Editorial

Großes Land ganz klein

Lobte zu Recht die Solidarität der Luxemburger: Premier Xavier Bettel an Nationalfeiertag

Lobte zu Recht die Solidarität der Luxemburger: Premier Xavier Bettel an Nationalfeiertag Foto: SIP

In schwierigen Zeiten erkennt man die Größe Luxemburgs. Unter anderem mit diesen Worten hat sich Premier Xavier Bettel an Nationalfeiertag an die Bürger des Landes gewendet. Es waren Worte der Zuversicht und des Zuspruchs, Worte, die dem Volk einerseits Hoffnung einflößen sollten, andererseits aber auch Motivation, um das Reststück Strecke im Kampf gegen die Pandemie auch noch erfolgreich hinter sich bringen zu können. Insgesamt sei man gut durch die Krise gekommen, so der Regierungschef. Der Dank dafür gebühre den Bürgern.

Doch wie groß ist Luxemburg wirklich angesichts dieser Worte? Schwierig waren die letzten Monate allemal. Für Infizierte und deren Familien, für Arbeitnehmer, die aufgrund der Einschränkungen ihren Job verloren, oder Firmeninhaber, die während der sanitären Krise Mühe hatten, die Kosten zu decken und Angestellte zu beschäftigen. Für die Akteure in der Tourismusbranche und der Gastronomie, die bis zuletzt wohl am meisten unter den Einschränkungen zu leiden hatten. Sie alle haben ihrem Unmut freien Lauf gelassen. Sie alle wurden von Regierungsprogrammen zumindest stückweise etwas aufgefangen, auch wenn die Fördergelder und Beschäftigungsinitiativen nur einen Bruchteil der Verluste decken.

Doch wie steht es um jene Menschen, die keine Stimme haben, keine Lobby, die am Samstag vor der Chamber lautstark ein Ende der Einschränkungen fordert? Die Menschen am Rande der Gesellschaft, die Extremfälle, die durch sämtliche Raster fallen? Mit den persönlichen Freiheiten der Menschen haben sich Koalition und Opposition beschäftigt. Mit den Sorgen der Unternehmer und Arbeitnehmer. Mit den Forderungen der Schüler, Eltern und Lehrer. Mit dem Unmut der Gastronomiebranche.

Doch wie steht es um die Familien, die sich vor der Pandemie schon kaum eine warme Mahlzeit am Tag leisten konnten? Was passiert mit den Kindern, die im Homeschooling den Anschluss verloren haben, weil ihnen entweder nicht die nötigen technischen Hilfsmittel zur Verfügung standen oder die Eltern weder die Zeit noch die intellektuellen Möglichkeiten hatten, ihnen zur Seite zu stehen? Wer kümmert sich um die Obdachlosen, die nie eine Einladung zur Impfung erhalten haben, weil sie keinen Briefkasten besitzen, in den die Einladung flattern konnte?

Während der Rest der Bevölkerung langsam wieder Freiheit schnuppert und das viel zitierte Licht am Ende des Tunnels erblickt, bleiben die besagten Familien, Kinder und Obdachlosen im Dunkeln hocken. Ganz umsonst sind die neu erworbenen Freiheiten nämlich nicht, wie zuletzt auch die Menschenrechtskommission und der Staatsrat feststellten.

Beide Gremien kritisieren die Herangehensweise der Regierung, die Lockerungen an kostenpflichtige Schnelltests zu knüpfen. Damit rückten manche Grundrechte für Menschen am Rande der Gesellschaft in weite Ferne. Und deren gibt es in Luxemburg nach den Entbehrungen und Opfern der letzten Monate mehr als man denkt.

Vielleicht ist das Großherzogtum dann doch nicht so groß, wie es der Staatsminister an Nationalfeiertag vermitteln wollte.

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