Editorial
Der ESC-Zirkus beginnt – und wieder ist Israel dabei
Die israelische Sängerin Yuval Raphael beim „türkisen Teppich“ am Sonntag. Im Hintergrund sind die Banner der Protestierenden zu sehen. Foto: Fabrice Coffrini/AFP
Es ist wieder so weit: Der ESC-Zirkus hat in Basel eröffnet – und Fans der Veranstaltung werden in dieser Woche über kaum etwas lieber sprechen als darüber, wer die berühmten „twelve points“ am meisten verdient hat. Doch neben dem bunten Treiben, guter Musik, strahlenden Gesichtern und dem einen oder anderen skurrilen Act kommt man auch 2025 beim Eurovision Song Contest nicht um die Politik herum.
So sehr die „European Broadcasting Union“ (EBU) als Veranstalterin des Events auch betont, dass der ESC unpolitisch sei – bereits die Grundidee der Veranstaltung ist inhärent politisch. Der Song Contest wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen, um die Bevölkerung Europas durch kulturellen Austausch einander näherzubringen. Es sollten Brücken des Verständnisses entstehen. Und ob es um das Voting, die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler oder die Inhalte der Songs geht: Politische Botschaften sind beim ESC stets präsent – sie spiegeln die Haltung der europäischen Gesellschaft zu aktuellen Krisen und Konflikten wider.
Umso weniger überrascht es, dass derzeit in Basel vor allem ein politisches Thema hohe Wellen schlägt: die Teilnahme Israels. Kritiker fordern den Ausschluss des israelischen Senders KAN und der nach Basel entsendeten Kandidatin. „KAN macht sich mitschuldig am Völkermord in Gaza sowie an jahrzehntelanger Apartheid und militärischer Besetzung des palästinensischen Volkes“, heißt es in einem gemeinsamen Statement von 72 ehemaligen ESC-Teilnehmer*innen. Sie verweisen auch auf den Ausschluss Russlands 2022 – damals hatte die EBU das Land wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine ausgeschlossen. Gilt für Israel ein anderer Maßstab?
Die EBU argumentiert: Ganz so einfach sei es nicht. Teilnahmeberechtigt seien Mitglieder, die den „Werten öffentlich-rechtlicher Medien“ entsprechen. Während russische Staats- oder Staatssender diese Kriterien nicht erfüllten, sei KAN ein öffentlich-rechtlicher Sender, der auch kritische Berichterstattung ermögliche. Tatsächlich hat die EBU Israel in der Vergangenheit mehrfach mit Sanktionen gedroht, als die Regierung Netanjahu versuchte, den Sender zu verstaatlichen.
Trotzdem bleibt die Kritik berechtigt, dass Israel die Bühne des ESC auch zur Imagepflege nutzt – gerade angesichts des eskalierenden Krieges im Gazastreifen und des Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung. Friedlicher Protest ist daher legitim, und einige Mitgliedssender fordern bereits eine offene Debatte innerhalb der EBU über Israels künftige Teilnahme. Konsequenzen könnten in den nächsten Jahren folgen.
Doch so berechtigt Kritik auch sein mag – sie darf nicht in Belästigungen, Einschüchterungen oder gar Morddrohungen ausarten. Leider ist genau das geschehen: Beim „türkisen Teppich“, auf dem sich die Delegationen den Fans präsentierten, lief ein Demonstrant mit palästinensischer Flagge neben einer Tram her, in der sich Israels Kandidatin, ihr Bodyguard und ein Team von KAN befanden. Er wurde dabei gefilmt, wie er eine Geste ausführte, die vermutlich eine Enthauptung andeuten sollte. Die Behörden in Basel ermitteln nun.
Es bleibt abzuwarten, ob Basel – wie zuvor Malmö – in einem von Spannungen überschatteten ESC endet oder neue Wege im Umgang mit Protest findet. Die EBU jedenfalls scheint vor allem darum bemüht, kritische Momente schlicht zu vermeiden: Pressekonferenzen nach den Halbfinals, bei denen es 2024 zu einem Eklat kam, wurden dieses Jahr kurzerhand gestrichen. Doch Protest zu unterdrücken ist die falsche Lehre.