Portugal
„Leuchtet uns den Weg“: Jotas Geist rettet Ronaldos WM-Traum
Cristiano Ronaldos Traum vom WM-Titel lebt weiter. Doch nach dem Herzschlagfinale gegen Kroatien gedachten Portugals Stars vor allem einem: Diogo Jota.
365 Tage nach dem tödlichen Autounfall von Jota zog Portugal bei der WM ins Achtelfinale ein Foto: dpa/Sammy Kogan
Cristiano Ronaldo streifte sich das rote Trikot mit Diogo Jotas Nummer 21 über und deutete gen Himmel. Die Augen des portugiesischen Fußball-Stars wurden feucht in diesem traurig-schönen Moment, genau ein Jahr, nachdem sein Mitspieler und Freund für immer fortgegangen war. Jota, da war sich der Kapitän sicher, sei „dort oben und leuchtet uns den Weg“. Für ihn wollen Ronaldo und Co. Weltmeister werden.
„Wir alle hatten das Gefühl, dass er bei uns ist, und deshalb war es heute nur richtig, dieses Spiel zu gewinnen, um ihm auf die bestmögliche Weise Tribut zu zollen“, sagte Ronaldo nach dem 2:1-Sieg im Sechzehntelfinale der Altstars in Toronto gegen Luka Modric und seine Kroaten. Genau 365 Tage nach dem tödlichen Autounfall leitete Jotas Geist Portugal zu einem hart erkämpften Erfolg, der Ronaldos großen Titeltraum am Leben hielt.
Spätes Siegtor
Er sei sich „sicher“, dass Jota beim dramatischen Triumph gegen Kroatien „bis zur letzten Minute des Spiels geholfen hat“, sagte Portugals Rafael Leao. Wahrlich fühlte es sich gegen Ende an, als führe eine unsichtbare Hand die Geschicke auf dem Rasen, als Goncalo Ramos (90.+4) spät das Siegtor köpfte und noch später der vermeintliche Ausgleich von Kroatiens Josko Gvardiol (90.+13) aberkannt wurde. Auch Trainer Roberto Martínez sah den Jota-Faktor: „Wir ziehen eine Menge Energie daraus, was Diogo für das Team bedeutet hat.“

Cristiano Ronaldo streifte sich nach Abpfiff das Trikot mit Jotas Nummer 21 über und deutete gen Himmel Foto: AFP/Buda Mendes
Dies sind die Triebfedern für den portugiesischen Erfolg: Jotas Andenken und Ronaldos Vermächtnis. Nach dem Rückstand durch Ivan Perisic (53.) hatte es nämlich so ausgesehen, als müsste der fünfmalige Weltfußballer und Champions-League-Sieger sowie Europameister von 2016 wirklich mit dem Makel von der großen Bühne abtreten, niemals Weltmeister geworden zu sein. Das konnten die Portugiesen nicht zulassen.
„Cris diesen Pokal schenken“
Sie wollen, verriet Leao, „Cris diesen Pokal schenken – das ist es, was ihm noch fehlt“. Denn ewig wird der 41-Jährige nicht mehr für Portugal spielen. Bei der EM in zwei Jahren wäre er 43, die nächste WM 2030 scheint mit dann 45 Jahren utopisch. Und schon jetzt spielt Ronaldo ein äußerst durchwachsenes Turnier. Auch gegen Kroatien war er quasi nicht existent, ehe er einen Foulelfmeter (68.) zum 1:1-Ausgleich verwandelte – und das Stadion mit seinem „SIU“-Jubel zum Beben brachte.
Eindeutig steht Ronaldo, der sein erstes Tor in der K.o.-Runde einer WM und seinen dritten Turniertreffer feierte, bei der XXL-WM in Nordamerika im Schatten des wie wild einnetzenden Star-Quartetts, bestehend aus Lionel Messi, Kylian Mbappé, Erling Haaland und Harry Kane.
Jetzt wartet der Europameister
Möchte er das ändern, braucht es die Heldentaten, die er früher zu erbringen imstande war. Am besten schon im Achtelfinale am kommenden Montag (21.00 Uhr MESZ) in Dallas gegen Europameister Spanien.
Doch auch ein so selbstbewusster Zeitgenosse wie Ronaldo gibt sich keinen Illusionen hin, was die Komplexität der vor ihm liegenden Aufgabe angeht. „Es wird ein schweres Spiel werden. Wir wissen, dass Spanien zu den Favoriten auf den Weltmeistertitel zählt“, sagte Ronaldo. Weltmeisterschaften seien aber „immer schwierig“, so der Altmeister: „Jetzt geht es um alles für uns, jetzt müssen wir weiterkommen.“ Und Diogo Jota wird von seiner Wolke aus nur zu gerne mithelfen.