Covid-19
Nach Kritiken der Patientenvertretung: AMMD nimmt Impfkampagne in Schutz
Mit Beginn der fünften Phase und der Eröffnung eines weiteren Impfzentrums nimmt die Impfkampagne weiter Fahrt auf. Gleichzeitig häufen sich die Beschwerden der „Patiente-Vertriedung“. Im Visier: die Verantwortlichen der Impfkampagne und die Luxemburger Ärzteschaft. Von mangelnder Transparenz bei der Vergabe von Impfstoffen geht die Rede, von einer fehlenden Einsatzbereitschaft der Ärzte und von Profitgier. Vorwürfe, die der Dachverband der Ärzte weit von sich weist.
Im Vorgespräch mit dem Arzt werden mögliche Vorerkrankungen und etwaige Allergien abgeklärt. Gutachten des Hausarztes werden dabei ignoriert, kritisiert die Patientenvertretung. Foto: Editpress/Julien Garroy
„Das Problem ist – und das ist außergewöhnlich –, dass wir relativ viele Briefe erhalten, in denen die Leute auf dieses Phänomen eingehen“, betont René Pizzaferri. Im Gespräch mit dem Tageblatt pocht der Präsident der „Patiente-Vertriedung“ darauf, dass die Kritik an der Impfkampagne nicht auf dem Verdruss einer Handvoll nachtragender Patienten fußt, sondern durchaus Substanz habe.
Tatsächlich sah sich die Patientenvertretung innerhalb der letzten sieben Tage gleich zwei Mal dazu gezwungen, mit ihren Beschwerden die Öffentlichkeit einzuschalten. Zum einen, weil sich verschiedene Ärzte geweigert haben sollen, ihre Patienten auf Impflisten einzutragen, und zum anderen, weil Vorerkrankungen bei der Vergabe der Stoffe in den Impfzentren augenscheinlich keine Rolle spielen.
Es sind also nicht nur die Gesundheitsbehörden, die die Luxemburger Patientenvertretung ins Visier nimmt, sondern auch die Ärzteschaft des Landes. Mit teils schwerwiegenden Vorwürfen, wie sich im Gespräch mit Präsident René Pizzaferri herausstellt. Tatsächlich sei der Patientenvertretung zu Ohren gekommen, dass verschiedene Ärzte sich weigerten, ihre Patienten in Impflisten einzutragen. Und das entgegen der Angaben der Gesundheitsbehörden.
Genaue Gründe für dieses Vorgehen werden im Kommuniqué nicht genannt. Im Gespräch mit dem Tageblatt aber nimmt Präsident Pizzaferri kein Blatt vor den Mund: Er vermutet Profitgier hinter dem Vorgehen. Das Eintragen in Impflisten und Ausstellen diesbezüglicher Atteste soll nämlich künftig unter Rechnung gestellt werden können. Dies sei zumindest in der aktuellen Vorlage des noch zu verabschiedenden großherzoglichen Reglements so vorgesehen, meint Pizzaferri.
„Es handelt sich also nicht um einen Dienst am Patienten, sondern um eine zusätzliche Gebühr, die rückwirkend auf den 19. März angewendet werden kann“, so Pizzaferri. Er wolle nicht sämtliche Ärzte unter Generalverdacht stellen: „Es sind sicher auch Ärzte dabei, die ihrem Patienten mit Recht den Eintrag auf eine Impfliste verweigern, weil sie die Bestimmungen nicht erfüllen“, so Pizzaferri. Allerdings gehe er davon aus, dass vereinzelte Mediziner erst die Verhandlungen ums großherzogliche Reglement abwarten, bevor sie ihren Patienten ein Attest ausstellen.
Warten auf Post
Gefährdete Patienten können den Eintrag bei ihrem behandelnden Hausarzt oder Spezialisten beantragen. Entsprechen sie den Bestimmungen der aktuellen Impfphase, muss der Arzt über seinen beruflichen myGuichet-Zugang nur die Sozialversicherungsnummer des Patienten eintragen. Daraufhin erscheint der Name des Betroffenen und eine Spalte mit der Impfkategorie, die der Arzt einstellen muss. Per Post wird dem Patienten dann eine Einladung zugestellt.
Ein absolut begrüßenswerter Vorgang, wie Dr. Guillaume Steichen von der AMMD („Association des médecins et médecins-dentistes“) betont. „Die Prozedur wurde so vereinfacht, dass man den Behörden eigentlich ein Lob aussprechen sollte“, so der Generalsekretär des Dachverbandes, der sämtliche Vorwürfe der Patientenvertretung von sich weist.
Die AMMD sei vielmehr „total überrascht“: „Weil das nicht dem Feedback entspricht, das wir von unseren Mitgliedern und von der Santé erhalten haben“, erklärt Dr. Steichen. Auch sei man sich nicht sicher, um wie viele Fälle es sich genau handelt. Laut Jahresbilanz wird die Patientenvertretung täglich mit zwei bis drei Anrufen konfrontiert. Dem stünden rund 20.000 Kontakte zwischen Patienten und Ärzten am Tag gegenüber, so der AMMD-Generalsekretär. „Wenn wir dann davon ausgehen, dass nicht sämtliche Anrufe Beschwerden sind, hält sich die Kritik wirklich in Grenzen“, betont Dr. Steichen.
Allerdings gibt der Mediziner zu, dass die Informationskampagne um die neuen Impfphasen in den letzten Wochen nachgelassen hat. „Das war verbesserungswürdig“, so der Arzt. Jedoch sollte man in dieser Hinsicht die Abwesenheit der Gesundheitsministerin nicht außer Acht lassen.
