Editorial

Last Call: Wieso Kneipenschließen um Mitternacht nicht vor dem Virus rettet

Last Call: Wieso Kneipenschließen um Mitternacht nicht vor dem Virus rettet

Foto: dpa/AP/Emilio Morenatti

Wer es bisher gewohnt war, sich den meist unfairen, aber grundsätzlich klaren Regelungen des späten Kapitalismus anzupassen, muss mittlerweile einer neuen Instabilität ins Auge blicken: Alle paar Tage wird die Lage neu definiert, Einschränkungen werden angepasst, Wissenschaftler berichten von Tausenden Toten bis Ende August, korrigieren die Zahl dann nach unten mit der Nonchalance eines Wetterfroschs, der sich geirrt hat. Eine Konstante gibt es jedoch: Die Regierung infantilisiert systematisch ihre Bürger. Diese Zeigefinger-Mentalität spaltet die Bevölkerung, was man an der Art, wie der Partygänger zurzeit dargestellt wird, recht gut ablesen kann. Wer gerne feiert, ist im tiefsten Inneren ein rücksichtsloses Monster und könnte genauso gut im Altenheim die Senioren anspucken.

Dabei verfällt die Regierung einem gefährlichen Trugschluss, weil sie das wahre Verhalten des vermeintlichen Hedonisten gar nicht kennt: Als Gesundheitsministerin Paulette Lenert die Anfrage, ob man dem Horeca-Gewerbe nicht unter die Arme greifen und die Kneipen wieder bis 1 Uhr geöffnet lassen könne, mit dem Argument konterte, zwischen Mitternacht und 1 Uhr würde nicht nur Leitungswasser getrunken werden, hat sie das Verhalten des Hedonisten völlig verkannt. Vor ein paar Wochen haben mich ein paar Freunde ins Epizentrum der hiesigen Partygänger gezerrt: die Terrassen von „Urban“, „Go-Ten“ und Co. konnte man kaum mehr unterscheiden, so sehr hatte das Social Distancing die Sitz- und Stehmöglichkeiten der verschiedenen Betriebe miteinander verschmelzen lassen. Das ist in einer gewissen Weise nur konsequent: Nichts ähnelt mehr einer Schickeria-Bar als eine andere Schickeria-Bar. Gegen 23 Uhr hat sich eine gewisse Unruhe unter den Gästen breitgemacht, die Spannung stand in der Luft wie der Duft von abgestandenem Bier. Der „Last Call“-Ruf der Kellner wurde mit frenetischer Bestellwut beantwortet, Menschen bestellten zwei, drei Pints gleichzeitig.

Liebe Frau Lenert. Vielleicht waren Sie schon mal in einem Pub in Großbritannien. Dort liegt die Sperrstunde bei 23 Uhr. In einem Pub einem nüchternen Engländer zu begegnen, ist ungefähr so leicht wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu finden. Dieses „britische Modell“ haben Sie durch die aktuellen Bedingungen nach Luxemburg importiert. Mit der Pandemie-Regulierung bleiben dem Luxemburger Hedonisten am Wochenende ganze drei Stunden weniger Zeit, um sich abzuschießen. Das Problem: Wer schneller trinkt, handelt schneller unverantwortlich. Als ich mich vor einem Monat in Berlin aufhielt, verquatschte ich mich wie so oft in einer Kreuzberger Kneipe. Irgendwann war es so spät, dass die Sonne aufging, die Menschen verhielten sich dennoch allesamt verantwortlich und respektierten das Social Distancing. Manche waren leicht angetrunken, weil es aber keinen Schließungsdruck gab, trank jeder in einem relativ verantwortungsvollen Rhythmus.

Partygänger sind durch und durch kreativ – wie Sie am vergangenen Wochenende gemerkt haben dürfen, als im städtischen „Saumur Crystal Club“ der Polizei der Einlass verweigert wurde, während drinnen jenseits der Sperrstunde weitergefeiert wurde. Im Zeitalter der Prohibition wurde Illegalität ermutigt, gefeiert und getrunken wurde dennoch. Ein Vorschlag: Und wenn Sie, weil die Kneipenbesitzer ja eh nur noch einen Teil ihrer Sitzgelegenheiten nutzen können und spätestens im Herbst, wenn das Wetter schlechter wird, erhebliche Einbußen erleiden werden, sich nicht am englischen, sondern am Berliner Modell inspirieren und die Sperrstunde ganz abschaffen würden? So könnten Kneipenbesitzer mehr Geld erwirtschaften und die Kunden müssten nicht zu gehetzten Schnelltrinkern werden. Feiern tut der Hedonist so oder so. Wenn er das in einer Kneipe tut, kann das Personal ihn immerhin darauf hinweisen, wie er sich zu benehmen hat.

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