Olympia
Das Erbe von Pekings „300 Millionen“: China erlebt triste Spiele
China war als Olympia-Gastgeber höchst erfolgreich, verschwindet aber nun in der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Was bleibt von Peking 2022?
Der Großteil der chinesischen Mannschaft ist weit von der Weltspitze entfernt Foto: AFP/Franck Fife
Wenn nichts Gutes zu sagen ist, sagt man besser nichts. Oder eben sehr wenig. Dachte sich auch Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua und widmete nur die letzten sechs von 363 Wörtern ihrer olympischen Riesenslalom-Eloge auf Goldstar Lucas Pinheiro Braathen dem 58. Platz des chinesischen Starters Liu Xiachen. Subtext: Hier gab es nichts zu sehen.
300 Millionen seiner Staatsbürger wollte China mit den Mega-Investitionen für die Winterspiele in Peking 2022 auf Ski stellen, Liu hat es als einziger Alpin-Mann nach Cortina geschafft. Und er ist wie der Großteil der chinesischen Mannschaft weit von der Weltspitze entfernt. Vier Jahre nach dem Heim-Hoch mit neunmal Gold, 15 Medaillen und Platz vier der Nationenwertung ist China weitgehend in die wintersportliche Bedeutungslosigkeit gerutscht, hatte nach zehn Wettkampftagen dreimal Silber und zweimal Bronze geholt. Und auch das nationale Erbe von „Beijing 2022“ wird zwiespältig bewertet.
Was wurde aus „Skina“?
„Peking 2022 hat den Wintersport weltweit auf ein neues Niveau gehoben. Mittlerweile sind über 350 Millionen Chinesen mit ihm vertraut. Das ist eine neue Ära für den globalen Wintersport. In vielerlei Hinsicht hat Peking also ein Beispiel für neue Entwicklungen und eine neue Wintersportwelt gesetzt“, sagte Thomas Bach in einem kurz vor den 2026er-Spielen aus China verbreiteten Video-Interview.
Der IOC-Ehrenpräsident, im Beitext als „alter und guter Freund des chinesischen Volkes“ bezeichnet, bewertet die viele Milliarden teuren Wettbewerbe unter weitgehend zuschauerlosen Covid-Bedingungen also als Riesenerfolg. Allerdings prophezeite Bach auch, dass die Chinesen „in Italien wieder gut abschneiden werden“.
Stattdessen: Sportliches Mangelniveau. Und der größte Star im Team, Freestylerin Eileen Gu, bei deren zweiter Silbermedaille Ski- und Xi-Freund Bach am Montag persönlich vorbeischaute und sich Arm in Arm mit Gu ablichten ließ, ist zudem ein US-Import.
Aber was hat es nun mit den ominösen 300 Millionen Skifahrern auf sich, die der bereits 2014 von Staatschef Xi Jinping angekündigte große Wintersport-Sprung Chinas hervorbringen und das Land zu „Skina“ machen sollte? Eigentlich ist schon die pure Zahl ein Missverständnis, wie der Forscher Zhou Jingfan im „Athens Journal of Sports“ (2025) darlegte.
„Anders als von internationalen Medien interpretiert, bedeutet ‚300 Millionen‘, dass 50 Millionen Menschen für Eis- und Schneesportarten begeistert werden sollen, in Wettkampf oder Freizeit“, schreibt Zhou. Die weiteren 250 Millionen seien Menschen, die passiv mit Wintersport in Berührung kommen, Zuschauer bei Sportveranstaltungen, Arbeiter der Wintersport-Branche.
Sein Ziel habe China erreicht, sagt Zhou. Aber: Das Interesse am Wintersport sei womöglich nur solange existent, wie der Staat pushe. Als freier Markt könnte der Branche Desinteresse drohen. China muss den Milliarden also weitere Milliarden nachschieben – von ökologischen Kosten ganz zu schweigen: In vielen staubtrockenen Regionen helfen nur Massen an Kunstschnee.
Vereinzelte Erfolge
Die Hoffnung, dass aus dieser Gemengelage Weltklassesportler entstehen, hat sich (noch) kaum erfüllt. Vereinzelt sind Erfolge und Nachhaltigkeit bemerkbar – im Skispringen beispielsweise. Anders als Turin, Vancouver, Sotschi und Pyeongchang hat nämlich die sündhaft teure Schanze von Zhangjiakou als Weltcup-Standort überlebt – wenngleich nur im Frauen-Kalender.
Im Mixed-Wettkampf von Predazzo belegte Chinas Team immerhin Platz acht, die Top-Chinesin Zeng Ping schaffte es in Oberstdorf aufs Weltcup-Podest und kam auf Olympia-Rang 15. „Ohne viel Aufhebens hat sie Geschichte geschrieben“, lobte sogar Xinhua. In einem 1.177-Wörter-Aufsatz. (SID)