Insofern sei der aktuellen „Polemik“ der Patientenvertretung wohl auch etwas Positives abzugewinnen: „Dadurch werden die Betroffenen vielleicht wieder auf die Kampagne und die aktuellen Bestimmungen aufmerksam“, unterstreicht Dr. Steichen. „Sie können sich also jederzeit bei ihrem Arzt melden.“ Die Prozedur sei einfach. „Von unseren Mitgliedern haben wir kein Feedback erhalten, dass damit etwas nicht stimmen sollte oder nicht im Sinne eines Patienten sei“, so der Generalsekretär der AMMD. „Deshalb wurden wir von den Vorwürfen der Patientenvertretung und der ganzen Polemik richtig überrascht.“
Mangelnde Transparenz bei Impfstoffvergabe
Mit „der ganzen Polemik“ ist nämlich nicht nur der Vorwurf an die Ärzteschaft gemeint. In einer zweiten Pressemitteilung gestern Morgen hat die Patientenvertretung auch die Vergabe der Impfstoffe kritisiert. In einer gemeinsamen Mitteilung mit der Luxemburger Verbraucherschutzzentrale ULC („Union luxembourgeoise des consommateurs“) wird unter anderem die Transparenz bemängelt, mit welcher die Impfstoffe verabreicht werden.
Gutachten der behandelnden Ärzte werden bei der Vergabe etwa kaum berücksichtigt, heißt es in der Mitteilung. „Viele Patienten haben ein Attest ihres Arztes dabei, der sie seit Jahren behandelt und ihren Gesundheitszustand bestens kennt“, schreiben ULC und Patientenvertretung. Auf Basis dieser Kenntnisse hätten viele Hausärzte oder Spezialisten eine Empfehlung für einen bestimmten Impfstoff ausgesprochen. „Im Impfzentrum aber werden weder Atteste noch Vorerkrankungen berücksichtigt“, heißt es weiter.
Angesichts dieser „arbiträren Entscheidung“ zeigen sich ULC und Patientenvertretung „überrascht“ und „schockiert“. Bei der Vergabe des Impfstoffes müsse die Krankengeschichte mit einbezogen werden. Leider sei es oft aber so, dass im Impfzentrum nur ein einziges Impfmittel verfügbar sei, so René Pizzaferri gegenüber dem Tageblatt. Eine richtige Wahl sei so oder so nicht gegeben.
Die Patientenvertretung wisse von etlichen Fällen, in denen der behandelnde Arzt eine Empfehlung für einen bestimmten Impfstoff ausgesprochen habe, diese jedoch im Impfzentrum nicht berücksichtigt wurde – u.a. weil nur ein Impfstoff zur Verfügung stand. „Dann heißt es oft: Wir haben nichts anderes. Entweder Sie nehmen das Impfmittel oder Sie gehen“, so der Präsident der Patientenvertretung.
Angesichts jüngster Schlagzeilen habe er durchaus Verständnis für Patienten, die sich nicht mit einem bestimmten Mittel impfen lassen wollen. „Doch handelt es sich bei den Nebenwirkungen nur um einen minimalen Promille-Satz. Das Risiko einer Covid-Erkrankung ist weitaus größer“, so Pizzaferri. Eine Impfempfehlung wolle die Patientenvertretung dennoch nicht aussprechen. „Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer ein gesundheitliches Problem hat, sollte mit seinem Arzt darüber reden und dann eine Entscheidung treffen“, rät Pizzaferri.
„Für die Ärzteschaft kein Problem!“
Die AMMD rät indessen, den Medizinern in den Impfzentren zu vertrauen. Diese seien in der Regel mit den aktuellsten Informationen rund um die Impfstoffe versorgt. „Die Ärzte in den Impfzentren werden täglich gebrieft und sind mit den Nebenwirkungen der drei aktuell verfügbaren Impfstoffe bestens vertraut“, betont Dr. Guillaume Steichen. Diese seien „gering und extrem selten“.
In der Regel geht die Gefahr von einer heftigen Reaktion auf bestimmte Mittel in den Impfstoffen aus, die den Ärzten absolut vertraut seien. Meist könnten diese Risiken bereits bei der Angabe der Krankengeschichte bei der Terminvereinbarung aus dem Weg geräumt werden. Spätestens aber im Vorgespräch mit dem Arzt im Impfzentrum.
Die Allergien seien nämlich einfach auszumachen, da die Stoffe auch in anderen, gängigeren Mitteln enthalten seien, wie etwa Kontrastmitteln (Promethazine bei Moderna) oder Abführmitteln (Polyethylene glycol bei Pfizer). Andere Allergien, wie etwa die auf Polysorbate 80 im AstraZeneca-Stoff, seien in Luxemburg noch nie festgestellt worden, so Dr. Steichen.
Bei Fragen, etwa zu den Impfstoffen oder den Bestimmungen der aktuellsten Impfphasen, sollten Betroffene sich ruhig mit ihrem Arzt in Verbindung setzen. „Patienten sollten auf keinen Fall zögern und lieber einmal zu viel anrufen als zu wenig“, meint AMMD-Generalsekretär Steichen. „Wer denkt, einer Impfkategorie anzugehören, soll sich auch bei seinem Arzt melden. Und wir kümmern uns um den Eintrag in die Impflisten. Für die Ärzteschaft ist das absolut kein Problem!“
Der Patient hat nicht die Wahl: Zuletzt stand angesichts der Engpässe in den vielen Impfzentren nur ein Impfmittel zur Verfügung Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante