Forschung

Was uralte Rechnungen aus dem Mittelalter über Geschichte und Sprache Luxemburgs verraten

Linguistinnen und Linguisten der Universität Trier waren daran beteiligt, Kontenbücher der Stadt Luxemburg aus den Jahren 1388 bis 1500 zu erforschen.

Aus der grenzübergreifenden Ko­operation sind zwölf Bände hervorgegangen

Aus der grenzübergreifenden Ko­operation sind zwölf Bände hervorgegangen Foto: Ville de Luxembourg/Photothèque/Charles Soubry

Für die Geschichtswissenschaft und die historische Linguistik sind die ersten überlieferten Stadtrechnungen Luxemburgs aus den Jahren 1388 bis 1500 eine wertvolle Quelle. Denn diese Papiere, die durchgehend in Deutsch verfasst sind, geben einen Einblick in das Alltagsleben und die Verwaltungspraxis im Mittelalter. Für nur wenige andere Städte ist eine so dichte Serie von Rechnungsbüchern erhalten.

In einem grenzübergreifenden Ko­operations­projekt erforschten das Historische Institut der Universität Luxemburg mit Michel Pauly und Martin Uhrmacher, die Professur für Germanistik / Ältere Deutsche Philologie – Historische Linguistik an der Universität Trier mit Claudine Moulin sowie das Stadtarchiv Luxemburg mehr als 15 Jahre lang die Dokumente. Das Ergebnis ist eine kritische Edition mit zwölf Bänden, die kürzlich abgeschlossen und im Rathaus der Stadt Luxemburg vorgestellt wurde. Mit dabei war Bürgermeisterin Lydie Polfer.

Anhand der rund 70 im Stadtarchiv erhaltenen Einnahmen- und Ausgabenregister sowie weiterer ergänzender Quellen haben Trierer Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler die Entstehung von Familiennamen in der Stadt Luxemburg nachvollzogen. Aber auch zu Mechanismen der städtischen Mehrsprachigkeit lieferten die erhaltenen Quittungen wesentliche Erkenntnisse.

„Urbanes Lexikon der Kommunikation“

„Für die europäische Sprachgeschichtsschreibung sind unsere aus den Rechnungsbüchern gewonnenen Forschungsergebnisse von grundlegender Bedeutung“, sagt die Trierer Professorin Claudine Moulin. Viele der in den Kontenbüchern verwendeten Fachbegriffe beispielsweise zu Bauwerken oder Werkzeugen sind anderswo kaum erfasst – beispielsweise in mittelalterlichen Wörterbüchern. „Basierend auf den Rechnungen konnten wir quasi ein ‚urbanes Lexikon‘ der Kommunikation in der damaligen Stadt Luxemburg erstellen.“

Was uralte Rechnungen aus dem Mittelalter über Geschichte und Sprache Luxemburgs verraten

Foto: Ville de Luxembourg/Photothèque/Charles Soubry

Auch für die Luxemburger Historikerinnen und Historiker sind die Kontenbücher eine ergiebige Quelle. Die Forschenden identifizierten, dass viel Geld für den Ausbau und den Unterhalt der Stadtmauer mit ihren Türmen und Toren verwendet wurde. Vor allem verfolgten sie unter anderem die geografische Herkunft der Baumaterialien, den genauen Ablauf der Arbeiten und die einzelnen Schritte des Bauprozesses sowie den Fortgang des Mauerbaus bis ans Ende des 15. Jahrhunderts. Die Angaben in den Rechnungsbüchern halfen, das spät­mittelalterliche Rathaus der Stadt weitgehend zu rekonstruieren. Auch kulturgeschichtliche Hinweise sind darin fassbar. Es geht etwa um Mysterienspiele, die die Luxemburger aufgeführt haben, oder Freudenfeuer, die sie veranstalteten.

Schrift und Sprache im Wandel der Zeiten

„Das Besondere an unserer Edition ist, dass die mittelalterliche Schreibweise genauestens respektiert wurde, also keine Standardisierung von historischen Schreibungen vorgenommen wurde. So sind die Erscheinungen des Sprach- und Schriftwandels nachvollziehbar“, erläutert Moulin.

Bezugsquelle

Die zwölf Bände können unter www.cludem.lu/publications bestellt werden.
Ein Einzel­band kostet 19 Euro, beim Kauf der ganzen Reihe 15 Euro.

Dank der Arbeit der beteiligten Forschenden gilt die Stadt Luxemburg heute international als hervorragend erschlossenes Beispiel für Forschungen zur städtischen Buchhaltung, zur Alltagsgeschichte und zur Stadtsprache im Spätmittelalter. Verschiedene Aspekte der Sprache in der mittelalterlichem Stadt behandeln auch Fausto Ravida, Andreas Gniffke, Stephan Lauer und Dominic Harion in Doktor­arbeiten. Sie entstanden bei dem Kooperationsprojekts an der Universität Trier und wurden zum Teil vom „Fonds national de la recherche“ (FNR Luxembourg) unterstützt.

Doch mit dem nun vorliegenden Abschluss der gedruckten Ausgabe ist die Forschung zu den Rechnungsbüchern noch nicht beendet. In einem nächsten Schritt wird das Material für eine digitale Edition vorbereitet. Sie soll neben der Präsentation der Original­dokumente auch vielfältige Recherche­möglichkeiten bieten. An dem geplanten Kooperationsvorhaben wird neben Universität und Stadtarchiv Luxemburg auch das Trier Center for Digital Humanities (TCDH) beteiligt sein. Es stellt laut Universität international einen der besten Partner für den Bereich der digitalen Edition historischer Quellen dar.

Die beiden Hochschulen und die Stadt Luxemburg haben das Projekt finanziell gefördert.

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