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Zwei Rilke-Biografien decken komplexes Verhältnis des Autors zu Faschismus, Frauen und Esoterik auf

2025 und 2026 wurde und wird sowohl Rainer Maria Rilkes 150. Geburtstags (4. Dezember 1875) wie auch seines 100. Todestages (29. Dezember 1926) gedacht. Im Zeichen dieser seltenen Koinzidenz und in Anbetracht eines popkulturellen Bedeutungsschubes, der nicht zuletzt durch Lady Gagas Outing als Rilke-Fan losgetreten wurde, sind eine Vielzahl an Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen zu verzeichnen. Genauso wie zwei Rilke-Biografien.

Zwei Rilke-Biographien von Hans-Peter Kunisch und Sandra Richter eröffnen andere Perspektiven auf den bekannten Dichter 

Zwei Rilke-Biografien von Hans-Peter Kunisch und Sandra Richter eröffnen andere Perspektiven auf den bekannten Dichter Quellen: Reclam Verlag (l.)/Insel Verlag (r.), Collage: Editpress

Rilke und die Herzogin von Mailand

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg lernte Rainer Maria Rilke während eines Vortragsabends in Venedig das Geschwisterpaar Maria und Aurelia Cittadella Vigodarzere kennen. 1918 heiratete Aurelia den Adeligen Tommaso Gallarati Scotti und trug fortan ganz offiziell den Titel „Herzogin von Mailand“.

Zwei Jahre später suchte sie über gemeinsame Münchner Bekannte den Kontakt zu dem Dichter, und eigentlich ist der rege Schriftverkehr zwischen ihm und Aurelia Gallarati-Scotti in der Zeitspanne von 1921 bis zu Rilkes Tod 1926 schon seit Jahrzehnten unter dem Begriff „Lettres milanaises“ bekannt (die Korrespondenz erfolgte ausschließlich in Französisch). Allerdings wurde er in seinem Nachlass, zwischen all den anderen und wahrscheinlich viel wichtigeren Dokumenten, irgendwie verkramt. Könnte man meinen.

Es ist aber auch nachvollziehbar, dass man die darin getroffenen Aussagen Rilkes zu Mussolini bzw. autoritären Regierungsformen allgemein nicht unbedingt an die große Glocke hängen wollte. Bitte nicht noch so ein rechtslastiger deutscher Dichter und Denker! Zumal Rilke rechtzeitig das Zeitliche segnete, um noch irgendwie mit dem Nazi-Terror, der ab den frühen 1930er Jahren losbrach, in Verbindung gebracht werden zu können. Man kann dem Autor Hans-Peter Kunisch nicht die ein oder andere ironische Spitze in seinem hervorragenden Buch „Das Flimmern der Raubtierfelle: Rilke und der Faschismus“ zur bislang praktisch inexistenten Forschung bezüglich dieser Briefe übel nehmen, sondern sollte dankbar dafür sein, dass er dem sekundärwissenschaftlichen Notstand mit dieser Publikation ein Stück weit Abhilfe geschaffen hat.

Rilke gegen Aurelia Gallarati-Scotti

Eine andere Lesart geht direkt von den Briefen zwischen der Herzogin und Rilke aus: Man hat nämlich den Eindruck, als würde die Entschiedenheit, mit der Aurelia Gallarati-Scotti ihre Argumente gegen Mussolini vorträgt, Rilke allein schon dadurch zum Widerspruch und zur Übertreibung provozieren. Was wiederum einen sehr interessanten Aspekt in den Fokus des aufmerksamen Lesers rückt, den Sandra Richter mit ihrer Rilke-Biografie ausführte: Rilkes Verhältnis zu den Frauen war stark von Konkurrenzdenken geprägt. Sollten die Damen in seiner Umgebung aus der Musen- bzw. Unterstützerinnenrolle heraus- und in eine eigenständige, gar widerständige Position rücken, war es mit Rilkes vielgerühmtem Einfühlungsvermögen gegenüber dem weiblichen Geschlecht nicht mehr weit her. Mit anderen Worten: Er wurde zickig. Und das kann man mitunter ganz unverwandt in eben diesem Briefkontakt mit der Herzogin nachverfolgen.

