Mobilität
Prominent besetzte Konferenz mit wenig überraschendem Fazit: Es bleibt viel zu tun
„De Vëlo an der Strategie vun der nationaler Mobilitéit“: Unter diesem Titel organisierte die Gemeinde Schüttringen eine Konferenz zur 20. europäischen Mobilitätswoche. Mittendrin statt nur dabei: ein Politiker, ein Planer, ein Macher, eine Lobbyistin und ein Wissenschaftler. Sie alle waren sich einig. Es muss noch viel geschehen in Sachen sanfter Mobilität in Luxemburg.
Foto: Editpress/Julien Garroy
Gut besucht war das Auftaktseminar der Gemeinde Schüttringen zur Mobilitätswoche vergangene Woche. Mobilitätsminister François Bausch, Ingenieur Jean-Luc Weidert, Politiker Christophe Najdovski aus Paris, ProVelo-Präsidentin Monique Goldschmit und der deutsche Wissenschaftler Matthias Kowald referierten über die sanfte Mobilität der Gegenwart und vor allem der Zukunft. Fazit nach zweieinhalb Stunden: Es bleibt viel zu tun.
François Bausch Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Der Minister und die nationale Strategie: François Bausch machte den Anfang und präsentierte zum Teil erschreckendes Zahlenmaterial einer neuen, noch nicht veröffentlichten Studie. 35% aller Wege unter einem Kilometer werden in Luxemburg mit dem Auto zurückgelegt. Bei einem bis fünf Kilometer sind es 67%. Fazit Bausch: „Das Land der kurzen Wege ist ein Land der kurzen Wege mit dem Auto.“ Wenn das so weitergehe, dann bedeute dies bis ins Jahr 2035 für die Stadt Luxemburg und seinen Speckgürtel 200.000 zusätzliche Autofahrten pro Tag, für die Prosud-Gemeinden eine Zunahme von 120.000 Fahrten. Gleichzeitig gebe es im Land aber einen Fahrradboom mit inzwischen einer halben Million Drahteseln, was im Schnitt 1,9 Räder pro Haushalt bedeutet. „Das Fahrrad boomt, die Radwege fehlen“, schließt François Bausch daraus. Der „Plan national de mobilité 2035“ werde demnächst vorgestellt. Bei der praktischen Umsetzung müssen die Gemeinden mitziehen, denn das Rad spiele in der Strategie eine wichtige Rolle, so Bausch.
Jean-Luc Weidert Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Der Planer auf kommunaler Ebene: Jean-Luc Weidert von Schroeder&Associés ist mit eben jener praktischen Umsetzung tagtäglich befasst. Seine Firma ist Ansprechpartner Nummer eins der Gemeinden bei Mobilitätskonzepten. „Am wichtigsten dabei ist, dass die Gemeinde eine Strategie, eine Vision für Mobilität hat. Aber es muss eine ehrliche Vision sein. Und die Bürger müssen mit ins Boot genommen werden“, sagt der Ingenieur und Urbanist. Für die Gemeinden sei der Aufwand und das Budget nicht zu unterschätzen. Außerdem verhinderten Eigentumsverhältnisse oft eine durchgehende Infrastruktur. Deshalb würden viele Gemeinden unterwegs aufgeben, so Weidert. Man müsse zudem oft Kompromisse eingehen. Er nannte das Beispiel des neuen Radwegs zwischen Niederanven und Münsbach. Neun Jahre war der in Arbeit und da die Gemeinde ein Grundstück nicht erwerben konnte, musste ein Kompromiss gefunden werden. „Da ist etwas entstanden, auf das wir nicht stolz sind“, so Weidert ehrlich, „es ist zwar viel besser als zuvor, aber nicht ideal“.
Der Macher aus der Weltstadt: Christophe Najdovski ist einer von 37 „Adjoints à la maire de Paris“ und u.a. für den öffentlichen Raum zuständig. Während der Pandemie zeichnete sich die französische Hauptstadt unter dem Impuls der Bürgermeisterin und Präsidentschaftskandidatin Anne Hidalgo durch eine kompromisslose Politik zugunsten der sanften Mobilität aus. Pop-up-Bahnen entstanden, die inzwischen in permanente Radwege umgewandelt wurden. Ein Zufallsprodukt war das nicht, denn Paris hatte wohl einen „Plan vélo 2015-2020“. Doch die Pandemie beschleunigte den Prozess wesentlich. Und zwar aus Notwendigkeit. „Wir haben zu Beginn überlegt, was wir tun können, damit die Menschen nicht alle aufs Auto umsteigen. Denn wegen Corona mieden sie die öffentlichen Transportmittel.“ Das Resultat: Der Fahrradverkehr stieg im Jahr 2020 in der seit jeher kurz vor dem Verkehrskollaps stehenden Hauptstadt Frankreichs um 60 Prozent. Und am Boulevard de Sébastopol zirkulieren inzwischen mehr Räder als motorisierte Fahrzeuge. Fazit Christophe Najdovski: „Faites des pistes cyclables et les cyclistes viendront.“
Monique Goldschmit Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Die Lobbyistin des Fahrrads: Monique Goldschmit von ProVelo unterstreicht Najdovskis Fazit: „Build it and they will come“, sagt sie. Wobei beim Bau von Infrastrukturen für Radfahrer so manches falsch gemacht werde. Wichtig sei der direkte Weg von A nach B, sagt Goldschmit. Und die Vermeidung von Konflikten zwischen Radfahrern und Fußgängern. Als Negativbeispiel könne der neue Radweg am Bahnhof in der Hauptstadt herhalten. Prinzipiell bedeute ein Radfahrstreifen nicht automatisch Sicherheit, so Goldschmit, nur ein getrennter Radfahrstreifen garantiere das. „Das Platzproblem ist ein Problem der Politiker und Planer. Bei den Menschen ist das Umdenken schon lange geschehen“, sagt sie. Wenn ein Besitzer sein Grundstück, das für den Bau einer Fahrradinfrastruktur benötigt wird, nicht verkaufen will, dann plädiert sie für radikale Lösungen: Den fehlenden Platz der Straße wegnehmen und gleichzeitig am Grundstück ein Schild aufhängen: „Besitzer verkauft nicht.“
Dr. Matthias Kowald Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Der Wissenschaftler und die Psychologie: Prof. Dr. Matthias Kowald von der Hochschule Rhein/Main untersucht die Faktoren, die bei den Menschen zur Wahl des Transportmittels führen. Und kommt zum Schluss, dass der Mensch auch hier extrem von Routinen beeinflusst wird. Daher spiele die Kommunikation eine wesentliche Rolle. Kowald beleuchtete dabei die Einführung eines Fahrradmietsystems in Mainz und Wiesbaden. Die war ein Erfolg, da das neue Angebot kommunikativ begleitet wurde, und zwar mit einer zielgruppenspezifischen Kampagne, die die Stärken des neuen Systems unterstrich.