Neue Sportministerin Martine Hansen
„Wir machen Politik für den Sport – deshalb machen wir sie mit dem Sport“
Dialogbereitschaft, Ruhe und Präzision: Martine Hansen will als neue Sportministerin überstürzte Entscheidungen vermeiden. Wie sie das zerrüttete Verhältnis mit einigen Akteuren des Sports bereits wiederhergestellt hat und warum die Reform des „Subside Qualité+“ oberste Priorität genießt, erklärt sie im Interview mit dem Tageblatt.
Martine Hansen hat sich schnell im neuen Ministerium auf Fetschenhof eingelebt Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Tageblatt: Welche Gedanken schießen Ihnen in diesem Büro, mit Blick auf das Sportlycée und die Hauptstadt, durch den Kopf?
Martine Hansen: Dass es sich um eine tolle Aussicht auf die Stadt handelt und mir an diesem Ort täglich viele junge, motivierte und sehr freundliche Schüler über den Weg laufen, die sportlich und extrem aktiv sind. Sport ist wichtig für uns alle als Gesellschaft – und diese Schüler repräsentieren das ganz besonders.
Wenn man sich die Zahlen der bestehenden Statistiken ansieht, stellt sich allerdings die Frage, ob Luxemburg tatsächlich eine Sportnation ist. Wie sehen Sie das?
Man sollte die Antwort auf diese Frage nicht pauschalisieren. Ich bin überzeugt davon, dass ein Teil der Bevölkerung sich regelmäßig bewegt und viel Sport treibt. Andererseits gibt es aber auch leider diejenigen, die nicht zu dieser Kategorie gehören. Es sind diese Menschen, die wir erreichen müssen, um sie für Bewegung zu begeistern: Sport ist nicht nur eine Sache der Hochleistungsathleten.
Wie schafft man das?
Es bestehen bereits unterschiedliche Aktionen, etwa der „Wibbel an Dribbel“, um Kinder – bestenfalls gemeinsam mit den Eltern – zu motivieren und ihnen zu zeigen, wie viel Spaß Sport macht. Neben der Hauptstadt und Düdelingen sollte eigentlich auch wieder Ettelbrück mitmachen, aber das steht auf der Kippe. Das würde mich jedenfalls für den Norden des Landes enttäuschen. Ich hoffe, dass durch die Präsenz der Sportkoordinatoren, die Gemeinden mithelfen können, die Menschen zu motivieren, sich zu bewegen.
Auch der Schulsport spielt in diesem Sinne eine Rolle.
Die zusätzliche Sportstunde ist wichtig. Es ist nicht unbedingt mein Bereich, aber wir müssen bei den Betreuungseinrichtungen ansetzen. Es werden bereits Aktivitäten auf die Beine gestellt, aber allgemein gilt nun einmal, dass es keine Wunderlösung gibt. Vielleicht hilft es schon, Kindern zu sagen, dass sie das iPad zur Seite legen sollen.
Wie kann das Sportministerium den Sport denn noch gezielter gesellschaftlich verankern?
Durch Sichtbarkeit. Einer der in Betracht gezogenen Ansätze ist der Einsatz von Sportkoordinatoren. Jetzt wollen wir auch den gesetzlichen Rahmen schaffen. Zudem ist es eine Frage der Erziehung. Vorleben, zeigen, darüber reden: Wenn ich die Jugendlichen aus dem Sportlycée beobachte, dann sind es Schüler, die viel Stress haben und trotzdem immer höflich und gut gelaunt sind. Man sieht ihnen die Motivation an, sie haben ein Ziel vor Augen. Nicht jeder muss Hochleistungssportler werden wollen, aber die Botschaft, dass man sich bewegen soll, muss in die Gesellschaft herausgetragen werden. Ich merke selbst, dass die Laune schlechter wird, wenn ich keine Zeit fürs Laufen hatte.
Wurde diese Aufgabe in den letzten Jahren vernachlässigt?
Ich denke eher, dass es eine Botschaft ist, die man dauernd wiederholen muss. Ganz oft ist es so, dass Leute, die sich nicht viel bewegen, dies bei ihren Eltern abgeschaut haben. Das ist die Zielgruppe, die man erreichen muss. Man kann aber nicht behaupten, dass in den vergangenen zehn Jahren nichts in dieser Richtung unternommen wurde.
