GroßregionCorona-Hotspot Luxemburg: Erklärungen der Regierung halten Faktencheck nicht stand

Großregion / Corona-Hotspot Luxemburg: Erklärungen der Regierung halten Faktencheck nicht stand
Die hohen Pendlerzahlen tragen zur Infektionslage in Luxemburg bei – das ist eine Erklärung der Regierung für das hohe Pandemiegeschehen in Luxemburg. Grafik: Editpress

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Luxemburg hat lediglich so viele Neuinfektionen, weil das Land eher mit einem Ballungsgebiet oder einer Großstadt zu vergleichen ist. So lautet die Erklärung von Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) für die hohe Anzahl an Neuinfektionen. Das bedarf eines Faktenchecks im regionalen Vergleich.

In Luxemburg liegt die Vierzehn-Tages-Inzidenz an Neuinfektionen des „European Centre for Disease Prevention and Control“ (ECDC) zufolge bei 1.189. Damit liegt Luxemburg europaweit auf dem dritten Platz – und das nur sehr knapp hinter Kroatien und Litauen (Stand 15.12.2020). Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) erklärte in ihrer Pressekonferenz am Freitag, dass die hohe Zahl an Neuinfektionen vielleicht dadurch zu erklären sei, dass Luxemburg eher mit einem Ballungsgebiet oder einer Großstadt zu vergleichen sei und zudem eine hohe grenzüberschreitende Fluktuation aufweise. Doch kann das wirklich die hohen Infektionszahlen erklären?

Großstadt

Das Statistische Bundesamt in Deutschland definiert als Großstadt jede Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern. Die Großstadt mit der geringsten Bevölkerungsdichte ist Salzgitter in Niedersachsen mit einer Bevölkerungsdichte von 469 Einw./km2.

Zum Vergleich sollen die Nachbarregionen Luxemburgs herangezogen werden, die mit Luxemburg über ihre Pendlerströme direkt verbunden sind: Rheinland-Pfalz, das Saarland, die französischen Départements Meurthe-et-Moselle und Moselle und die belgische Region Wallonien. Sollte die Erklärung der Gesundheitsministerin Bestand haben, spielt die Bevölkerungsdichte der verglichenen Gebiete eine wesentliche Rolle im Pandemiegeschehen und bildet sich dementsprechend in den Statistiken ab.

Luxemburg weist eine Bevölkerungsdichte von 242 Einwohnern pro Quadratkilometer (Einw./km2) auf (Quelle: Statec). Die beiden benachbarten Bundesländer Rheinland-Pfalz und das Saarland haben laut Statistischem Bundesamt eine Bevölkerungsdichte von 206 Einw./km2 für Rheinland-Pfalz und 384 Einw./km2 für das Saarland. Wallonien hat eine Bevölkerungsdichte von 215,7 Einw./km2 (Quelle: „Institut wallon de l’évaluation, de la prospective et de la statistique“, kurz Iweps) und kommt Luxemburg damit am nächsten. Die französischen Départements Meurthe-et-Moselle (139,8 Einw./km2) und Moselle (167,9 Einw./km2) sind am wenigsten dicht besiedelt. (Quelle: „Institut national de la statistique et des études économiques). Die wallonische Provinz Luxemburg ist mit weniger als 100 Einw./km2 vergleichsweise sehr dünn besiedelt.

Hohe Bevölkerungsdichte nicht ausschlaggebend

Der Virologe Prof. Dr. Claude Muller vom Luxembourg Institute of Health (LIH) erklärt, inwiefern die Bevölkerungsdichte mit dem Infektionsgeschehen zusammenhängt: „Das Infektionsgeschehen hängt wesentlich davon ab, wie viele Gelegenheiten für das Virus bestehen, von einer Person zur nächsten übertragen zu werden. Wie oft die Menschen in einer solchen Situation aufeinandertreffen, die eine Übertragung ermöglicht, hängt von der Interaktionsdichte ab.“ Die Interaktionsdichte beruhe auf einer Vielzahl von Faktoren: Wie Menschen zusammen leben und kommunizieren und damit zum Teil auch von der Dichte des Zusammenlebens und der Bevölkerungsdichte in der jeweiligen Stadt oder im Wohnviertel. „Die pauschale Bevölkerungsdichte spielt bei uns eigentlich kaum eine Rolle, wohl aber die Dichte des Zusammenlebens. Die hat wiederum mit mehr oder weniger Wohlstand zu tun, und weniger mit Bevölkerungsdichte. Wir haben in Luxemburg nicht Verhältnisse wie auf Hongkonger Gehwegen oder wie in einem indischen Slum“, führt Prof. Dr. Claude Muller aus.

