Handball
Bereit für den großen Wurf: Letzter Akt in der Affäre HBD gegen HB Esch
Es ist wohl eines der kuriosesten Ereignisse der luxemburgischen Handballgeschichte: Für einen einzigen Freiwurf tritt der HBD am Mittwoch (20.30 Uhr) in der Escher Hall Omnisports H. Schmitz an.
So wird die Wiederholung des Freiwurfs aussehen Foto: Tageblatt-Grafik/Kim Kieffer
„Wir nehmen das sehr ernst“
„Wir nehmen das sehr ernst“, sagt HBD-Trainer Dusko Bilanovic vor der Wiederholung des Freiwurfs. „Der Vorstand hat monatelang in einem Prozess darum gekämpft, deswegen wollen wir das vernünftig machen.“ Da die Bedingungen des Freiwurfs bereits im Vorfeld von der „Commission luxembourgeoise d’arbitrage pour le sport“ (CLAS) klar definiert wurden, konnten die Düdelinger die Situation im Training gut simulieren. „Wir haben es mit mehreren Spielern versucht“, so Bilanovic. „Wir haben jetzt zwei Kandidaten, die für den Wurf infrage kommen.“ Der HBD wird am Mittwochabend zunächst in eigener Halle trainieren und anschließend mit der gesamten Mannschaft nach Esch fahren, wo schließlich ein Spieler sein Glück versuchen wird. „Wenn der Handball-Gott auf unserer Seite ist, kann es klappen“, sagt Bilanovic und weiß zugleich: „Die Chance, dass ein direkter Freiwurf im Tor landet, ist so groß wie ein Lottogewinn. Es ist eine Glückssache.“
„Hoffen auf einen lustigen Abend“
Ein großes Event macht der HB Esch aus dem Freiwurf nicht. Dennoch hat sich der Klub einige Dinge einfallen lassen, um dem Abend einen besonderen Rahmen zu geben. „Unsere Buvette wird geöffnet sein, und dort haben wir kleine Spiele geplant, bei denen sich die Leute in eine ähnliche Situation versetzen können“, erklärt HBE-Präsident Christian Bock. „Außerdem bieten wir ein spezielles Getränk an, den ,One Shot‘.“ Wie viele Zuschauer den Freiwurf tatsächlich vor Ort verfolgen werden, lässt sich aber schwer abschätzen. „Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die gesagt haben: Das ist so kurios, das muss ich mir anschauen“, so Bock. „Aber man darf nicht vergessen, dass es unter der Woche ist und das einige davon abhalten könnte.“ Eintritt wird der HB Esch nicht verlangen. „Wir hoffen einfach auf einen lustigen Abend.“
Die Affäre in der Zusammenfassung
Der Ursprung der Affäre liegt am 27. September 2025. Der HB Esch setzte sich am vierten Spieltag überraschend mit 30:29 gegen den Favoriten HB Düdelingen durch. Der HBD legte jedoch Protest gegen die Wertung ein. Im Zentrum steht eine Szene, die sich erst nach Ablauf der regulären Spielzeit ereignete. Düdelingen erhielt mit der letzten Aktion der Partie einen Freiwurf, der erst nach der Schlusssirene ausgeführt wurde. Bevor es jedoch dazu kam, schickten die beiden Schiedsrichterinnen den Escher Spieler Lou Fancelli wegen einer blutenden Nase nach einem Ellbogenschlag vom Platz. Esch ersetzte ihn durch Ben Goehler, der beim Freiwurf Teil der Escher Mauer war. Genau darin sah der HBD einen Regelverstoß.
Während der Protest in erster Instanz abgewiesen wurde, bekam Düdelingen vor dem Berufungsgericht der FLH recht. Die Entscheidung basiert auf den IHF/EHF-Regeln (Artikel 2.4, 2.5 und 4.10) – wobei diese im konkreten Fall widersprüchlich wirken: Einerseits muss ein blutender Spieler zwingend vom Platz geschickt werden. Andererseits darf die abwehrende Mannschaft bei einem Freiwurf nach der Schlusssirene aber nur noch einen Feldspieler für einen Torwart auswechseln, wenn sie beim Ertönen des Schlusssignals ohne Torwart spielt. Das FLH-Berufungsgericht entschied, dass das gesamte Spiel wiederholt werden muss. Daraufhin zog der HB Esch vor die CLAS, die letzte nationale Instanz.