Um kurz auf die Sportkoordinatoren zurückzukommen: Wann ist mit dem gesetzlichen Rahmen zu rechnen?
Das Sportministerium unterstützt die Gemeinden bei der Einstellung eines Sportkoordinators finanziell sowie durch Beratung, Begleitung und Vernetzung. Jetzt geht es darum, einen klaren Rahmen zu schaffen. Der Anfang ist gemacht. Die Prozeduren können manchmal etwas länger dauern. Ich kann mir aber vorstellen, dass das bis Ende des Jahres erledigt ist und wir dann Vollgas geben können. Das Konzept kommt in den Gemeinden sehr gut an. Mittlerweile sind 30 an Bord und 19 Koordinatoren im Einsatz.
Die neue Sportministerin will enger mit dem COSL zusammenarbeiten Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Welche Rückmeldungen haben Sie von den Sportkoordinatoren erhalten?
Diejenigen, mit denen ich bereits gesprochen habe, sind zufrieden, weil sie ausgelastet sind: Das bedeutet, dass Arbeit vorhanden ist. Das Gegenteil wäre ja auch dramatisch. Ich werde mich in einem halben Jahr mit den Sportkoordinatoren an einen Tisch setzen, um eine Bilanz ihrer Erfahrungen zu ziehen: Wenn wir einen Rahmen schaffen, ist es wichtig, dass er so aussieht, wie man ihn tatsächlich braucht. Das Ziel ist, noch weitere Gemeinden ins Boot zu holen, um das Sportangebot in allen Regionen des Landes auszubauen. Es kann nicht sein, dass es in ländlicheren Gegenden weniger gibt.
Neben dem Dossier der Sportkoordinatoren sind aber noch eine Reihe anderer Baustellen, die Sie in Angriff nehmen müssen: das gescheiterte Projekt des Sportmuseums auf dem Gelände der „Rout Lëns“, die IPESS („Initiative pour la promotion de l’emploi dans le secteur du sport“) oder auch das „Subside Qualité+“. Wo setzt man da an?
Das wichtigste Dossier, das in meinen Augen Priorität hat, ist die Reform des „Subside Qualité+“. Das hilft nämlich gezielt Vereinen, um sich mehr Qualität und Quantität leisten zu können. Ich habe mich vergangene Woche mit dem Olympischen Komitee (COSL) getroffen, um über die Knackpunkte zu sprechen. Ich hoffe, dass wir im Frühling einen Gesetzestext einbringen können. Wir benötigen allerdings parallel dazu die Hilfe des Digitalisierungsministeriums, um die nötige Plattform zu schaffen. Wir brauchen ein digitales Werkzeug, damit das Ganze auch funktionieren kann. Wir können ja nicht einfach Geld ausgeben, ohne dass man das kontrollieren und nachverfolgen kann.
Sind Sie optimistisch, dass das schnell umsetzbar sein wird?
Ich habe noch heute Mittag (am Montag) um ein Treffen mit der zuständigen Ministerin Stéphanie Obertin gebeten.
Ihr Vorgänger Georges Mischo wollte noch weitere Informationsveranstaltungen organisieren, um gezielt über das „Subside“ zu informieren. Ist das auch Ihr Plan?
Sobald wir einen Gesetzestext haben und wissen, wie wir das Ganze digital umsetzen können, müssen wir diese Informationen unbedingt in die Vereine bringen. Es handelt sich um eine Reform, deshalb müssen die Leute wissen, was sich ändert und welche Möglichkeiten für sie bestehen. Parallel dazu wurde der Text für die IPESS ja bereits eingereicht, aber es braucht diese Reform des „Qualité+“, damit die Vereine über die finanziellen Mittel verfügen, um sich mögliche Dienstleistungen leisten zu können.
Ist das Thema Sportmuseum eigentlich ganz vom Tisch?
Ob die Regierung jetzt noch ein Sportmuseum in Auftrag gibt oder bauen will, weiß ich nicht. Das ist die Entscheidung des Regierungsrats. Fakt ist: Es steht im Koalitionsvertrag. Ich habe bereits erklärt, dass das Sportmuseum keine Priorität ist. Wir werden sehen, was die Chamber nun dazu sagt. Es wurden zehn Dossiers angefragt und etwa 40 Fragen gestellt. Sobald das alles erledigt ist, werden wir es bei der Chamber einreichen. Wenn alles aufgearbeitet und analysiert ist, schauen wir weiter.
