„Capitani“-Casting

Präsidentin der „Femmes socialistes“ reagiert auf Kritik von Tageblatt-Text

Maxime Miltgen ist seit November 2019 Präsidentin der „Femmes socialistes“, seit 2018 Mitglied der LSAP, studiert Jura an der Uni.lu und arbeitet in der Kommunikationsabteilung des Innenministeriums. In diesem Text reagiert die 27-Jährige auf den Tageblatt-Artikel „Die Kritik am „Capitani“-Casting ist ein Blick in ein intellektuelles Vakuum“.

Maxime Miltgen reagiert auf die Kritik an ihren Aussagen zum „Capitani“-Casting

Maxime Miltgen reagiert auf die Kritik an ihren Aussagen zum „Capitani“-Casting Archivfoto: Julien Garroy / Editpress

Ein Versuch, eine intellektuell und theoretisch fundierte Antwort zu liefern:

Tom Haas hat mir vorgeworfen, mit meiner Aussage gegen den öffentlichen Aufruf zum Casting für die zweite Staffel der luxemburgischen Serie „Capitani“ ins Klo gegriffen zu haben. Bevor ich mich der eigentlichen Problematik widme, möchte ich kurz auf meine Ausdrucksweise und meine Wortwahl in meinem Facebook-Post eingehen. Ich bin stets bemüht, einen theoretisch fundierten Text zu schreiben, wenn dieser für eine Zeitung bestimmt ist. Schreibe ich jedoch etwas auf meinen Social-Media Accounts oder gebe ein Interview, spreche und schreibe ich so, wie der Mund mir gewachsen ist, und versuche nicht verkrampft etwas zu sein, was ich erstens nicht bin und zweitens definitiv nicht sein möchte.

Meiner persönlichen Meinung nach versuchen zu viele junge Menschen, die sich in der Politik versuchen, sich immer sehr gewählt und zurückhaltend auszudrücken, um ja niemandem auf die Füße zu treten. Wenn man diesen Weg jedoch beschreitet und jedes Wort und jede Aussage immer wieder verändert und abwägt, kann es oft passieren, dass die Authentizität und Würze verloren gehen. Ich bin 27 Jahre alt und keine Intellektuelle, sondern habe mich dazu entschlossen, mich als junger Mensch für Themen einzusetzen, die mich oder Andere stören und diskriminieren, und das auf meine Art und Weise, die nicht jedem passen wird und soll. Parteien und junge Politiker bekommen oft einen Mangel an Authentizität, eigener Identität und Ehrlichkeit vorgeworfen, dann sollte man jedoch auch anerkennen, dass es manche gibt, die sich anders ausdrücken wollen, um auf ein Problem aufmerksam zu machen.

Nun zur inhaltlichen Kritik meines Facebook-Posts: Im Rahmen der intellektuellen Ehrlichkeit und dem Bemühen, eine intellektuell ehrliche Debatte zu führen, sind die Auslegungen von Tom Haas, wer Grundrechte einklagen kann und gegen wen, klar und richtig. Jedoch ging es mir in meinem Facebook-Post darum, eine Emotion auszudrücken und nicht um juristische Feinheiten. Falls man sich also eine intellektuell und theoretisch fundierte Debatte wünscht, könnte man durchaus zum Hörer greifen und die angeprangerte Person zu ihren Beweggründen befragen, um der ethischen Frage sachlich auf den Grund zu gehen. In dieser Debatte ging es mir darum, den strukturellen und systematischen Rassismus und Sexismus aufzuzeigen.

Ich habe bewusst die Begriffe „strukturell“ und „systematisch“ verwendet, da es einen wichtigen Unterschied zwischen Rassismus und Sexismus und strukturellem und systematischem Rassismus und Sexismus gibt! Das Problem bei einer Struktur oder einem System liegt darin, dass sie sich auf Routinen aufbauen und unbewusst die Entscheidungen vieler Menschen beeinflussen. Das heißt, dass sich Menschen rassistisch oder sexistisch verhalten, ohne dies bewusst zu tun und ohne jemandem bewusst schaden zu wollen, weil diese „Meinungen“ in unserer Gesellschaft routinemäßig, strukturell verankert sind. Das bedeutet jedoch auch im Umkehrschluss, dass diese Arten von Rassismus und Sexismus viel schwerer zu erkennen und demnach zu bekämpfen sind, da sich viele Menschen nicht bewusst sind, dass ihr Verhalten falsch oder diskriminierend ist.

Bei diesen ethischen Fragen, geht es jedoch nicht um die Intention des Verfassers, die bestimmt keine schlechte war, sondern um den Impakt, den dieser Aufruf ausgelöst hat. Wenn sich eine Gruppe von Menschen oder gar eine einzelne Person angegriffen und diskriminiert fühlt, gilt die ethische Frage als beantwortet. Ich habe mich mit einigen Betroffenen ausgetauscht und alle haben sich diskriminiert, angegriffen und verletzt gefühlt, daher handelt es sich um einen ethischen Fehltritt. Auf der anderen Seite haben sich vor allem weiße Männer an meinem Post gestört, was meine Theorie, dass es sich um strukturellen und systematischen Rassismus und Sexismus, der schwer zu erkennen und zu verstehen ist, letztlich nur noch stärker untermauert.

Eine wichtige Tatsache sollte jedoch unbedingt Eintritt in die politische Debatte finden. Ich habe fälschlicherweise von einer Verletzung von Grundrechten geschrieben. Was jedoch die eigentliche Frage aufwirft: Sollten Grundrechte nicht unbedingt bindend für uns alle sein? Inwiefern dürfen sich Privatpersonen und Unternehmen über Regeln hinwegsetzen, die eine Gesellschaft sich gegeben hat? Sollten nicht alle und vor allem solche wie die Produktion hinter der Serie „Capitani“, die mit einer Netflix-Reichweite sehr viele Menschen erreichen werden und demnach eine Verantwortung tragen, Grundrechte akzeptieren und manche Grenzen nicht mehr überschreiten dürfen? Wie kann es sein, dass wir diese Rechte dem Staat gegenüber einklagen dürfen, jedoch nicht gegenüber Firmen oder Privatpersonen, die sehr viele Menschen beeinflussen und Klischees verstärken können?

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