Diese bestätigte einen Regelverstoß, urteilte jedoch, dass eine komplette Neuaustragung des Spiels eine „übermäßige und unverhältnismäßige Konsequenz“ sei und entschied deswegen, dass nur der Freiwurf, im Zentrum des Disputs, wiederholt werden soll, da dieser, auch wenn es unwahrscheinlich ist, zum Ausgleich führen kann. Damit hätte der HBD in der Tabelle einen Punkt mehr, der am Ende der Saison womöglich entscheidend sein könnte.
Die Bedingungen des Freiwurfs
Die CLAS hat klare Bedingungen formuliert, unter denen der Freiwurf am Mittwochabend wiederholt werden muss. Der ausführende Spieler des HBD muss am 27. September zum Schluss der Partie auf dem Platz gestanden haben. Viele Akteure kommen daher nicht infrage. Loris Labonté und Luka Steffen saßen eine Zeitstrafe ab, Fynn Köller steht aufgrund seines Studiums bis Juli nicht zur Verfügung. Übrig bleiben Aldin Zekan, Yann Hippert, Hugo Neuberg und Josip Ilic. Fränky Hippert war zudem für die Ausführung des ursprünglichen Freiwurfs eingewechselt worden. Ojié und Itua Etute hatten die Partie aus privaten Gründen verpasst und kommen nicht in Frage.
Die Mauer des HB Esch muss aus denselben Spielern bestehen wie im ursprünglichen Spiel (P. Kirsch, Keiser, Barkow und Vitali), allerdings ohne den irregulär eingewechselten Goehler. Auch Fancelli, der wegen einer blutenden Nase ausgewechselt werden musste, darf die Mauer nicht ergänzen. Da Tomassini zum Zeitpunkt des Freiwurfs eine Zwei-Minuten-Strafe verbüßte, besteht der Block somit nur aus vier Spielern. Im Tor muss Hugo Figueira stehen.
Sollte einer der Spieler aus nachweisbaren Gründen nicht verfügbar sein, darf er durch einen Spieler mit vergleichbarem Körperbau und ähnlichen Fähigkeiten ersetzt werden, der im Spielbericht vom 27. September 2025 aufgeführt ist.
Minimale Wahrscheinlichkeit
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein direkter Freiwurf im Handball im Tor landet, ist äußerst gering. Direkt aufs Tor wird in der Regel nur geworfen, wenn der Freiwurf nach der Pausen- oder Schlusssirene ausgeführt wird. Ist das Ergebnis deutlich, landet der Ball oft bedeutungslos irgendwo. Geht es jedoch – wie im Fall HBD gegen Esch – um Sieg, Unentschieden oder Niederlage, wird der Freiwurf ernsthaft ausgeführt. Die Erfolgschance bleibt dennoch minimal. Zum einen darf die gesamte gegnerische Mannschaft eine Mauer stellen, was den Wurfwinkel stark einschränkt. Zum anderen erfolgt der Wurf aus dem Stand: Der Schütze muss mit einem Teil eines Fußes permanent Bodenkontakt halten, ein Sprungwurf ist nicht erlaubt. Auch das Torwart-Spiel begünstigt die abwehrende Mannschaft, da sich der Keeper vollständig auf den einen Schützen konzentrieren kann. Experten schätzen die Erfolgswahrscheinlichkeit eines direkten Freiwurfs auf unter fünf Prozent.
Ein berühmtes Vorbild
Im Handball gibt es Momente, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Einer davon: ein direkt verwandelter Freiwurf. 2024 steht Frankreich im EM-Halbfinale gegen Schweden kurz vor dem Aus. Schweden führt 27:26 und wähnt sich bereits im Finale. Die Zeit ist abgelaufen, doch Frankreich darf noch einen Freiwurf ausführen. Elohim Prandi übernimmt – und trifft spektakulär zum 27:27. Der Rest ist Geschichte: Frankreich gewinnt in der Verlängerung und krönt sich zwei Tage später mit dem Finalsieg gegen Dänemark zum Europameister.
Das Programm
20.00: Start des Aufwärmens
20.15: Zuschauer-Einlass
20.30: Ausführung des Freiwurfs