Wie weit fortgeschritten sind die Arbeiten rund um die Antidopingagentur?
Aus der ALAD („Agence luxembourgeoise antidopage“) wird die ALIS („Agence luxembourgeoise pour l’intégrité dans le sport“). Das Ziel ist es, das noch im Frühling hinzubekommen, damit die Agentur bereit für ihre neue Aufgabenfelder ist. Wir wollen beim Thema Ethik und Safeguarding vorankommen.
Es sind unheimlich viele unterschiedliche Dossiers, für die Sie nun verantwortlich sind. Wie verschafft man sich da innerhalb weniger Wochen einen Überblick?
Diese Zeitspanne reicht definitiv nicht, um jedes Dossier bis ins kleinste Detail zu kennen. Ich habe mir dennoch einen kompletten Überblick verschaffen können und mir in den wichtigsten Angelegenheiten, etwa dem „Qualité+“, die Knackpunkte angeschaut. Dabei fiel mir auf, dass wir auch allen anderen Subsidien einen anderen Rahmen geben sollten, mit klareren Regeln. Wir haben da ebenfalls Kontakt mit dem COSL aufgenommen, um das auszuarbeiten. Es wurde zudem abgemacht, dass wir in der nächsten Sitzung über die Sonntagsarbeit reden werden. Da muss die Grauzone unbedingt geregelt werden. Wir brauchen eine pragmatische Lösung, natürlich müssen die Gewerkschaften einbezogen werden. Es ist ein sensibles Thema und wir brauchen einen richtigen und klaren Rahmen. Was für mich wichtig ist: Wir machen Politik für den Sport – deshalb machen wir sie mit dem Sport. Wenn man Dinge festhält, die der Sport nicht mittragen will, kommen sie nicht an. Ich setze auf Dialog. Man muss sich die nötige Zeit nehmen und die Leute mit ganz vielen Fragen nerven (lacht). Ich glaube, das liegt mir als Ingenieurin im Blut, dass ich Präzision mag.
Für das größte Sorgenkind des Sports gibt es wohl kein Wundermittel ...
Das ist leider nicht nur im Sport der Fall. Der Sport lebt von seinen freiwilligen Helfern. Man kann sich nicht oft genug bei ihnen bedanken. Ich war am Wochenende in der Coque, sowohl bei der Leichtathletik als beim Tischtennis. Da sieht man, dass ohne diese Leute gar nichts möglich wäre. Wir müssen das Bénévolat in Zukunft mit gezielten Aktionen zusätzlich unterstützen.
Wer engagiert sich heute noch?
Meist sind es Eltern oder diejenigen, die sich sozusagen auf Lebenszeit in den Dienst eines Vereins stellen. Es gibt sie noch, aber es wird schwer werden, sie zu ersetzen. Und genau deshalb ist es unheimlich wichtig, dass die IPESS kommt – um beispielsweise bei administrativen Aufgaben Unterstützung zu bieten. Es ist verständlich, dass manchen ehrenamtlichen Helfern irgendwann die Lust vergeht.
In diesem Sinne gab es ja auch ein wenig Angst vor einer Verstaatlichung des Sports, sprich eines Autonomieverlusts. Wie bewerten Sie diese Sorgen?
Es sind Diskussionen, die ich sicherlich noch mit dem COSL führen werde. Es wurden, unabhängig von meiner Person, Arbeitsgruppen gegründet, um den Text durchzugehen. Wir wollen keine Verstaatlichung.
Wie weit reicht denn der Einfluss des Staats bei der IPESS?
Was der Staat unternimmt, ist, den Vereinen finanziell unter die Arme zu greifen – damit sie das Personal engagieren können, das sie brauchen. Der Verein sucht sich das heraus, was er braucht. Wenn die Dienstleistung nicht dem entspricht, was sie sich vorgestellt hatten, dann ist es ebenso schnell wieder vorbei. Ich sehe es als Hilfe, nicht als Muss. Das Ziel des Ministeriums ist es nicht, den Vereinen vorzuschreiben, wie sie funktionieren sollen.
Ein anderes Thema. Georges Mischo ging vergangene Woche hart mit seinen ehemaligen Beamten ins Gericht (RTL Radio) und hat sich am Montag (100,7) entschuldigt. Wie haben Sie diese Kritik wahrgenommen und interpretiert? Was wird sich an der aktuellen Besetzung ändern?
