Kommentar
Die anderen Parteien kritisieren die ADR-Entscheidung. Aber würden sie anders handeln?
Pim Knaff im Escher Gemeinderat: Die Regierungsmehrheiten im Parlament und in Gemeinden täten gut daran, ihr politisches Handeln auf ein Fundament von Kohärenz und Glaubwürdigkeit zu stellen – das würde ihre Kritik am Vorgehen der ADR glaubwürdiger erscheinen lassen Foto: Editpress/Alain Rischard
„Ganz schlimm“ sei es, dass das ADR-Nationalkomitee nicht eindeutiger Stellung bezogen habe, so DP-Minister Delles gegenüber dem Tageblatt. Auch CSV-Generalsekretär Alex Donnersbach findet es „bedauernswert, dass die ADR ein solches permanentes Fehlverhalten in ihren Reihen toleriert“. Und Stéphanie Empain, Co-Präsidentin der Grünen, sagt: „Am Ende haben sich die durchgesetzt, die sich immer in der ADR durchsetzen.“ Nur: So richtig kauft man denen, die sich als „demokratische Mitte“ verstehen, das moralische Oberwasser nicht ab. Und das haben sie sich selbst zuzuschreiben.
Denn dass Tom Weidig, der keinen Satz korrektes Luxemburgisch schreiben kann, aber die luxemburgische Sprache verteidigen will, Tom Weidig, der auf jeden populistischen Furz neurechter Granden aus dem Ausland aufspringt, weil er nicht willens oder fähig ist, einen eigenen Gedanken zu formulieren, Tom Weidig, der offenkundig nicht einmal guckt, welchen Kommentar auf Facebook er liked, dass genau dieser Tom Weidig an einem Ort des demokratischen Miteinanders wie einem Parlament nichts, aber auch gar nichts verloren hat – das stellt wohl selbst die eigene Parteipräsidentin Alexandra Schoos nicht mehr ernsthaft infrage. Sie braucht ihn halt, Fraktionsstärke oblige. Hätte der Mann nur einen Funken Anstand, würde er sein Mandat niederlegen und sich in den Staatsbürgerkundekurs einer Troisième setzen. Dieses Szenario bleibt den Schülern besagter Troisième wohl erspart – der erwähnte Funken Anstand fehlt.
Aber es ist wohlfeil von CSV, DP und „déi gréng“, nun groß Rabatz angesichts der Entgleisung von Weidig zu machen. Denn wie der Fall Pim Knaff vor noch nicht ganz einem Jahr gezeigt hat, haben sie kein Problem, auch mit verurteilten Steuerhinterziehern in Leitungsfunktion in der zweitgrößten Gemeinde des Landes zusammenzuarbeiten. Und egal, wie widerlich Weidigs Verhalten auch sein mag: Vom Social-Media-Kettenhund einer Partei, die zur Demokratie allenfalls ein taktisches Verhältnis hat, erwartet niemand politische Größe.
Für die Parteien, die in Luxemburg die Regierungsmehrheiten im Parlament und in Gemeinden stellen, gelten indes andere Maßstäbe. Sie täten gut daran, ihr politisches Handeln auf ein Fundament von Kohärenz und Glaubwürdigkeit zu stellen. Wer derart offensichtlich mit zweierlei Maß misst, der bestätigt die ADR nur in ihrer vermeintlichen Opferrolle – und treibt ihr die enttäuschten und frustrierten Wähler direkt in die Arme.