Editorial
Die Krisen hinter der Krise
Nach Corona wird die Erde kein Ort der Glückseligkeit sein Foto: dpa/Anas Alkharboutli
Die massiven Einschränkungen der persönlichen Freiheit, die ohne Beispiel in Friedenszeiten sind, beeinflussen das Bewusstsein der Menschen mit enormer Macht: Seit nunmehr zehn Monaten rücken alle Themen abseits der sanitären Krise, der weltweit wütenden Covid-19-Pandemie, in den Hintergrund, so, als sei das einzige Ziel, für das Engagement und Kampf sich lohnen würde, der Sieg über das Virus.
Nachdem die Impfkampagnen angelaufen sind, darf davon ausgegangen werden, dass die Lage an der Infektionsfront spätestens zur Jahresmitte ihre Dramatik verloren hat, während andere, ebenfalls brutal wirkende Krisen weiter demonstrieren werden, dass eine Welt ohne Corona alles andere als ein Hort der Glückseligkeit ist.
Da wäre etwa eine Weltwirtschaft, die nach dem Prinzip von größtmöglichem materiellen Gewinn funktioniert und kaum gebremst den Ast, auf dem wir sitzen, unsere überlebensnotwendige Umwelt, auf eine Weise bedroht, die jetzt schon nicht mehr beherrschbar ist und abseits jeglicher Vernunft die allerwichtigsten Ressourcen der Menschheit, die da heißen Luft, Wasser, Boden, konsequent zerstört.
Verschärfend wirkt ein weltweites Bevölkerungswachstum negativ auf unseren Planeten: Überbevölkerung, oft ein Resultat von großer Armut und fehlenden Sozialsystemen, die nach vielen Kindern als vermeintliche Altersabsicherung verlangen, und immer noch in vielen Regionen die giftige Frucht von unsinnigen religiösen Moralvorstellungen, führt zu weiteren dramatischen Zuständen. Die Völkerwanderungen, die Millionen Menschen auf der (durchaus nachvollziehbaren) Suche nach einem besseren Leben bzw. nach dem schieren Überleben zur gefährlichen Flucht vor Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit in wirtschaftlich reichere Länder führen, wo oft die gleiche Perspektivlosigkeit die Migranten erwartet, sind eine offensichtliche Konsequenz dieser globalen demografischen Krise, allerdings nicht die einzige.
Kriege, Ausbeutung von Menschen und ihrer Arbeitskraft, eine dramatisch wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, sanitäre Krisen, die schon immer vorzugsweise die Benachteiligten trafen und treffen und weitaus mehr Leben fordern als die aktuelle Covid-Grippe, fehlender Zugang zu Bildung, Leben in diktatorialen Verhältnissen … all dies sind die Kollateralschäden jener Krisen, die Mitte des Jahres nicht weggeimpft sein werden.
Trotz der zugegeben kaum vermeidbaren ständigen Covid-Präsenz in Gedanken und Unterbewusstsein sollten die wesentlichen Krisen und das Streben nach ihrer Eindämmung frei nach dem Eisenbahnermotto „un train peut en cacher un autre“ das vorrangige Ziel bleiben, damit wir aus lauter Hoffnung und Vorfreude auf das Ende der Pandemie nicht unvorbereitet und wehrlos von den anderen Menschheitskrisen überfahren werden.