Fußball
„Moralisch degeneriert“: Ukraine kritisiert Infantino scharf
Die Äußerungen von FIFA-Präsident Gianni Infantino hinsichtlich einer Rückkehr russischer Mannschaften in die Wettbewerbe des Fußball-Weltverbands haben zu heftiger Kritik geführt.
Gianni Infantino zeigt sich offen für eine Aufhebung des Banns gegen Russland Foto: dpa/Robert Michael
Gianni Infantino pflegte sein Netzwerk und plauderte bei der Zusammenkunft des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eifrig mit den anderen Sportbossen dieser Welt. Doch auch ins Mailänder Kongresszentrum war am Dienstag vorgedrungen, welches Beben der FIFA-Präsident mit seinen Einlassungen zu einer möglichen Rückkehr russischer Mannschaften in die Wettbewerbe des Fußball-Weltverbands ausgelöst hatte. Die Kritik reichte von „verantwortungslos“ bis zu „moralisch degeneriert“.
Vor allem aus der Ukraine kamen deutliche Worte. Außenminister Andrij Sybiha, Sportminister Matwij Bidny und der Fußballverband (UFA) kritisierten Infantino scharf, weil sich dieser zuvor offen für eine Aufhebung des Banns gegen Russland gezeigt hatte. „Das müssen wir“, sagte der Schweizer beim britischen Sender Sky auf die Frage, ob eine Rückkehr Russlands geprüft werden müsse: „Auf jeden Fall – zumindest im Jugendbereich. Dieses Verbot hat nichts gebracht. Es hat nur Frustration und Hass hervorgerufen.“ Er ergänzte, „dass es helfen würde, wenn Mädchen und Jungen aus Russland in anderen Teilen Europas Fußball spielen könnten“.
„Eine Schande“
Sybiha nahm konkret Bezug auf diese Einlassung – und scheute dabei nicht vor einem historischen Vergleich zurück. „679 ukrainische Mädchen und Jungen werden nie Fußball spielen können – Russland hat sie getötet“, schrieb der Außenminister in den Sozialen Netzwerken: „Und es tötet weiter, während moralische Degenerierte vorschlagen, die Sanktionen aufzuheben, obwohl Russland seinen Krieg nicht beendet hat. Künftige Generationen werden dies als eine Schande betrachten, die an die Olympischen Spiele 1936 erinnert.“
Lob für Infantino kam aus Russland. „Wir haben diese Erklärungen gesehen und begrüßen sie“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow: „Das ist etwas, worüber man schon vor langer Zeit hätte nachdenken sollen.“ Der russische Fußballverband gab zu Protokoll, dass er die „Position von Herrn Infantino voll und ganz“ unterstütze.
Kurz nach Russlands völkerrechtswidrigem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 hatten die FIFA und die Europäische Fußball-Union (UEFA) ihre laufenden Wettbewerbe für russische Teilnehmer gesperrt. Bereits im April 2025 hatte sich Infantino offen für eine Rückkehr Russlands gezeigt – in Zusammenhang mit einem Kriegsende. Im Dezember 2025 bestätigte das FIFA-Council, dass russische Teams an U15-Turnieren teilnehmen dürfen. Der Fußball-Weltverband folgte dabei der Empfehlung des IOC, das sich kurz zuvor für eine „uneingeschränkte“ Russen-Rückkehr bei internationalen Jugendwettbewerben stark gemacht hatte.
Von der Realität gelöst
Die Ukraine versucht dagegen weiterhin alles, um die flächendeckende Rückkehr Russlands in den Sport zu verhindern – was im „Fall Infantino“ erneut deutlich wird. „Gianni Infantinos Worte klingen verantwortungslos – um nicht zu sagen infantil“, schrieb Bidny: „Sie lösen den Fußball von der Realität, dass Kinder getötet werden. Solange Russen weiterhin Ukrainer töten und den Sport politisieren, haben ihre Flagge und nationalen Symbole keinen Platz unter Menschen, die Werte wie Gerechtigkeit, Integrität und Fairplay respektieren.“
Der ukrainische Fußballverband ließ wissen, dass er die FIFA und ihren Präsidenten dazu aufgerufen habe, „die Haltung zum Ausschluss der Russen nicht zu ändern“, solange der Krieg gegen die Ukraine andauert: „Wir widersprechen der Behauptung, dass ein Verbot gegen den Aggressor nicht wirkt. Wir sind der Ansicht, dass der Ausschluss von der Teilnahme an Wettbewerben ein wirksames Druckmittel gegen den Aggressor ist. Die mögliche Wiedereingliederung einer beliebigen russischen Nationalmannschaft gefährdet die Sicherheit und Integrität des Wettbewerbs.“
Bei dieser Haltung konnte die Ukraine in der Vergangenheit auf die Unterstützung zahlreicher europäischer Verbände bauen. Sie waren es in erster Linie, die unter anderem durch die Drohung eines Boykotts von Partien gegen russische Mannschaften die ersten Pläne zur Wiedereingliederung vereitelt hatten. (SID)