Fußball
Rücktritte, Staatsaffäre, Drohungen: Grande Confusione in Italien
Die Aufräumarbeiten nach dem erneuten Scheitern der italienischen Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation und den folgenden Rücktritten gehen auch über Ostern weiter.
Nach der Demission des Verbandspräsidenten am Gründonnerstag nahm am Karfreitag auch Nationaltrainer Gennaro Gattuso seinen Hut Foto: AFP
Grande Confusione statt österlicher Ruhe: Die erneute Blamage der Squadra Azzurra in der WM-Qualifikation inklusive Rücktritten und ausgelöster Staatsaffäre hat Italien auch über die Feiertage fest im Griff. Nach der Demission des Verbandspräsidenten am Gründonnerstag nahm am Karfreitag auch Nationaltrainer Gennaro Gattuso seinen Hut. Gleichzeitig kursierten bereits die Namen derer, die für die Wiederauferstehung des in Trümmern liegenden Fußballs im Land des viermaligen Weltmeisters sorgen sollen – natürlich allesamt Ikonen des Calcio.
Paolo Maldini und Gianni Rivera gelten als Favoriten für den Posten des Verbands-Chefs. Antonio Conte oder Roberto Mancini sollen auf Gattuso folgen, der nicht einmal ein Jahr im Amt war. „Schweren Herzens, da wir unser gestecktes Ziel nicht erreicht haben, betrachte ich meine Zeit als Trainer der Nationalmannschaft als beendet“, erklärte Gattuso und ergänzte: „Das Trikot der Azzurri ist das wertvollste Gut im Fußball. Deshalb ist es richtig, neue technische Beurteilungen zu ermöglichen.“
Bis in die Politik
Was die Tifosi von all den Planspielen halten, wird sich schon am Samstag zeigen – dann startet die Serie A unter dem Eindruck des dritten Scheiterns in der WM-Qualifikation in Folge in ihren Saisonendspurt. In den Tagen danach soll sogar Ministerpräsidentin Giorgia Meloni im Parlament über den Verfall des Fußballs sprechen, mit Erfolg drängten Regierung und Opposition bereits in seltener Eintracht auf den Rücktritt des Verbandspräsidenten. Gabriele Gravina gab dem Druck nach und stellte sein Amt zur Verfügung. Am 22. Juni soll es Neuwahlen bei der FIGC geben.
Auch der zweite und dritte Schritt der Aufarbeitung folgten prompt. Erst legte Sportchef Gianluigi Buffon sein Amt nieder, dann folgte Gattuso. Doch das war sicherlich noch nicht alles. Es gilt die Warnung der Gazzetta dello Sport an den Verband und das gesamte Land: „Wenn wir 2030 die vierte Ohrfeige vermeiden wollen, müssen wir uns beeilen.“ Einig sind sich die Analysten in einem: Die Probleme gehen tief, sind strukturell bedingt. „Es ist offenkundig, dass der Fußball neu aufgebaut werden muss“, sagte Sportminister Andrea Abodi.
Entzug der EM droht
Doch während die Politik noch nach weiteren Schuldigen im Fußball sucht, rät Aleksander Ceferin: Schaut doch mal in den Spiegel. „Die Politiker tragen mehr Schuld als Gravina“, sagte der Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA): „Ihr habt hier eine der schlechtesten Fußball-Infrastrukturen Europas.“ Das könnte heftige Konsequenzen haben. Ceferin drohte dem Co-Gastgeber der EM 2032 mit dem Entzug der Ausrichtung, sollte sich die Infrastruktur nicht den Erwartungen entsprechend entwickeln.
Da sind die maroden Stadien, einerseits. Andererseits gibt es eine Fixierung auf ausländische Profis: Die AC Mailand stellte zuletzt nur einen Italiener in die Startelf, Tabellenführer Inter Mailand und Meister SSC Neapel je zwei. Nach 30 Spieltagen hat der beste einheimische Schütze der Serie A acht Tore erzielt.
Kein Wunder also, dass der italienische Senatspräsident Ignazio La Russa eine Prozent-Regel ins Gespräch bringt: Die Vereine sollten verpflichtet werden, mindestens vier italienische Spieler über die gesamte Spielzeit einzusetzen – nicht nur Milan, Inter und Napoli würden diese Hürde reißen. Como Calcio stürmt mit fünf Siegen in Serie Richtung Champions League, in keinem der Spiele mit einem Italiener von Beginn an.
Auch deshalb sind viele Kritiker für Ceferin nicht mehr als Heckenschützen. „Es macht mich wütend und traurig, dass es Menschen gibt, die versteckt darauf warten, dass etwas schiefgeht, um dann hervorzuspringen“, sagte er. „Sagt mir, welcher italienische Spieler wurde nicht berufen – und hätte berufen werden sollen?“
Für die Antwort auf diese Frage blieb in der Hektik über Ostern allerdings kaum Zeit.