Neuer LPC-Präsident

Serge Schaul und seine Visionen für den luxemburgischen Parasport

Nach 36 Jahren endet die Ära von Präsident Marc Schreiner beim Luxembourg Paralympic Committee (LPC). Mit Serge Schaul, dem früheren Vorsitzenden des Kampfsportverbandes FLAM und später der FLJudo, übernimmt ein erfahrener Dirigent die Geschicke des Behindertensportverbandes. Das Tageblatt unterhielt sich mit dem neuen LPC-Präsidenten.

Serge Schaul bei der Generalversammlung des Luxembourg Paralympic Committee als neuer Präsident vorgestellt

Serge Schaul hat unter anderem den Para-Judo hierzulande ins Leben gerufen Foto: Editpress/Julien Garroy

Tageblatt: Die Nominierung zum LPC-Präsidenten kam etwas überraschend. Auch für Sie?

Serge Schaul: Ja, es war auch für mich eine Überraschung. Man hat mich angesprochen, ob ich diesen Posten übernehmen möchte. Meine erste Reaktion war negativ, da ich mich erst vor einem Jahr im COSL engagiert hatte. Allerdings muss ich ehrlich sagen: Als ich vom Rücktritt von Marc Schreiner hörte, habe ich meiner Frau gesagt, dass es eigentlich schade ist, dass ich jetzt im COSL aktiv bin – denn dieser Posten hätte mir auch Spaß gemacht. Diesen Gedanken habe ich dann aber wieder verdrängt, da ich mit meiner Aufgabe im COSL äußerst zufrieden bin. Letztlich galt es abzuwägen, ob beide Positionen miteinander kompatibel sind. Seitens des COSL gab es dabei keine Bedenken.

Überraschend auch in dem Sinne, dass Sie erst vor einem Jahr Ihr Amt als Präsident der FLJudo aufgegeben haben, um dem COSL beizutreten.

Das stimmt. Allerdings sind beide Verbände anders gelagert. Im Gegensatz zum Judoverband erhält das LPC keine finanziellen Zuschüsse vom COSL. Obwohl das LPC ebenfalls Mitglied im zentralen Dachverband ist, besteht keine direkte Verbindung zum COSL. Und genau das wird eine meiner ersten Aufgaben sein: in diesem Verhältnis Klarheit zu schaffen. Es ist schon etwas ungewöhnlich, dass ein „Comité paralympique“ Mitglied im „Comité olympique“ ist. Ich weiß noch nicht, wie die zukünftige Konstellation aussehen wird. Allerdings habe ich meine eigenen Ideen zur weiteren Zusammenarbeit dieser beiden Gremien.

Es gilt nun, in große Fußstapfen zu treten, die Marc Schreiner hinterlässt – umso mehr, als Sie selbst keine paralympische Karriere haben ...

Ich habe mich immer intensiv mit dem Parasport beschäftigt und den Para-Judo hierzulande ins Leben gerufen. Das war mein Projekt, etwas, das ich schon vor 20 Jahren initiieren wollte, was als Vereinstrainer jedoch nicht möglich war. Als Präsident der FLAM habe ich Gehör gefunden und die nötigen Türen öffnen können. Ich sehe meine Arbeit nicht direkt im sportlichen Bereich. Ich möchte dem LPC zunächst eine Struktur geben. Wir müssen uns eine Vision für die Zukunft erarbeiten. Seit sechs Jahren begleite ich die Aktivitäten des LPC und ich vermisse eine gewisse Weiterentwicklung. Ich denke, dass ich dem Parasport in diesem Bereich weiterhelfen kann. Ich bin auf jeden Fall motiviert, auch die anderen Mitglieder im Vorstand und im Parasport zu motivieren.

Wir müssen dafür eintreten, dass nicht nur über Parasport gesprochen wird, sondern auch mit dem LPC, das diese Gruppe vertritt

Serge Schaul

Ist es ein Vorteil, eine externe Perspektive einbringen zu können?

Man hat mir einmal nachgesagt, ich würde einen Verband wie einen Betrieb führen. Ich war 35 Jahre lang selbstständiger Unternehmer. Tatsächlich sehe ich keinen großen Unterschied zwischen einem Betrieb und einem Verband: Man muss eine Dienstleistung erbringen, ein Budget aufstellen und mit Mitarbeitenden arbeiten. Wenn ich mich irgendwo engagiere – ob im COSL, bei der FLAM oder jetzt im LPC –, dann tue ich das mit Herzblut, Freude und Enthusiasmus. Nach einigen Meetings mit dem Staff ist mir bewusst geworden, an welchen Stellschrauben wir drehen können. Ich habe bereits meine Prioritäten für die nächste Zeit festgelegt.

