Editorial
„Pech, domm gaang“
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Ein wenig die Heizung herunterdrehen, nicht so oft Auto fahren – alles wird gut. Was aber, wenn Putins Krieg bald in unseren Wohnzimmern ankommt? Ein Gedankenspiel.
Sie stehen zu Hause, sind viel zu spät, es geht drunter und drüber. Nicht gefrühstückt, aufgerieben zwischen Familie und Job und dann das: Das Licht geht aus. Wieder mal. Duschen im Dunkeln, streikende Kaffeemaschine, kritische Infrastruktur außer Betrieb: Ihre Routinen stocken. Der Akku kann nicht aufgeladen werden, der Toaster streikt, bleibt also nur der Griff zum Telefon. „Gudde Moien, wéi kann ech Iech hëllefen?“ Sie erklären, dass der Strom zum x-ten Mal ausgefallen ist. Die Service-Hotline des Stromanbieters bleibt freundlich, aber bestimmt. Man tue, was man könne. Aber: Seit der Eskalation des Russland-Kriegs gehörten spontane Energiepannen zum Alltag. Sie denken an die alte Luxemburger Weisheit: PDG – „Pech, domm gaang“.
Es folgt das gleiche Ritual: Zum Nachbarn gehen, klingeln, kein Signal, Sie klopfen an der Tür. Ob der Strom denn auch hier wieder ausgefallen sei. Ja, okay, danke, zurück. Die Katastrophe hält sich noch in Grenzen. Es ist hell, sie ziehen eine Jacke an, hilflos sieht anders aus. Im Worst Case müssen die auftauenden Lebensmittel und Getränke wieder vor die Tür oder auf den Balkon gestellt werden. Aber es nervt. Unendlich. Sie überlegen kurz: Soll ich von zu Hause aus arbeiten oder im Büro? Die Stromversorgung schwankt seit Monaten im ganzen Land – Energiekrise sei Dank. Sie rufen also kurz „op der Schaff“ an, achten auf die Batterie und laden das Gerät später im Auto. „Hei ass grad näischt“, antwortet eine Kollegin. Ein schwacher Trost, die neue Routine etabliert sich: Rein ins Auto und hoffen, dass dieser Krieg nicht schlimmer wird, noch näher rückt.
So in etwa könnte die harmloseste Eskalation des Ukraine-Kriegs diesen Winter aussehen. Während Politiker darauf bedacht sind, die Bevölkerung zu beruhigen, zeigen die Entwicklungen, wie fragil die internationale Stabilität ist: Das deutsch-französische Duo ringt um Einheit, die EU-Energieminister um gangbare Lösungen und Soldaten sowie Diplomaten entscheiden über Krieg und Frieden in der Ukraine. Es entfaltet sich trotz des absoluten Desasters das immer gleiche Spektakel: Nationale Interessen haben Vorrang, Hilfspakete werden oft im Alleingang geschnürt und europäische Initiativen in den Hintergrund gedrängt. Die Gefahr aus europäischer Sicht: aufgerieben zu werden zwischen den üblichen Schwergewichten USA und Russland. Und: von interessanten Märkten wie z.B. China ferngehalten zu werden. Doch all diese Entwicklungen sind für uns erst im Alltag spürbar, wenn es zu spät ist: Strom aus, lange Lieferzeiten für Bestellungen und sehr unangenehme Arbeitsbedingungen.
Spätestens jetzt sollte deshalb jeder darauf achten, was sich in der Politik tut, denn: Die kommenden Wochen und Monate bestimmen nicht nur den Ausgang des Ukraine-Kriegs, sondern auch unser Leben – „bis an d’Stuff op de Canapé“.