Editorial

EM 2021: (Un)gewollt politisch

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban in der ausverkauften Puskas-Arena in Budapest

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban in der ausverkauften Puskas-Arena in Budapest Foto: dpa/Robert Michael

Heute ist die Fußball-Europameisterschaft genau 20 Tage alt. Neben den Höchstleistungen auf dem Platz sind es vor allem die Nebenschauplätze, die diese Endrunde prägen.

Angefangen bei den Ungarn. Während die Magyaren auf dem Platz mit couragierten und erfrischenden Auftritten gegen die Topnationen Frankreich und Deutschland begeisterten, zeigten die Fans und der Staat der Welt ihre hässliche Fratze. Ungarn verdeutlichte einmal mehr, in welch rückständige und menschenverachtende Richtung es sich in den vergangenen Jahren im Sog von Präsident Viktor Orban treiben ließ. Der Europäischen Union reicht es mittlerweile. Beim EU-Gipfel vergangene Woche gingen fast alle Staats- und Regierungschefs Orban wegen seiner LGBTIQ-diskriminierenden Gesetze hart an.

Die Europäische Fußballunion UEFA hingegen spielte eher eine unglückliche bis unrühmliche Rolle in dieser Thematik. Zunächst wurde es den Münchner Organisatoren untersagt, die Arena in den Regenbogenfarben zu beleuchten. Dies verstoße gegen die „politische und religiöse Neutralität“, so die UEFA.

Damit könnte man ja noch leben, wenn man von der Maxime ausgeht, dass Politik nichts im Sport verloren haben soll. Allerdings hat sie das leider. Die UEFA und die FIFA haben in den vergangenen Jahren groß die Türen für Katar, Russland und Aserbaidschan geöffnet. Länder, die den Sport für politische Zwecke missbrauchen, aber auch sehr viel Geld in die Kassen der Dachverbände spülen.

Beschämend ist auch, dass die UEFA zwar der Münchner Arena die Lichter ausknipste, es aber nicht fertigbrachte, die ultrarechten Anhänger der ungarischen Nationalmannschaft aus dem Stadion zu verbannen. Die „Carpathian Brigade“ ist bekannt als paramilitärische Organisation, die sich vor allem aus Neonazis zusammensetzt. Vor dem Spiel war bekannt, dass diese „Fan“-Gruppierung die ungarische Kurve anführen würde. Unternommen wurde nichts. Am Ende wurden u.a. die dunkelhäutigen Spieler der Franzosen aufs Übelste beschimpft. 

Ungarn und die UEFA stehen auch im Zentrum einer anderen Kontroverse. Das gestrige Achtelfinale zwischen England und Deutschland im Wembley-Stadion fand vor 45.000 Zuschauern statt – und das, obwohl sich die Sieben-Tage-Inzidenz in England während des Turniers wieder verdoppelte. Auch das Endspiel der Europameisterschaft soll am 11. Juli im Wembley-Stadion ausgetragen werden. An diesem Tag sollen 60.000 Zuschauer zugelassen werden. Fest steht dies allerdings noch nicht ganz. Die UEFA liebäugelt mit einer Verlegung nach Budapest – falls die Zahlen weiter ansteigen. Denn dort hatte Orban ein volles Stadion ermöglicht.

Obwohl die UEFA weiterhin darum bemüht ist, unpolitisch zu sein, würde auch dieses Manöver den Hardlinern aus Ungarn in die Karten spielen. Ein prestigereiches Event wie ein EM-Finale würde Orban in der Gunst der Wähler noch einmal nach vorne katapultieren. Und auch die Regenbogen-Debatte hat das nationalistische Gedankengut der Orban-Wähler noch einmal gestärkt.

Und so hätte die UEFA genau das Gegenteil davon erreicht, was sie eigentlich vorhatte.

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