Gastbeitrag

Penisbilder in der Schule: „Bedauerlich“?

Gegen den Lehrbeauftragten, der Ende Januar einer Schülerin im Unterricht das Smartphone weggenommen und damit heimlich Fotos von seinen Genitalien gemacht hat, wird ermittelt, wie das Tageblatt berichtet. Der stellvertretende Direktor des „Lycée Hubert Clément“ bezeichnet den Vorfall als „bedauerlich“. Eine „bedauerliche“ Reaktion, findet Andy Schammo in seiner Analyse.

Penisbilder in der Schule: „Bedauerlich“?

Foto: AFP/Inti Ocon

Ende Januar nimmt ein „chargé de cours“ einer Schülerin des „Lycée Hubert Clément“ das Handy weg, um anschließend Fotos von seinen Genitalien darauf zu hinterlassen. Der Vorfall fliegt intern auf und der Mann wird wegen „faute grave“ entlassen. Zudem denunzierte das Bildungsministerium den Lehrbeauftragten. Die Staatsanwaltschat leitet Ermittlungen ein. Ehe es zu den Ergebnissen der polizeilichen Untersuchungen kommt, gelte die Unschuldsvermutung, so die Pressestelle der Justiz. Ein Einzelfall, der aufgeflogen ist und jetzt mit Konsequenzen rechnen muss. Man könnte meinen, das System funktioniere. Allerdings nur bei oberflächlicher Betrachtung.

Stellungnahme des stellvertretenden Direktors

Nachdem der Direktor sich nicht äußern wollte, konnte, durfte, wollte, musste der stellvertretende Direktor Stellung nehmen. Zugegeben, als stellvertretender Direktor hat man keine Ausbildung, was den Umgang mit der Presse angeht. Betrachtet man jedoch den Zeitraum zwischen dem Vorfall, dem Publikwerden und der Stellungnahme dann scheint dies ausreichend, um die eigene Wortwahl sorgfältig auszuwählen. Dass die Wahl des Wortes, um den Vorfall zu beschreiben, auf „bedauerlich“ fällt, scheint, nun ja, bedauerlich. Ob diese Beschreibung der Tatsache gerecht wird, dass ein erwachsener Mann im Schulkontext einer Minderjährigen Bilder der eigenen Genitalien auf ihrem Handy hinterlässt, scheint fragwürdig.  

Liegt die Wortwahl noch im Auge des Betrachters, so ist die restliche Aussage aus mehreren Hinsichten suboptimal. Wenn man als Reaktion auf diesen Vorfall in einer Zeitung sagt, dass Präventionsarbeit schwierig sei und man nicht richtig vorgreifen kann, dann drückt man implizit entweder die eigene Ohnmacht oder den Unwillen, Vorbeugungsarbeit leisten zu wollen, aus. Wie die Betroffene und andere Schüler*innen sich fühlen, wenn der stellvertretende Direktor anführt, dass man nicht garantieren kann, dass sich dies nicht wiederholt, lassen wir mal im Raum stehen. Der stellvertretende Direktor verweist darauf, dass man die Schüler*innen versucht, über den Umgang mit neuen Medien zu sensibilisieren. Dass das Problem nicht bei den Schüler*innen liegt, sondern bei den Erwachsenen, scheint dabei keinem aufzufallen. Zudem ist es Ansichtssache, ob man es als richtige Strategie einordnet, die Verantwortung der Aufdeckung solcher Vorfälle alleine den Betroffenen zu überlassen.

Als Betroffene*r sollte man sich bei einem Erwachsenen melden. Anlaufstellen seien Klassenlehrer*innen und Schulleitung. Handelte es sich in diesem Fall um einen Lehrbeauftragten, stellt sich jedoch die Frage, an wen sich Betroffene wenden, wenn es sich um den*die Klassenlehrer*in handelt oder um ein Mitglied der Schulleitung. Eine neutrale Anlaufstelle scheint es nicht zu geben. Je höher die Täter*innen sich in der Machtstruktur befinden, desto schwerer ist es für Betroffene, dies anzusprechen.

Das Problem liegt nicht beim stellvertretenden Direktor

Die Kritik an den Aussagen des stellvertretenden Direktors sind keine Kritik an seiner Person, sondern an der Struktur, in der er arbeitet. Er wird dabei ebenfalls von dem Bildungsministerium im Stich gelassen. Ob es eine tiefgründige Analyse und Aufarbeitung, wie dies passieren konnte und wie es verhindern werden kann, gibt, ist nicht bekannt. Es hat den Anschein, als gelten der Vorfall und die damit verbundene Problematik für das Bildungsministerium wohl mit der Denunzierung als abgeschlossen. Eine Struktur, die bei einem solchen Vorfall auf die Sensibilisierung der Opfer pocht, sieht die Problematik verkehrt herum. Zusätzlich müsse man als Außenstehender meinen, es wäre im Interesse aller, dass man versuche, zu gewährleisten, dass dies in Zukunft nicht mehr passieren kann.

Eine Lösung, die dies vollends verhindern kann, gibt es freilich nicht. Diesen Aspekt als Legitimierung für das „Nichts-Tun“ zu nutzen, scheint allerdings zu einfach. Vor allem, weil man mit einer einfachen Internet-Recherche auf zahlreiche, erprobte pädagogische Konzepte stößt, die in der Prävention von sexueller Gewalt wirken. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass sexuelle Gewalt nicht mit Fotos von Genitalien beginnt, sondern sich oft auch in latenten Handlungen und dem Sprachgebrauch manifestiert. Zum einen eine sensibilisierende Aus- und Fortbildung aller Lehrkräfte, aber auch eine tiefgründige landesweite Aufarbeitung wäre angemessen. Diese Analyse würde zumindest eine Reflexion seitens der Strukturen zeigen und verdeutlichen, dass man gewillt ist, alles zu unternehmen, damit diese und andere Vorfälle sich nicht wiederholen.

Diese Reaktion und die Reaktion anderer Direktoren auf Diskriminierungsvorfälle in der Vergangenheit zeigen jedoch einen bewussten oder unbewussten Unwillen, an den bestehenden Strukturen drehen zu wollen. Manche würden dies als unrecht oder empörend empfinden, anderen wiederum finden dies wohl nur bedauerlich.

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