Und diese Prioritäten lauten?

Als erstes Ziel gilt es, die Relation zwischen COSL und LPC zu klären, damit keiner über oder unter dem anderen steht. Intern müssen wir uns Prozeduren geben, wie man in verschiedenen Situationen handelt. Marc Schreiner hat in der Generalversammlung gesagt, dass es für ihn ein Full-Time-Job war. Ihm gebührt enormer Respekt für seinen langjährigen Einsatz. Mir geht es jedoch darum, eine bessere Organisation aufzubauen, sodass es für niemanden zu viel wird und genügend Zeit bleibt, andere wichtige Aufgaben zu erfüllen. An erster Stelle steht für mich dabei, die Anerkennung und den Stellenwert in der Gesellschaft zu bekommen, den der Parasport verdient. Des Weiteren müssen wir auch das Niveau unserer Sportler anheben, mehr und bessere Trainer finden sowie bessere Trainingsbedingungen schaffen. In diesem Sinne sehe ich die „Carrière civile“ als ein wichtiges Thema. Dies ist der einzige Weg für Parasportler, ihren Sport auf professioneller Basis zu betreiben.

Es gilt also, konsequente Lobbyarbeit für den Parasport zu betreiben?

In manchen Gremien wird der Parasport zwar behandelt, jedoch ohne einen Vertreter des LPC. Wir müssen dafür eintreten, dass nicht nur über Parasport gesprochen wird, sondern auch mit dem LPC, das diese Gruppe vertritt. Neuerdings habe ich gehört, dass ein Turnier im Para-Volleyball organisiert wird. Allerdings hat uns niemand kontaktiert. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Wir sind froh über jede Initiative in diesem Bereich, aber warum nicht gemeinsam mit uns? Wir verfügen schließlich über das entsprechende Know-how. Das LPC muss sich stärker bekannt machen, braucht eine bessere Vitrine. Dies könnte über eine Kampagne geschehen, allerdings benötigt es dafür auch finanzielle Mittel.

Mit der Aufnahme von drei Sportverbänden – der FLJudo, der FSCL und der Flera – geht der LPC neue Wege. Auch im Hinblick auf die angestrebte Anerkennung?

Nein, dies hat eine ganz andere Ursache. Das IPC, also der internationale Verband, fordert, dass die nationalen Sportverbände Mitglied im LPC sind. In einem Jahr werden sich noch weitere Verbände anschließen. Ich dachte eigentlich, dass der Judoverband bereits Mitglied im LPC sei. Dadurch entstehen eine bessere Zusammenarbeit und eine bessere Kommunikation. Die Verbände stehen für den sportlichen Bereich und bauen auch Module in ihre Trainerausbildung ein. Es geht in die richtige Richtung. So können Barrieren im Kopf und Berührungsängste abgebaut werden. Inklusion ist wichtig, aber man muss auch realistisch bleiben, denn nicht alles ist machbar. Wir haben viele Sportler, die in regulären Sportvereinen trainieren und dort mitmachen.

Sie haben die sportliche Entwicklung angesprochen. Wie sehen die Ambitionen für die nächsten Paralympics aus?

Für LA 2028 denke ich, dass Luxemburg eine gewisse Präsenz garantieren kann. Aber bis dahin geht alles sehr schnell. Ich tendiere eher dazu, Brisbane 2032 abzuwarten, um eine realistische Entwicklung einschätzen zu können. Wir waren noch nie bei Winterspielen vertreten und so wird es wohl auch 2030 in den französischen Alpen bleiben. Dafür muss man zunächst Athleten finden, die Wintersport betreiben. Überhaupt ist die Sichtung potenzieller Parasportler ein zentrales Thema. Ich werde ein Gespräch mit dem Direktor des Rehazenter anstreben, um Möglichkeiten zu finden, in seiner Institution – wo wir ja auch unseren Sitz haben – Informationen zu vermitteln und eine Sensibilisierungskampagne zu starten. Unsere aktuellen Sportler können dabei als Botschafter für den Parasport auftreten.

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