US Open
Ungewöhnliche Nummer eins in New York: Zverev zwischen Chance und Last
Alexander Zverev geht topgesetzt in die US Open und hat eine große Chance auf seinen zweiten Majortitel. Es birgt allerdings eine Gefahr.
Alexander Zverev steht bei den US Open an der Spitze der Setzliste Foto: dpa/Yuki Iwamura
Der lockere Aufgalopp fiel kürzer aus als erhofft. Nichts war es für Alexander Zverev mit einem erfolgreichen Mixed-Turnier bei den US Open – also widmete sich der French-Open-Sieger schnell wieder seinem Hauptbusiness. Zverev schnappte sich Novak Djokovic und ließ im intensiven Einzeltraining den Schweiß nur so fließen.
Schalter umlegen und in seinen speziellen Grand-Slam-Modus finden – das ist der Plan für den 29 Jahre alten Deutschen, bevor die Hauptrunde des letzten Majorevents der Saison am Sonntag startet.
Wie groß Zverevs Chancen in New York sind, zeigt schon seine Position in der Setzliste: Der Olympiasieger von Tokio thront erstmals an Position eins, obwohl er es bisher nicht an die Spitze der Weltrangliste geschafft hat. Dort steht Jannik Sinner, der in der pulsierenden US-Metropole aufgrund von Knieproblemen nicht aufschlagen kann. Dafür ist Carlos Alcaraz nach langwieriger Handgelenkverletzung zurück – aber in welcher Verfassung?
Zverev, der sich am 7. Juni in Paris bei seinem Finaltriumph auf dem Court Philippe Chatrier von der großen Last des so ersehnten ersten Grand-Slam-Siegs befreit hat, rückt damit auf den Hartplätzen in Flushing Meadows zwangsläufig erneut in das Zentrum der Anwärter. Daran ändern auch durchwachsene Vorbereitungsturniere in Montréal und Cincinnati nichts.
„Habe noch ein Ziel“
Denn er hat gerade in dieser Saison bewiesen, dass er auf Major-Terrain ein anderer Spieler sein kann. Mit seiner außergewöhnlichen körperlichen Konstitution und enormem Fokus war er im Modus „Best of five“ nur sehr schwer zu schlagen in Melbourne und zuletzt im Finale von Wimbledon. In Paris schaffte es keiner - das ist auch Zverevs Hoffnung für New York, wo er 2020 schon einmal im Finale stand. Gelingt dies wieder, würde er ganz nebenbei den aktuellen Abstand von mehr als 5.000 Punkten in der Weltrangliste auf Sinner deutlich verkürzen.
„Ich habe noch ein Ziel, das ich nicht erreicht habe: die Nummer eins der Welt“, sagte Zverev zuletzt häufiger. Spukt ihm nun die Chance zu sehr im Kopf herum? Boris Becker hat zumindest eine gewisse Sorge nach den bisherigen Auftritten der deutschen Nummer eins auf dem Hardcourt-Swing.
„Ich will es nicht zu laut betonen. Aber das erinnert mich so ein bisschen an das Frühjahr letztes Jahr“, sagte der sechsmalige Grand-Slam-Champion in seinem Podcast mit Andrea Petkovic: „Als er nach dem Finale in Melbourne und der Dopingsperre von Sinner wirklich drei, vier Monate große Chancen hatte, Sinner deutlich näher zu kommen. Es passierte fast die schlechteste Phase seiner Tenniskarriere.“
Er drücke „alle Daumen“, spüre aber, dass sich Zverev „vielleicht zu viel Druck“ mache aufgrund einer „unglaublichen Chance“, fügte Becker an. Diesen Eindruck muss und will der Paris-Champion widerlegen. Ab Sonntag in New York. (SID)