Luxemburg wies gestern mit 580 eine fast dreimal so hohe Sieben-Tages-Inzidenz auf wie das Département Meurthe-et-Moselle, das an zweiter Stelle mit einer Inzidenz von 222,2 folgt. Das Saarland, die im Vergleich am dichtesten besiedelte Region, folgt erst an vierter Stelle mit einer Inzidenz von 188. Wallonien darf sich mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 137,2 über den letzten Platz freuen – kommt der Bevölkerungsdichte Luxemburgs jedoch am nächsten. Die Bevölkerungsdichte korreliert also tatsächlich keineswegs mit den Inzidenzzahlen.

Einfluss der Pendler ist „kompliziert“

Das Infektionsgeschehen in Luxemburg rein auf die Bevölkerungsdichte zurückzuführen, käme also einem Trugschluss gleich. Kann man die hohen Zahlen eventuell auf die „hohen Grenzbewegungen“ zurückführen? „Santé“-Direktor Claude Schmit stützte diese Theorie auf der Pressekonferenz vom vergangenen Freitag: „Wir hatten bis vor kurzem zwei Länder neben uns, die ganz hohe Inzidenzen hatten. Es ist logisch, dass wir mit derselben Bewegung mitgehen“ – und meinte damit wohl Belgien und Frankreich. Die belgische Provinz Luxemburg hatte Anfang November tatsächlich eine sehr hohe Inzidenz von 1.058, die beiden französischen Départements kratzten im Oktober an der 500er-Marke.

Dass die Grenzgänger die Infektionszahl in die Höhe treiben würden, sieht der Virologe Claude Muller eher skeptisch: „Der Einfluss der Grenzgänger auf unser Infektionsgeschehen ist kompliziert, da diesseits und jenseits der Grenzen zu unseren drei Nachbarländer unterschiedliche Maßnahmen gelten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Kraft treten und gelockert werden“, sagt Prof. Dr. Claude Muller. Das mache aus Sicht der Nachbarregionen auch Sinn, da diese sich nach ihrem eigenen Infektionsgeschehen richten. Ob und inwiefern sich dieser doch sehr aktive und mobile Teil der hiesigen Bevölkerung auf das Infektionsgeschehen in Luxemburg auswirke, sei nur sehr schwer abschätzbar. „Das lässt sich bestenfalls aus den Inzidenzzahlen des Gesundheitsministeriums herauslesen“, erklärt Claude Muller.

Die Zahl der infizierten Grenzgänger hält die Regierung jedoch unter Verschluss, da diese in die Statistik der ECDC miteinfließt – und Luxemburg eine Benachteiligung auf internationaler Ebene befürchtet (das Tageblatt berichtete). Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums wies eine entsprechende Anfrage des Tageblatt zurück: „Wir können Ihnen leider nicht mitteilen, wie die Inzidenzzahlen bei den Grenzgängern aussehen.“ Eine weitere Anfrage des Tageblatt, ob die Regierung über genaue Zahlen verfüge, die ihre weiteren Behauptungen stützen würden, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Eine Erklärung für die zurzeit hohen Infektionszahlen in Luxemburg bleibt die Regierung somit vorerst schuldig.

Sieben-Tages-Inzidenz (Stand 15.12.2020)

  1. Luxemburg: 580
  2. Meurthe-et-Moselle: 222,2
  3. Moselle: 189,7
  4. Saarland: 188
  5. Wallonische Provinz Luxemburg: 171
  6. Rheinland-Pfalz: 167
  7. Wallonien: 137,2

Bevölkerungsdichte

  1. Saarland: 384 Einw./km2
  2. Luxemburg: 242 Einw./km2
  3. Wallonien: 215,7 Einw./km2
  4. Rheinland-Pfalz: 206 Einw./km2
  5. Moselle: 167,9 Einw./km2
  6. Meurthe-et-Moselle: 139,8 Einw./km2
  7. Wallonische Provinz Luxemburg: <100 Einw./km2

Corona-Beschränkungen

Ein genauer Vergleich auf regionaler oder sogar internationaler Basis ist nur sehr schwer möglich, da in den verschiedenen Regionen immer wieder unterschiedliche Corona-Beschränkungen in Kraft waren. In Deutschland und Belgien gelten mittlerweile ähnliche Beschränkungen wie in Luxemburg: Der Einzel- und Großhandel bleibt weiterhin geöffnet, während das Gastronomiegewerbe in allen Regionen schließen musste. In Belgien müssen zusätzlich Friseure, Kosmetikerinnen und andere Kontaktberufe (mit Ausnahme der Gesundheitsberufe) geschlossen bleiben – zudem gibt es so wie in Luxemburg auch eine Ausgangssperre. In den drei Ländern wurden zudem Kultur- und Sportveranstaltungen sehr stark eingeschränkt. In Frankreich gelten sogar noch striktere Regeln. Macrons Regierung hielt zusätzlich eine Ausgangssperre, die auch tagsüber gilt, und die Schließung verschiedener Einzelhandelsgeschäfte für nötig, um die Pandemie einzudämmen.

