Bleivergiftungen in Polen
Mini-Serie „The Lead Children“ erzählt vom Kampf der Ärztin Jolanta Wadowska-Krol
Die polnische Mini-Serie „The Lead Children“ erzählt die wahre Geschichte der Ärztin Jolanta Wadowska-Krol und ihren Kampf gegen Bleivergiftungen in den 1970er-Jahren in Polen. Über eine Frau, die jedem Widerstand trotzte.
Sie setzte ihr eigenes und das Leben ihrer Familie für Kinder in Polen aufs Spiel: die Kinderärztin Jolanta Wadowska-Krol, auf diesem Foto gespielt von der Schauspielerin Joanna Kulig Foto: Netflix
Es ist Nacht. Ein beigefarbenes Auto hält an einer Müllkippe. Zwei Männer zerren Jolanta Wadowska-Krol (Joanna Kulig) aus dem Wagen, den Kopf bedeckt ein Stoffbeutel. Vor ihr steht Hubert Niedziela (Michal Zurawski). Er zieht die Haube ab, blickt der Kinderärztin in die Augen. „Shall we dance?“, fragt er. Mit dieser Szene wird die polnische Mini-Serie „The Lead Children“ (polnisch: „Olowiane Dzieci“) von Maciej Pieprzyca eröffnet. In fünf weiteren Folgen stellt sich heraus, wie es zu diesem Aufeinandertreffen kommt und warum die Tanzaufforderung eine Drohung ist.
Diagnose: Bleivergiftung
Hubert Niedziela, ehemaliger Fabrikarbeiter und nun Geheimdienstagent für den Staat, ist ein fiktiver Charakter. Wadowska-Krol (1939-2023) hat dagegen wirklich gelebt. Ihr Engagement steht im Mittelpunkt der Serie. Die Geschichte führt somit in das kommunistische Polen der 1970er-Jahre, an den Rand des Industriegebiets Szopienice – ein Ort, der Jolanta Wadowska-Krol damals den Schlaf raubte.
Nach dem Studium arbeitete sie in Katowice, zunächst in der Beratungsstelle im Stadtteil Szopienice. Bald bemerkte sie: Zahlreiche Kinder aus der Umgebung zeigten Symptome einer Bleivergiftung. Ihre Vermutung richtete sich gegen das nahegelegene Hüttenwerk, dessen Abgase Luft und Boden verseuchten. Sie begann nachzuforschen.
Die Serie zeichnet den Weg der Ärztin nach und vermischt dabei historische Ereignisse mit Fiktion. Die Erzählung wird immer wieder durch Propaganda-Filmchen unterbrochen: Pieprzyca offenbart die wirtschaftliche Bedeutung des Hüttenwerks für die Region und den Staat. Die Politik heizt die Arbeiter*innen gegen die Ärztin auf. Sie misstrauen ihr, greifen sie zunächst an. Sie bangen um ihre Jobs, nicht um die Kinder. Erst nach und nach lassen sie Untersuchungen zu. Vor allem die Mütter, die Wadowska-Krol die Wohnungstür öffnen.
Lang verkannte Heldin
Die Studienergebnisse sollen nicht nur belegen, wie stark das Werk Umwelt und Kinder vergiftet, sondern auch in Wadowska-Krols Doktorarbeit einfließen – ein Vorhaben, das auf wahren Begebenheiten beruht.
In der Realität wurde Wadowska-Krols Dissertation, die sie 1975 abschloss, nie veröffentlicht. Die Arbeit wurde hart kritisiert und zensiert. Die Ärztin entschied sich in der Folge gegen ein Doktorat. Aktionen, die der Staat nach ihren Untersuchungen zum Schutz der Kinder unternahm, wurden als Vorsichtsmaßnahmen verkauft.
Die Kinderärztin erhielt erst Jahrzehnte später Anerkennung für ihre Forschung: 2015 durch die Medaille der Medizinischen Universität Schlesien, 2017 durch die Ehrenbürgerwürde der Stadt Katowice, 2021 durch einen Ehrendoktortitel der Schlesischen Universität.
Der starke Inhalt der Serie tröstet derweil über die teils dürftigen Schauspielleistungen und den Kitsch hinweg. „The Lead Children“ ist nämlich nicht nur ein aufreibendes politisches Drama, sondern auch ein spätes Denkmal für Jolanta Wadowska-Krol sowie für alle Frauen, die sich trotz Sexismus, staatlicher Repression und Ablehnung für das Gemeinwohl einsetzen.