Editorial

Freie Fahrt für Geimpfte

Wer vollständig geimpft ist, sollte auch wieder ein Stück seiner Freiheit zurückbekommen

Wer vollständig geimpft ist, sollte auch wieder ein Stück seiner Freiheit zurückbekommen Foto: Editpress/Julien Garroy

Sollten Geimpfte vorzeitig ihre Freiheiten zurückbekommen? Diese Frage wird mit zunehmendem Impffortschritt akuter. In einer nicht repräsentativen Umfrage des Tageblatt haben sich 45 Prozent der Leser für mehr Freiheiten ausgesprochen. 53 Prozent befürchten dagegen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Zwei Prozent haben keine Meinung dazu.

Die Frage wird umso relevanter, je klarer die Wissenschaft zum Konsens kommt, dass die Infektiosität von Geimpften, wie es der Virologe Claude Muller im Tageblatt-Interview vom Mittwoch (LINK) formuliert, deutlich reduziert ist. Er sagt, dass der R-Faktor, also die Reproduktionszahl bei Geimpften, 20- bis 30-mal niedriger ist als bei Nicht-Geimpften. Der R-Faktor sagt aus, wie viele Menschen ein Infizierter unter den gegebenen Bedingungen anstecken kann. Genau hier lag noch vor einiger Zeit die Krux. Es war nicht klar, ob Geimpfte andere Menschen anstecken können. Ist der R-Faktor so niedrig, wie Muller es erklärt, dann besteht rein epidemiologisch also kein Grund mehr, vollständig Geimpfte weiter ihrer Freiheiten zu berauben. Bloß, damit die anderen nicht neidisch werden …

Die Begriffe „Impfprivilegien“ oder „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ sind pejorativer Natur und sollten eigentlich nicht als solche in diesem Kontext verwendet werden. Wer die Rückgewinnung von Freiheiten als Privilegien bezeichnet, trifft nicht den Kern der Bedeutung. Auch eine sogenannte Zwei-Klassen-Gesellschaft existiert de facto nur in den Köpfen jener, die diese „Privilegien“ anderer nicht akzeptieren wollen. Anders verhält es sich natürlich mit den Impfdränglern. Sie wurden nicht explizit von der Ethikkommission auserkoren, sich vor den anderen impfen zu lassen. Deren Verhalten sollte man deshalb weiterhin infrage stellen. Nur hier ist der Begriff „Privilegien“ tatsächlich angebracht.

Klar, solange nicht jeder geimpft ist, kann man schnell in solch negativ konnotierte Begrifflichkeiten abrutschen. Doch sollte man nicht vergessen, wieso denn eigentlich die einen vor den anderen geimpft werden. Weil sie älter sind und deshalb einen heftigeren Krankheitsverlauf erwarten müssen, gepaart mit einem recht hohen Risiko, daran zu sterben. Oder jene, die täglich vulnerable Leute betreuen oder pflegen, wie beispielsweise das Krankenhauspersonal oder Pflegekräfte. Ein Jahr lang standen diese Leute an der Front und haben ihre Gesundheit riskiert, um anderen zu helfen. Im ersten Lockdown wurden sie noch als Helden gefeiert und bekamen Applaus. Nun können wir sie mit etwas Konkreterem belohnen. Sie dürfen ein paar Wochen oder Monate vor den anderen mehr Freiheiten haben. Das ist doch nur fair, oder?

Allerdings lag die Impfrate im Pflegesektor bei niedrigen 52 Prozent. Vielleicht würde die Aussicht auf ein Stück frühzeitig zurückgewonnene Freiheit die verbleibenden 48 Prozent dazu motivieren, sich doch noch impfen zu lassen?

Die ganzen Covid-Beschränkungen hatten als primäres Ziel, die vulnerablen Leute in unserer Gesellschaft zu schützen. Sind diese alle geimpft, profitieren auch die anderen davon. In manchen Regionen in Deutschland wird beispielsweise der Zugang zu bestimmten Aktivitäten nur noch Personen mit negativem Testergebnis ermöglicht. Man muss sich dementsprechend ausweisen können. Heute mit negativem Testresultat und morgen vielleicht mit zweiter Impfung.

Auch Luxemburg scheint in diese Richtung zu überlegen. Seit dem 2. April haben Geimpfte die Möglichkeit, ein Impfzertifikat auf MyGuichet.lu herunterzuladen. Es handelt sich dabei um ein national anerkanntes Dokument. Eine Art Vorläufer zum europäischen Zertifikat, das noch vor dem Sommer EU-weit zur Verfügung stehen soll. Damit soll die Reisefreiheit erleichtert werden. Für Geimpfte, versteht sich. Und für jene mit einem negativen Testergebnis. Auch Letzteres sowie ausgestandene Covid-Erkrankungen sollen darin eingetragen werden.

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