Eine Diskrepanz, die an dieser Stelle jedoch genannt werden soll, ist der Zeitpunkt der verschärften Maßnahmen. Belgien hatte bereits Mitte Oktober die Schließung des Gaststättengewerbes und eine Ausgangssperre angeordnet, in Deutschland durften Restaurants und Cafés zumindest bis Anfang November geöffnet bleiben. In Luxemburg wurden solch strenge Maßnahmen erst Ende November beschlossen – vorher galten jedoch schon strikte Regeln für den Gastronomie- sowie den Sport- und Kulturbereich.

Lesen Sie zu diesem Thema auch unseren Kommentar „Luxemburgs Regierung reagiert zu spät – und sucht verzweifelt nach einem Sündenbock

Rwinter
16. Dezember 2020 - 22.11

Es ist jedenfalls zu hoffen dass dieses grobe Fahrlässigkeit der Regierung nach der Epidemie durch eine parlamentarische Untersuchungskommirrion aufgearbeitet wird.

Clemi
16. Dezember 2020 - 21.34

lieber @tarchamps, das gegenteil von auf den sack gehen ist der fall! es wird allerhöchste zeit, der regierung endlich mal stärker auf den sack zu gehen. seit dem 17.10. hätte so vieles so viel besser & eher gemacht werden können. die kommunikation ist ein desaster. in die 2.welle lief luxemburg (und auch der rest europas) unvorbereitet hinein. "wir müssen im herbst auf die 2.welle aufpassen" hiess es den ganzen sommer über, und im herbst stand luxemburg/die regierung/ganz europa mit dem finger im mund da. der rezenteste spiegel-titel lautete: "das winter-versagen". auszug aus dem teaser-text: "Seit dem Herbst reiht die Politik Fehler an Fehler." 100% auf luxemburg übertragbar.

Sully
16. Dezember 2020 - 19.40

Lieber Redakteur, Ihre 'alternativen Fakten' sind unhaltbar.

titi
16. Dezember 2020 - 18.27

@ HTK: Ihre Kritik ist durchaus berechtigt und macht Sinn.
@Nomi: Vous avez tout à fait raison avec votre analyse, c'est là le problème qui fait que nous avons le taux en infections et en morts le plus élevé dan l'UE. Seulement il est parfois, surtout pour certaines personnes, difficile d'accepter la vérité. Au moins la réaction d'un commentateur en est la preuve . Nombre de gens ont les nerfs à fleur de peau.

Tarchamps
16. Dezember 2020 - 18.26

@Charel HILD

"@Tarchamps Wieso werden Sie so nervös? "

Nervös? Ich? Weil ein Volontär eine schwarze Parteikarte hat?

Wenn die Schwarzen am Ruder wären, dann wäre das vor 6 Monaten als 'Chefsache' erklärt worden, nichts, absolut nichts wäre getan worden und dann wären wir jetzt alle tot.

Charel HILD
16. Dezember 2020 - 16.20

@Tarchamps Wieso werden Sie so nervös? Haben sich alle Argumente in Luft aufgelöst. Das Resultat der Regierung ist jedenfalls jämmerlich. Oh pardon.

Nomi
16. Dezember 2020 - 15.47

C'est le brassement de populations, qui est en cause.

On l'apporte le matin, et on l'emporte le soir.
Entretemps on infecte ici, et puis on infecte à sa résidence.

Ce n'est pas du tout un reproche aux frontaliers, personellement !
Si je l'ai, et je ne rencontre personne, ou si je respecte toutes les règles, je ne peux pas le transmettre !

Kim Zorro
16. Dezember 2020 - 15.26

Vielleicht liegt es aber auch am sich tot testen mit PCR Tests die bewiesenermassen stark fehlerhaft sind... aber das will hier niemand hören!

Tarchamps
16. Dezember 2020 - 12.36

Lassen Sie sich wählen und machen Sie es besser und gehen Sie uns nicht jeden Tag auf den Sack mit Ihrer Regierungskritik.

HTK
16. Dezember 2020 - 10.33

Lasst uns alle nach Luxemburg fahren.Dort sind Geschäfte und Restaurants geöffnet!!!
Vielleicht liegt es daran.....wer weiß