Forum von Robert Goebbels
Inseln im Verkehrschaos – Angebliche „Verkehrs-Beruhigung“ verlagert nur Mobilitäts-Probleme
Erst Ende der 60er-Jahre erkühnte sich unser Land, in ein noch immer bescheidenes Autobahn-Netz zu investieren. Das erste Teilstück der Autobahn Luxemburg-Esch, der Abschnitt von Steinbrücken nach Lallingen, wurde 1969 eröffnet. Bis 1988 dauerte die Fertigstellung der 15 km langen Verbindung zwischen den beiden größten Städten des Landes.
Foto: Editpress-Archiv/Julien Garroy
Zwischendurch bildete sich in der Gemeinde Leudelingen eine Bürgerinitiative, die lauthals eine Anbindung ihrer Ortschaft an die A4 forderte. Die Leudelinger bekamen Genugtuung. Am kommenden 12. Oktober sollen die Bürger von Leudelingen über ein Referendum die Möglichkeit erhalten, sich gegen den Durchgangsverkehr in ihrer Ortschaft zu wehren. Auf acht Dorfstraßen soll das Tempo auf 30 km/h beschränkt werden. Wozu straßenbauliche Maßnahmen wie Poller gehören sollen.
Da es in Zwischenzeit in den Gewerbezonen von Leudelingen mehr als 10.000 Arbeitsplätze gibt, ist es nicht allein der Durchgangsverkehr, der die Ansässigen plagt. In Wirklichkeit ist dort zu den Hauptverkehrszeiten kein Tempo 50 möglich. Man fährt von Stau zu Stau. Der populistische Bürgermeister, ein aufstrebender DP-Politiker, glaubt, mit seiner basisdemokratischen „Volksbefragung“ die sichere Zustimmung seiner Mitbürger für mehr „Lebensqualität“ einzukassieren – obwohl die allermeisten weiterhin ein Auto besitzen und auch nutzen werden.
Quer durch das Ländchen wetteifern Applaus-erpichte Kommunalpolitiker mit angeblicher Verkehrsberuhigung. Selbstverständlich nur vor der eigenen Haustür. Ansonsten wird gestöhnt über den Dauerstau auf den Autobahnen, über die Unmöglichkeit, in einer halbwegs vernünftigen Zeit vom Wohn- zum Arbeitsort zu fahren.
Traum und Realität
Das ist die bittere Realität unseres Landes. Weniger als 700.000 Einwohner teilen sich über 460.000 Autos. Eigentlich gibt es praktisch genauso viele Pkws wie Arbeitsplätze, immerhin 520.000. Darunter an die 230.000 Grenzgänger. Laut einer rezenten Statec-Studie benutzen über zwei Drittel aller Arbeitnehmer (67% als Fahrer, 2% als Beifahrer) den eigenen Wagen, wovon viele französische, deutsche und belgische Kennzeichen zeugen. Zusätzlich steuern mehrere Zehntausend Grenzgänger einen „Dienstwagen“ mit luxemburgischen Kennzeichen. Immerhin haben fast 95% aller erwerbstätigen Automobilisten täglich zweimal 20 bis 40 km zu bewältigen.
Die Tram in der Hauptstadt befördert jährlich über 31 Millionen Passagiere. Die Eisenbahn transportiert ebenfalls über 31 Millionen Reisende. Dennoch bleibt der Anteil des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr um 18%. Die Tram verbesserte die Verkehrsflüsse innerhalb der Stadt. Wobei viele Fußgänger die Tram für kurze Wege nutzen – was zwar die Statistik verbessert, aber nicht der offiziellen Vision von mehr Fußgängern und Radfahrern als dominierende Verkehrsteilnehmer entspricht.
Trotz allem Tamtam um das Radfahren, trotz um die 100.000 Zuschüsse für E-Bikes, bleibt die Zahl der beruflichen Rad-Fahrten sehr bescheiden. Die elektronische Zählstelle auf der „Aler Bréck“ registrierte insgesamt weniger Fahrrad-Bewegungen in den ersten neun Monaten dieses Jahres, als es Autobewegungen an jedem Werktag gibt. Wie der Comedian Olaf Schubert sagt, bleibt „Fahrrad fahren veganes Reiten“, hauptsächlich eine immer beliebtere Freizeit-Beschäftigung.
Eigentlich müssten Staat und Gemeinden verstärkt den Ausbau des öffentlichen Transportangebots vorantreiben. Zur Kanalisierung des nicht zu vermeidenden nationalen wie internationalen Durchgangsverkehrs müsste unser Autobahnnetz ausgebaut werden. Darunter das Anlegen von drei Spuren auf den wichtigsten Achsen. Zusätzlich müsste in Umgehungsstraßen um die Ortschaften investiert werden, was die reale Lebensqualität etwa für Sandweiler oder Junglinster stark verbessert hat. Aber „nein“, die nationale Politik hat sich als wichtigstes Ziel gesetzt, den Durchgangsverkehr aus einigen privilegierten Wohnvierteln zu verbannen.
