Fußball
Wie der FCK? Thuns tollkühner Titelangriff
Der FC Thun schreibt in der Schweiz ein modernes Fußballmärchen. Der Meistertraum des Aufsteigers könnte schon bald wahr werden.
Thun erzielte die meisten Tore und kassierte die wenigsten Gegentreffer Foto: FC Thun
Im beschaulichen Berner Oberland kennt man sie natürlich längst, die Geschichten der großen Meistersensationen. Den Titelgewinn des 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger 1998, den Triumph von Leicester City oder das schwedische Fischerdorf Mjällby, das jüngst alle überraschte. Vergleiche wie diese begleiten den FC Thun seit Wochen, und nein, inzwischen wehren sie sich in der 40.000-Einwohner-Gemeinde kaum noch dagegen.
Denn aus dem einst herbeigesehnten Märchen wird langsam Wirklichkeit. Der kleine Klub vom Thunersee, nach fünf Zweitliga-Jahren erst im Sommer wieder aufgestiegen, gestartet mit nur knapp 15 Millionen Franken Marktwert – dem zweitniedrigsten der Liga – und dennoch nahezu uneinholbar an der Spitze, schreibt seine eigene Sensationsgeschichte. „Macht’s Thun wie Kaiserslautern?“, fragte jüngst das Boulevardblatt Blick.
Der Weg bis dahin sei „noch lang“, sagte Trainer Mauro Lustrinelli inmitten all der Freude über den Prestigeerfolg am Wochenende gegen den Titelverteidiger FC Basel (2:1), der vielerorts als bestandene Meisterprüfung gewertet wurde. Beim FC Thun, den zahlreiche Experten als Absteiger sahen, sei aber „die Freude“ da, „in dieser Saison etwas Historisches schaffen zu können“.
Vorsprung: Eine Premiere
Die Zahlen beeindrucken: Neun Punkte beträgt der Vorsprung auf den ersten Verfolger Lugano nach fast zwei Dritteln der Saison, Thun erzielte die meisten Tore und kassierte die wenigsten Gegentreffer. Ein derart komfortabler Vorsprung zu diesem Zeitpunkt, rechnete der SRF vor, sei seit Einführung der Liga noch nie verspielt worden. Die Gemeinde nahe Spiez, dort, wo sich 1954 das deutsche Nationalteam auf das Wunder von Bern einschwor, träumt nun ganz offen vom ersten Titel der 127-jährigen Klubgeschichte.
Ein „erfolgreicher Mix aus Menschlichkeit, Professionalität, Fachwissen, Geld und vor allem gelebter Kontinuität“ – so lautet das Erfolgsrezept laut Andres Gerber. Der Präsident, einst Kapitän und Sportchef des Klubs, hat sportlich und finanziell schwierige Zeiten überstanden – und den bisherigen Höhepunkt des Vereins vor über 20 Jahren mit dem heutigen Trainer erlebt.
Der frühere Schweizer Nationalspieler Lustrinelli schoss Thun 2005 in die Champions League. Vor seiner Trainerlaufbahn lernte er von Hanspeter Latour oder Ottmar Hitzfeld. Er formte seit seinem Amtsantritt 2022 in Ruhe eine verschworene Einheit ohne Stars, die nicht alle Spiele dominiert, aber zuverlässig gnadenlos zuschlägt. Spieler wie Leonardo Bertone, wegen seiner Ausstrahlung und Freistöße bereits mit David Beckham verglichen, stehen stellvertretend für die Mischung aus Talent, Teamgeist und klarer Taktik.
Budget, Marktwert, Transfersummen, das ist Mathematik. Aber Fußball ist nicht Mathematik.
Mauro Lustrinelli
Trainer
„Budget, Marktwert, Transfersummen, das ist Mathematik. Aber Fußball ist nicht Mathematik“, sagte Lustrinelli der NZZ über seine Vorstellungen, daher habe er „ein Team ohne Grenzen“. Er werde jüngst „häufig auf den Kaiserslautern-Vergleich angesprochen“, verriet der 49-Jährige dazu bei Transfermarkt – und erlaubte den Fans kurzerhand ausdrücklich das Träumen.
Historisch, aber nicht einmalig wäre ein Durchmarsch zum Titel. In der Schweiz war dies 1952 bereits dem Grasshopper Club Zürich gelungen. „Ich habe überhaupt keine Angst, dass wir abheben“, sagte Mittelfeldspieler Valmir Matoshi nach dem jüngsten Erfolg im Basler St.-Jakob-Park und lieferte prompt die Begründung: „Wir sind Thuner, wir sind bodenständig. Und wir sind das Gewinnen langsam gewohnt.“