Ich habe das Interview nicht komplett gehört und dementsprechend den Teil mit der Kritik an den Beamten auch nicht. Ich habe es allerdings gelesen. Gleiches gilt für die Entschuldigung. Es wird von meiner Seite aus keine überhastete Reaktion oder Umbesetzung geben. Ich gehe davon aus, dass jeder das getan hat, was er für richtig hielt. Wir werden die Dossiers analysieren und dann weiterschauen. Wir arbeiten gerade gut mit den Leuten zusammen. Das Sportministerium muss verstärkt werden: Aufgrund der vielen Dossiers ist das nötig. Georges Mischo hat es geschafft, mehr Geld für den Sport zu bekommen. Das ist eine Leistung, die man ihm anerkennen muss. Jetzt müssen die Projekte fertiggestellt werden.
Das Olympische Komitee fordert weiterhin ein Prozent des Staatshaushalts. Ist das zu hoch gegriffen?
Im Koalitionsabkommen war diese Zahl nicht festgehalten worden.
Dass die luxemburgischen Athletinnen international starke Leistungen abliefern, erlebte Martine Hansen beim CMCM-Meeting mit Foto: Editpress/Luis Mangorrinha
Thema Frauensport: Viele Studien über die Zahlen in Luxemburg gibt es nicht. Haben Sie das Gefühl, dass sich in den vergangenen Jahren etwas getan hat?
Aus dem Bauch heraus würde ich schon sagen, dass Fortschritte gemacht wurden. Wenn ich 20 Jahre später auf die Welt gekommen wäre, hätte ich vielleicht Fußball spielen können. Aber damals gab es diese Möglichkeit nicht. Unsere Luxemburger Damen liefern international enorm starke Leistungen, das hat man ja beim CMCM-Meeting am Sonntag gesehen. Wir müssen es schaffen, den Frauensport noch mehr zu zeigen. Es gibt immer Möglichkeiten, etwas zu verbessern. Wir hatten eben hier noch ein Gespräch über Tarife für Schiedsrichter. Da gibt es Unterschiede. Auch wird in den Ausbildungen der INAPS darauf aufmerksam gemacht, dass man die Trainingszeiten gerecht aufteilen soll. Es muss eine Gleichberechtigung geben. Eigentlich wollten wir eine Charta aufstellen, aber die Vereine haben das schon teilweise erledigt und sollen nicht überhäuft werden. Eine neue Studie wäre wohl interessant und würde auch bei der Sensibilisierung helfen.
Sie haben dieses Ministerium inmitten einer Legislaturperiode übernommen. Welche Akzente wollen Sie noch in den zweieinhalb Jahren setzen?
Was mir am Herzen liegt, ist, dass neben dem föderierten Sport ebenfalls die Bewegung angekurbelt und gefördert wird. Ich möchte die Menschen motivieren. Ich kann aber noch nicht sagen, wie ich das machen werde.
Sie gehen ja mit gutem Beispiel voran.
Ich werde viel auf die Trail-Läufe angesprochen. Es ist etwas, was ich in meiner Routine beibehalten will. Im Moment sind die Tage allerdings kurz, da muss ich das zwischendurch einbauen.
Letzte Frage. Es hieß einmal, die Sportberichterstattung in Luxemburg sei oberflächlich und lapidar. Stimmen Sie zu?
Nein. Die Sportberichterstattung hat eine extrem wichtige Rolle. Sie ist das Schaufenster nach draußen, sie motiviert die Menschen, Sport zu machen. Nur durch Sichtbarkeit lassen sich noch ehrenamtliche Helfer finden.
„Darauf bin ich stolz“
Martine Hansen war sowohl in der beruflichen als in der politischen Karriere eine Vorreiterin. Nach ihrem Studium der Agrarwissenschaften und des Schulmanagements unterrichtete sie bis 2006 als Lehrerin und Ingenieurin am „Lycée technique agricole d’Ettelbruck“. 2013 wurde sie erste Direktorin der Schule. Fünf Jahre später wurde sie zur ersten weiblichen CSV-Fraktionschefin ernannt. Offiziell ist sie auch erste Sportministerin, da das Sportministerium 1999 noch nicht eigenständig war und ihre einzige Vorgängerin Anne Brasseur diesen Bereich als Zusatz des Bildungsministeriums abdeckte. „Da bin ich sehr stolz darauf“, meinte die 60-Jährige