Inseln der Glückseligkeit
Die DP-geführte Hauptstadt startet „Pilotprojekte“ in den sehr bourgeoisen Vierteln Limpertsberg und Belair. Einzelne „Wohnstraßen“ werden unzugänglich gemacht. Durchgangsstraßen wie die Avenue de la Faïencerie oder die Avenue du Bois auf Limpertsberg werden auf 30 km/h gesetzt und mit „Berliner Böllern“ versehen. Ebenso der Boulevard Marcel Cahen in Belair. Von der Avenue Guillaume aus kommt man nicht mehr durch die rue de Bragance zum Boulevard Pierre Dupong. Wer zum „Campus Geesseknäppchen“ will, wo ohne Konservatoriums-Besucher immerhin 9.000 Schüler studieren, muss lange Umwege machen über ohnehin strapazierte Straßen wie die Avenue du 10 Septembre oder die route d’Esch. Die Zufahrt zur Escher Autobahn entlang des Campus bleibt ebenfalls verschlossen. Die rue de Merl und der Boulevard Dupong müssen alles auffangen.
Die blauen Verkehrsplaner gehen von der irrigen Annahme aus, die Schüler würden nunmehr verstärkt mit dem Fahrrad durch die rue de Bragance kommen – wo täglich keine 100 Fahrräder zirkulieren. Dagegen bringen jeden Tag Hunderte von Eltern ihre Kinder mit dem Auto zum Campus. Ältere Schüler steuern öfters ihren Wagen selbst.
Die Irrungen und Wirrungen von Immobilitäts-Schöffe Goldschmidt sind ebenfalls zu bewundern in der rue de Kockelscheuer auf dem Kohlenberg: Hier wird in unregelmäßigen Abständen durch in der Straße platzierte Verbotsschilder eine nicht existierende Fahrradspur simuliert, die keinen Radler schützt und an der sich Autos und besonders Busse nur mit großer Schwierigkeit vorbeischlängeln können. Diese Politik der angeblichen „Verkehrsberuhigung“ wird stellenweise „Inseln der Glückseligkeit“ nur für Anrainer schaffen. Dafür aber Hunderttausende Autofahrer mit größeren Umwegen in noch längere Staus führen.
Wie solidarisch ist das Ganze? In den nunmehr abzuriegelnden „quartiers résidentiels“ leben ebenfalls Mitbürger, die ein, öfters mehrere Autos besitzen und diese auch nutzen – und an den Häusern jener Bürger vorbeifahren, die dummerweise weiterhin an nicht zu schließenden Ausfallstraßen leben.
Anstatt den Verkehrsfluss durch Einzelverbote noch stärker zu belasten, sollten Staat und Gemeinden gegen das um sich greifenden Rowdytum auf unseren Straßen vorgehen. Es gibt rücksichtslose Autofahrer. Es gibt auch rücksichtslose Radfahrer. Nicht zu reden von motorisierten Essenslieferanten oder von immer schnelleren Elektroroller-Fahrern. Es gibt immer mehr Fußgänger, abgeschirmt mit Kopfhörer, die kaum noch rote Ampeln beachten.
Die Willkür auf unseren Straßen nimmt zu. In den Fußgänger-Zonen flitzen junge Leute auf E-Bikes oder Roller durch die Menschenmenge, als seien sie auf Rekordjagd. Es kommt zu immer mehr Unfällen, wie vor kurzem ein Kind, schwer verletzt durch einen Radfahrer, der sich wie selbstverständlich durch Fahrerflucht rettete. Bei der Tramhaltestelle Aldringen am boulevard Royal laufen ständig Fußgänger bei Rot über die Straße. Wobei sie sich wahrscheinlich ein besseres Gewissen verschaffen, indem sie am Fußgängerstreifen entlang spuren.
Für die Politik ist „Sicherheit“ erste Priorität. Dazu wurde die Polizei in den letzten Jahren personell stark ausgebaut. Über 2.000 Polizisten sind theoretisch auf Streife. Wobei sie wie die meisten Mitbürger vornehmlich mit ihrem Handy beschäftigt sind. Die Repression nimmt zu. Allein zwischen 2020 und 2024 wurden 3,931 Millionen Strafzettel verteilt. Tausende Überwachungskameras sollen unsere Städte „sichern“. Dennoch steigen die Kriminalitäts-Statistiken. Wobei die „gefühlte Kriminalität“ durch den Diskurs der Gloden, Polfer und Co. noch verstärkt wird.
Ein Unfall mit fünf Todesopfern führt die Hammelmänner und andere Sicherheits-Lobbyisten zu dem zu oft gehörten Gelaber über die „Vision null“: keine Opfer mehr im Verkehr. Ohne dass die realen Ursachen des schlimmen Unfalls bekannt sind. Die nationale Politik erschöpft sich in Symbol-Politik wie „Verkehrsberuhigung in Wohnvierteln“. Auf Kosten der allermeisten Verkehrsteilnehmer. Ohne konkreten Beitrag zur Verbesserung der Mobilität in all ihren Formen. Wobei Autos, Busse und Lastwagen ebenso unverzichtbar bleiben wie Traktoren oder andere Nutzfahrzeuge, deren unersetzbare Teilnahme am Verkehr nicht durch elektoralistische Manöver wie das Anlegen von Straßenhöckern verbessert wird. Wie Leudelingen oder die Hauptstadt es vortäuschen.
Robert Goebbels ist ehemaliger LSAP-Minister und Europaabgeordneter Foto: Editpress/Didier Sylvestre