Editorial

Die Fußball-EM hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack

Menschenauflauf in der Nelson-Mandela-Straße in Esch

Menschenauflauf in der Nelson-Mandela-Straße in Esch Foto: Editpress/Claude Lenert

Am Tag nach dem Titelgewinn der Italiener bei der Europameisterschaft waren sich die meisten Experten einig. Die Squadra Azzurra ist ein verdienter Sieger, hat sie doch im Gegensatz zu England auf dem Weg ins Finale aktuelle Schwergewichte des europäischen Fußballs geschlagen. Und dabei meist mutig nach vorne gespielt. Nichts zu sehen war vom Catenaccio vergangener Tage. Das macht den Erfolg besonders wertvoll und trägt dazu bei, den Italienern nach schweren Zeiten etwas Leichtigkeit zurückzugeben.

So viel zu den schönen Seiten des Turniers, das ansonsten einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Passend dazu der Abschluss mit Randale und Rassismus rund um das Final-Stadion. 

Nach 15 Monaten Pandemie mitsamt Lockdown und Ausgangssperren kommt diese EM wie ein Relikt alter Zeiten daher. Als ob nichts gewesen wäre, gab es volle Stadien und Massenaufläufe. Auch in Luxemburg wurde gefeiert, und zwar nicht zu knapp. Dabei hatte Polizeiminister Henri Kox Ende letzter Woche auf  verstärkte Polizeipräsenz am Final-Sonntag hingewiesen und an die Corona-Regeln erinnert. Der mahnende Zeigefinger hinterließ keinen besonders großen Eindruck. Und selbst wenn der Erfolg den Italienern zu gönnen ist, genauso wie die Freude der Fans darüber, so sorgen die Partyszenen wie in der Escher Nelson-Mandela-Straße bei vielen für ein mulmiges Gefühl. Vor wenigen Monaten noch im Lockdown und jetzt im kollektiven Jubelrausch? In Zeiten der Delta-Variante von 0 auf 100? Das kann nicht funktionieren.

Und prompt meldet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals seit Monaten wieder steigende Infektionszahlen in ganz Europa, getrieben von „Reisen, Zusammenkünften und Lockerungen der sozialen Beschränkungen“. In der Corona-Frage wälzte die UEFA die Verantwortung auf die lokalen Behörden ab. Gleichzeitig drohte sie den Ausrichtern mit Entzug der EM, wenn diese nicht eine Mindestzahl an Zuschauern in den Stadien garantieren könnten. Das alleine ist schon ein Skandal, doch die Politik setzt solchen Forderungen nichts entgegen, da es um viel Geld geht. Also kam es in den Austragungsorten zu leichtsinnigen Regelungen, die die UEFA still und leise mittrug.

Still und leise beschreibt auch ihre Haltung zu gesellschaftlichen Themen wie Homophobie. Lieber biedert sie sich den autoritären Regierungen Ungarns, Russlands oder Aserbaidschans an als die menschenverachtende Politik dieser Länder zu kritisieren. Nicht nur hier gab die UEFA ein schlechtes Bild ab. Man hätte durchaus Dänemarks Christian Eriksen zum Spieler des Turniers bestimmen können. Das wäre ein starkes Zeichen gewesen. Vor allem, nachdem die UEFA eine zwielichtige Rolle beim Fortsetzen der Partie nach Eriksens Zusammenbruch spielte. 

Ohne also die Freude der Italiener schmälern zu wollen, so endete am Sonntag eine befremdliche EM mit einem bitteren Beigeschmack als potenzielles Superspreader-Event. Mehr denn je ist nun die Zeit gekommen, sich über Macht und Machenschaft von UEFA und Co. Gedanken zu machen. Und ihnen endlich Einhalt zu gebieten.   

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