Eine Frage des Bewusstseins
Gleichstellung im Sport: Luxemburgs Gemeinden setzen Zeichen
Die „Journée internationale du sport féminin“ hat sich inzwischen fest im Kalender etabliert. Immer mehr Gemeinden engagieren sich, um Mädchen und Frauen in den Fokus zu rücken oder ihnen den Weg zum Sport zu erleichtern. Joëlle Letsch, Vizepräsidentin des nationalen Frauenrats, erklärte, warum der Kampf gegen Ungerechtigkeiten damit aber noch lange nicht beendet ist.
Stereotypen und Ungerechtigkeiten müssen weiterhin bekämpft werden Foto: Editpress/Mélanie Maps
Die dritte Auflage: Als am 24. Januar 2024 insgesamt acht Gemeinden ihren Teil zur ersten luxemburgischen „Journée internationale du sport féminin“ durch unterschiedliche Aktionen im Sinne des Frauensports beigetragen hatten, bestanden noch Zweifel, ob sich das Projekt langfristig auf nationaler Ebene durchsetzen könnte. Doch der Erfolg ist da: Aus dem Basis-Kollektiv von damals ist inzwischen ein Teilnehmerfeld von 20 Gemeinden geworden, die Ende des Monats ein Zeichen setzen werden. „Das Ziel war immer, dass es nicht beim ‚one shot‘ bleibt, sondern eine dauerhafte Verankerung entsteht. Wir wollen Visibilität für die Aktion“, erklärte Joëlle Letsch, Vizepräsidentin des Frauenrats („Conseil national des femmes du Luxembourg“, CNFL).
Die Partner: Derzeit sind demnach die Gemeinden die Ausrichter der einzelnen Aktionen der „Journée internationale du sport féminin“. Eine Ausweitung ist noch nicht konkret anvisiert, dennoch vorstellbar: „Je mehr Gemeinden es werden, umso besser. Es ist sicher wichtig, dass es auch als nationale Strategie verankert wird und in Zukunft vielleicht auch andere Partner ins Boot kommen“, sagte Letsch.
Joëlle Letsch spürt, dass sich in den vergangenen Jahren etwas in Luxemburg bewegte Foto: Editpress/Alain Rischard
Eine besondere Charta: Die Stadt Esch gehört zu den Gründungsmitgliedern des Kollektivs „Égalité F/H dans le sport“. 2023 wurde in der Minettemetropole eine erste Gleichstellungscharta ausgearbeitet, um Sportvereine auf den Kampf gegen Stereotypen und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Inzwischen haben Steinfort und Hobscheid eine ähnliche Charta, ebenso Mamer. „Es handelt sich um ein zusätzliches Werkzeug, das den Gemeinden zur Verfügung steht, um bewusst für dieses Thema zu sensibilisieren: Das geht von der Aufteilung im Vorstand bis hin zu den Trainern und Trainerinnen. Es soll eine Zusammenarbeit sein. Mixität ist ein Reichtum“, formulierte es Letsch. „Es ist eine moralische Verpflichtung und die Vereine ziehen mit.“
Aufmerksam bleiben
Das Programm: Der Kreativität sind bei den Aktionen fast keine Grenzen gesetzt. „Vielfältig, abwechslungsreich und innovativ“ nannte sie das Angebot rund um den 24. Januar. Das geht von Filmen und Geschichten von Sportlerinnen, die in Kinos gezeigt werden, über Ausstellungen über ehemalige Athletinnen, einen Tag im Schwimmbad, der nur für Frauen und Kinder reserviert ist, bis hin zu den Stammtischgesprächen: „Austausch und Debatten sind enorm wichtig. Es gibt die Gelegenheit, um Sportlerinnen oder Verbandsverantwortliche ins Rampenlicht zu stellen. Sie sind Vorzeigemodelle für junge Mädchen und haben eine inspirierende Wirkung.“
Neue Inhalte: Rundtischgespräche sind gleichzeitig eine optimale Gelegenheit, um neue Themen in den Vordergrund zu rücken – etwa die Herausforderungen, die junge Sportlerinnen an bestimmten Momenten der Karriere erwarten: „Wie bekommt man Sport, Studien und Privatleben unter einen Hut? Bei Männern ist es nicht das Gleiche, wenn dann noch Familiengründung oder Schwangerschaft im Raum stehen. Wie geht man damit um? Auch die mentale Gesundheit gehört dazu. Was vor Jahren noch ein Tabuthema, wie auch der weibliche Zyklus, war, ist inzwischen in der Öffentlichkeit angekommen. Darüber zu diskutieren, gehört dazu.“
