Olympia

Eine Botschaft an die Welt: Heraskewytsch behält den Helm auf

Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch darf seinen Olympiahelm mit Porträts von im Krieg getöteten Landsleuten nicht mehr tragen, im Training am Dienstag tat er es dennoch. Seine Botschaft soll nicht untergehen.

Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch trägt trotz Verbot seinen Helm als Gedenken an verstorbene Ukrainer.

Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch trug trotz Verbots seinen Helm, der an verstorbene Ukrainer erinnert Foto: Robert Michael/dpa

Im Training am Dienstag trug Wladyslaw Heraskewytsch noch immer den Helm, der für so viel Wirbel in der olympischen Welt gesorgt hat. Um das IOC-Verbot scherte sich der Skeletoni aus der Ukraine nicht, er wollte seine Botschaft loswerden. „Das waren großartige Menschen“, sagte Heraskewytsch im Gespräch über seine im Krieg mit Russland getöteten Landsleute. Mit deren Bildern auf seinem Helm wolle er ihr Andenken ehren.

Das allerdings erlauben die Regeln des Internationalen Olympischen Komitees nicht, erklärte IOC-Sprecher Mark Adams. Stattdessen solle Heraskewytsch im Wettkampf ein schwarzes Armband tragen, das sei doch ein „guter Kompromiss“, was der Athlet offensichtlich anders sieht. Völlig verständlich sind ihm die Vorgaben zudem offenbar nicht. „Ich sehe jeden Tag verschiedene Statements, ich hätte gerne Klarheit“, sagte Heraskewytsch. „Ich hoffe, wir kriegen bald mehr Informationen, aber jetzt werde ich den Helm nicht wechseln“, fügte er trotzig hinzu.

Warum auch? Der deutsche Gewichtheber Matthias Steiner habe 2008 nach seinem Olympiasieg in Peking doch auch das Foto seiner bei einem Verkehrsunfall getöteten Frau in die Kameras gehalten. „Damals haben wir es gefeiert“, sagte Heraskewytsch: „Ich glaube, das war ein großartiger Moment, der andere Erfolge nicht überschattet hat. Ich denke, es ist okay, Menschen zu betrauern, die man gern hatte.“

Botschafter seiner Heimat

Das IOC setzte er damit unter Zugzwang, Adams rechtfertigte sich mit der „Weiterentwicklung“ der Regeln. „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land“, sagte er. Und: „Wir glauben, dass wir uns auf ein gutes System geeinigt haben, das es den Menschen ermöglicht, sich auszudrücken, gleichzeitig aber auch das Spielfeld schützt und erhält.“

Heraskewytsch fordert dieses System heraus, er verfolgt eine Mission. Längst ist der 27-Jährige mehr als nur ein Schlittensportler, er ist Botschafter der Menschen in seiner Heimat, die seit vier Jahren unter der russischen Invasion leiden. Er verteidigt sein Land fernab der Front mit der stärksten Waffe, die ihm zur Verfügung steht: der Aufmerksamkeit auf der Weltbühne des Sports.

2022 bei den Winterspielen in Peking hatte Heraskewytsch sie betreten – mit einer unmissverständlichen Friedensbotschaft. „No War in Ukraine“ stand auf seinem Schild, das er in die Kamera hielt: „Kein Krieg in der Ukraine“. Nur wenige Tage später marschierten russische Truppen in Heraskewytschs Heimat ein, bis heute halten die Angriffe an.

„Es ist wirklich traurig“

Laut Sportminister Matwij Bidny haben russische Soldaten in dieser Zeit „mehr als 650 Athleten und Trainer“ aus der Ukraine getötet. In Erinnerung an sie wollte Heraskewytsch den Helm tragen. Und er ist nicht der einzige Ukrainer in Italien, der auf den anhaltenden Angriffskrieg Russlands aufmerksam macht.

Am Dienstag erzählte Langläuferin Sofija Schkatula unter Tränen, dass ihr Elternhaus in der Nähe der russischen Grenze durch Bomben zerstört worden sei. „Russland“, sagte sie, „bombardiert weiter meine Heimat, meine Freunde, meine Familie“. Und doch könnte die Nation, deren Nationales Olympisches Komitee vom IOC formell wegen der Aufnahme der annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja ausgeschlossen ist, bald in den Weltsport zurückkehren.

„Es ist wirklich traurig“, hatte Heraskewytsch vor den Spielen der Süddeutschen Zeitung gesagt: „Ich habe das Gefühl, dass das IOC und vor allem kleinere Verbände sich immer mehr dem Druck der russischen Seite beugen, dass es nicht um Kriterien oder die Sache geht, sondern nur darum, diese Länder und ihre Athleten zurückzubringen.“ Die getöteten Sportler aus der Ukraine, die Heraskewytsch mit seinem Helm ehrt, werden nie wieder einen Sportwettkampf bestreiten.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

„Reich werde ich sicher nicht“

So teuer ist Skisport für Olympionik Matthieu Osch

Nach verlorenem Pokalfinale

T71-Trainer Fivet geht, Tom Schumacher übernimmt