen zu werden, wenn man über einen sexuellen Übergriff berichten will. Für sie ist dies auch eine Form von Sexismus, weil in der Gesellschaft die Meinung verbreitet sei, Männer könnten nicht sexuell belästigt werden, da sie sich leichter wehren könnten.
Scheint die Argumentation auf den ersten Blick schlüssig, so scheint es fragwürdig, ob man die eigene privilegierte Position als Diskriminierungsmerkmal anführen sollte. Dies sollte aber nicht als Legitimation für sexuelle Übergriffe gegenüber Männern aufgenommen werden, da jegliche Form von sexueller Belästigung nicht nur als ethisch verwerflich anzusehen, sondern auch strafbar ist.
„Männer“ – ein vager Begriff
Wenn man von Diskriminierung gegen „Männer“ spricht, setzt man ein Etikett auf ein biologisches Geschlecht, das die Unterschiedlichkeit innerhalb dieser Gruppe ignoriert. Ein differenzierter Blick zeigt, dass Menschen, die sich als Transmänner oder intersexuelle Menschen definieren, sehr wohl unter Sexismus leiden. Gerade intersexuelle Menschen sind immer wieder damit konfrontiert, dass sie in einem binären System, in dem es nur „Mann“ und „Frau“ gibt, keine Anerkennung für die eigene Existenz finden. Dies ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, in dem Luxemburg anderen Ländern hinterherhinkt.
Zudem können auch weiße Männer, die zum Beispiel homosexuell sind oder eine Behinderung haben, Opfer von Diskriminierung werden. Hier handelt es sich dann allerdings um Homophobie, Ableismus oder Klassismus, aber nicht um Sexismus.
Eine Form von Sexismus betrifft jedoch schwarze Männer oder People of Color, der sogenannte „Ethnosexismus“. Hierbei werden Sexismus und Rassismus verknüpft. Dies bedeutet, dass diesen Personen aufgrund ihres Geschlechtes und ihrer Ethnie eine bestimmte Sexualität zugeschrieben wird. So wird zum Beispiel bei sexuellen Übergriffen häufig „die andere Kultur“ oder „Rasse“ als Erklärung dargestellt. Dabei benutzt man bewusst oder unbewusst Begriffe aus rechten Diskursen und vergisst oder ignoriert, dass keine „Rassen“ gibt, „Rassismus“ allerdings schon.
Fazit
Wird also von Sexismus gegen Männer gesprochen, sollte man dies aus einer differenzierten Perspektive tun. Die Thematik verdeutlicht, wie irreführend Verallgemeinerungen sein können. In allen Fällen gilt es sexuelle Belästigung zu melden und in Fällen von Sexismus diese systemisch aufzuarbeiten. Ein kleiner Anfang kann das Hinterfragen des eigenen Handelns und der eigenen Position innerhalb der Gesellschaftsstrukturen sein.
* Andy Schammo studiert Erziehungswissenschaften an der Universität Luxemburg und schreibt seine Abschlussarbeit zum Thema „Institutionelle Diskriminierung im Luxemburger Bildungswesen“. Er setzt sich privat gegen Diskriminierung und Ungleichheiten ein.