Neue Zahlen wünschenswert: Wirklich aktuell sind die Zahlen, auf denen die Studie der Stadt Esch (2021) aufbaut, inzwischen nicht mehr. Sie gelten dennoch als Basis. Bei der Auswertung waren damals nur 27 Prozent der Lizenzierten in Sportvereinen Frauen, nur 21 Prozent der Posten in Verwaltungsräten waren von Frauen besetzt. Das entsprach dem europäischen Durchschnitt. Letsch würde sich über eine Aktualisierung freuen: „Mein größter Wunsch wäre, dass eine Instanz eine neue Studie mit aktuelleren Zahlen in Auftrag geben würde. Es hat sich nicht viel verändert, dennoch wäre es wichtig, um Fortschritte zu erkennen.“
Mehr Visibilität: Der Weg sei noch lang, fügte Joëlle Letsch warnend hinzu. „Noch ist der Frauensport nicht so sichtbar, wie er es sein sollte.“ Der 24. Januar ist eines der Puzzlestücke. Es sei bereits ein Erfolg, dass sich der Tag fest im Kalender verankert habe. „Es wurde ein Bewusstsein geschaffen. Es steckte nicht immer böser Wille dahinter, sondern vielmehr fehlte der Reflex, sich die richtigen Fragen zu stellen. Warum verliert ein Sportverein beispielsweise viele Mädchen in einem bestimmten Alter? Wie kann man da gezielt eingreifen? Hat man sich Gedanken darüber gemacht, ob die Mädchen dieselben Bedingungen haben? Wenn man darüber redet, kann man etwas bewirken. Wir gehen da nicht mit Druck oder dem Hammer vor ...“ Sie schickte auch gleich noch eine Warnung mit: „Ich bin froh, dass sich etwas tut. Doch wir müssen aufmerksam bleiben. Jede gesellschaftliche oder politische Veränderung kann eine Gefahr darstellen. Deshalb gilt: Dranbleiben.“
Das Programm
18. Januar: Volleyball-Turnier und Yoseikan Self-Defense in Steinsel
21. Januar: Film-Debatte („Free to Run“) im alten Rathaus in Differdingen
22. Januar: Film-Debatte zum Thema Radsport im Kinosch in Esch
23. Januar: Multisport-Frauentag in Wiltz
24. Januar: Demo-Ateliers in Frisingen (Cricket, Krav Maga, Tabata, Fit Boxing, Capoeira, Zumba, Fit-Cross)
24. Januar: Demo-Ateliers in Dippach (Leichtathletik, Fußball, Karate, Darts)
24. Januar: Schwimmbad als Safe Space für die Düdelingerinnen im Complexe Strutzbierg
24. Januar: Unterschrift der Gleichsstellungscharta in Mamer
24. Januar: Ettelbrück stellt Kampagne „Staark Fraen am Sport“ vor
24. Januar: Kampfsport-Ateliers für Frauen in Petingen
24. Januar: „Table ronde“ in Schifflingen (Nathalie Lamborelle, Emma Kremer, Christelle Diederich und Moderatorin Kany Touré)
25. Januar: „Wanterlaf“ in Leudelingen und Eröffnung der Ausstellung „Les sportives luxembourgeoises aux J.O. depuis 1924“
26. Januar: Vernissage der Ausstellung „Les sportives de Differdange“ in der Sporthalle in Oberkorn
26.-30. Januar: Videoclips der Sportlerinnen der Gemeinde Roeser erscheinen online
28. Januar: „Table ronde“ in Bartringen (mit Carole Georges, Mandy Minella, Liz May, Karin Nockels und Moderatorin Joëlle Letsch)
28. Januar: Gleichstellungscharta wird in der Al Schmelz in Steinfort vorgestellt
28. Januar: Konferenz zum Thema Menstruation und Sport in Sanem (mit Dr. Anne-Charlotte Dupont, Physio Aude Gastauer und Moderatorin Jenny Zeyen)
29. Januar: Im Ciné Le Paris in Bettemburg wird der Film „The Swedish Torpedo“ gezeigt
5. Februar: „Table ronde“ zum Thema Sport und Berufskarriere (mit Nancy Kemp-Arendt, Christine Majerus, Mandy Minella, Amy Thompson und Moderatorin Joëlle Letsch)