Das Cover zum Buch von Hans-Peter Kunisch: „Das Flimmern der Raubtierfelle. Rilke und der Faschismus“, erschienen im Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2025

Das Cover zum Buch von Hans-Peter Kunisch: „Das Flimmern der Raubtierfelle: Rilke und der Faschismus“, erschienen im Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2025 Quelle: Reclam Verlag

Überhaupt erscheinen Aurelia Gallarati-Scottis dezidierte Reden gegen den Faschismus als Sehnsuchtsort sowie reale Bedrohung kultureller Fortschritte, die trotz aller Widerstände und Katastrophen, quasi in deren Windschatten, von der Zivilgesellschaft errungen wurden, für heutige Leserinnen und Leser viel interessanter als Rilkes Hoffen auf einen wütenden Führer, der das heruntergekommene Italien durchaus in stellvertretender Weise (auch Deutschland war in den frühen 1920ern in einem erbarmungswürdigen Zustand) zu alter Größe führen sollte.

Gewissermaßen hat Hans-Peter Kunisch mit seinem „Flimmern der Raubtierfelle“ eine Art Doppelbiografie verfasst. Denn Aurelia Gallarati-Scotti tritt hier mit ihrer „gelassenen Klarheit eines großherzigen Humanismus“ mindestens ebenbürdig gegenüber Rilke und dessen „faschistischen Fantasien von Gewalt und Ordnung“ in Erscheinung. Wer sich darüber wundert, dass ausgerechnet eine Angehörige des italienischen Hochadels gegen Mussolini opponierte und sich für eine offene, freie Gesellschaft aussprach, sollte vielleicht nach Lebensdaten ihres Ehemanns Tommaso Gallarati-Scotti Ausschau halten, der in Sachen Antifaschismus ebenfalls alles andere als ein unbeschriebenes Blatt war.


Ungewohnte Perspektiven auf Leben und Werk

Mit ihrem Buch „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“ hebt Sandra Richter nicht auf Rilke als weltberühmten Dichter ab, „der er nicht war“, sondern konzentriert sich auf ihn als „quirligen und nervösen Autor“, der jenseits seines unzweifelhaften literarischen Talents eine nicht von der Hand zu weisende Anziehungskraft auf Frauen wie auch auf Männer auszuüben vermochte.

Befasst sich mit dem Schicksal der Frauen, die mit Rilke in Kontakt waren: die Autorin Sandra Richter

Die Autorin Sandra Richter befasst sich mit dem Schicksal der Frauen, die mit Rilke in Kontakt waren Foto: David Ausserhofer/Insel Verlag

Für Schriftsteller, die ihren Verlagen keine Bestseller wie seinerzeit Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger liefern konnten, war es existenziell wichtig, ein Netzwerk an Unterstützern aufzubauen und am Leben zu erhalten, wollten sie kontinuierlich als Autoren arbeiten. Nicht nur in Rilkes Fall waren Frauen in diesen Netzwerken nahezu allgegenwärtig, aber Sandra Richters Blick auf dessen Umfeld macht exemplarisch deutlich, wie eng diese sozialen mit ökonomischen Komponenten verwoben waren.

Die Frauen in Rilkes Leben

Unter den vielen Frauen, die sich um Rilke tummelten, ragen drei besonders heraus: die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé als seine Förderin, die Bildhauerin und spätere Ehefrau Clara Westhoff sowie Balandine Klossowska, welche in Rilkes letzter Lebensphase einen Großteil seiner allernächsten Lebensumstände in der Schweiz buchstäblich erschuf und regulierte. Erstmals standen Sandra Richter für diese Biografie Briefe von Rilke an seine Tochter Ruth zur Verfügung, die bislang unbekannt waren. Teile des Schriftverkehrs von Clara Westhoff mit ihrem Mann sind dagegen noch immer rechtlich geschützt und konnten nicht eingesehen werden.

Sandra Richter veröffentlichte „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“ 2025 im Insel Verlag, Berlin

Sandra Richter veröffentlichte „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“ 2025 im Insel Verlag, Berlin Quelle: Insel Verlag

Ein weiterer Schwerpunkt in Sandra Richters Buch befasst sich mit dem Mysterium um Rilkes multiple chronische Erkrankungen – weshalb behandelnde Ärzte ihn häufig als Hypochonder abstempelten – und seinen frühen Tod. Auch da konnte die Autorin auf bislang nicht bekannte Quellen zugreifen, die den Verdacht wahrscheinlich machen, dass der Dichter auch infolge seiner manischen Suche nach alternativen Heilmethoden an einer durch Bleivergiftung ausgelösten Leukämie gestorben ist.

Letztendlich schafft die Autorin mit ihrem etwas anderen Blick auf Rilke eine Aktualisierung, ein Zurechtrücken dessen, was auch hundert Jahre nach seinem Ableben als dessen Image – Esoteriker und durchgeistigtes, weltfremdes Genie als Stichworte – immer noch in aller Öffentlichkeit zirkuliert.

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