Neues Buch

Christoph Biermann ergründet die Macht des Zufalls im Fußball

Wie wichtig ist der Zufall im Fußball? Dieser Frage ist der Journalist und Autor Christoph Biermann in seinem neuesten Buch „Die Tabelle lügt immer“ nachgegangen. Dabei geht es um das Wesen und Faszinierende der Sportart: das Element der Unvorhersehbarkeit.

Argentiniens Torwart Emiliano Martinez pariert im WM-Halbfinale 2022 gegen Kroatiens Dejan Lovren in Katar.

Kein Zufall: Argentiniens Torwart Emiliano Martinez (links) rettet vor dem Kroaten Dejan Lovren im WM-Halbfinale am 13. Dezember 2022 in Katar. Auch im Endspiel hält er fantastisch. Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP

Es ist die 40. Minute in der Stuttgarter MHP-Arena, von vielen Fans noch Neckarstadion genannt. Der VfB Stuttgart liegt gegen den FC Bayern München mit 0:1 zurück. VfB-Spieler Bilal El Khannouss schießt einen Freistoß von rechts in den Strafraum der Bayern. Mehrere Spieler beider Mannschaften steigen hoch. Im Getümmel springt der Stuttgarter Nikolas Nartey am höchsten und köpft per Aufsetzer zum 1:1-Ausgelich unhaltbar für den Bayern-Torwart ein. Ekstase im Stadion. Doch mitten im Jubel kommt die Nachricht, dass das Tor wegen einer möglichen Abseitsstellung überprüft wird. Nach einer minutenlangen Unterbrechung durch den Video-Schiedsrichter gibt Schiedsrichter Tobias Stieler die Entscheidung bekannt: Nartey stand knapp im Abseits, der Treffer zählt nicht. Buhrufe und Pfiffe der Stuttgarter Fans. Das Spiel bleibt bis zur 66. Minute offen, als die Münchner das zweite Tor erzielen. Schließlich gewinnt der amtierende Meister 5:0 im Süd-Duell der Bundesliga.

Fast 60 Jahre zuvor, am 30. Juli 1966, schießt der englische Nationalspieler Geoff Hurst im Londoner Wembley-Stadion im Weltmeisterschaftsfinale gegen Deutschland in der 101. Spielminute aus kurzer Distanz aufs deutsche Tor. Der Torhüter Hans Tilkowski hat keine Chance, der Ball prallt von der Unterkante der Latte auf den Boden auf. Von dort wird er vom deutschen Verteidiger über das Tor ins Aus geköpft. Der Schiedsrichter entscheidet zunächst auf Eckball, in Rücksprache mit dem Linienrichter dann aber auf Tor – obwohl der Ball die Torlinie, wie sich später zeigt, wohl gar nicht überschritten hat. Das sogenannte Wembley-Tor entscheidet die WM. England gewinnt am Ende nach Verlängerung 4:2 und wird Weltmeister.

Die Demonstration des Glücksgefühls

Glücklich oder verdient, Zufall oder die logische Konsequenz des Spiels? Ein Experte von Schicksal und Zufall war Paul Auster. Immer wieder machte der vor bald zwei Jahren verstorbene US-amerikanische Schriftsteller die „Chance“, die Möglichkeit, dass das Leben unvorhergesehene Wendungen nehmen kann, zum Thema seiner Bücher und setzte den Zufall als dramaturgisches Element in seine Geschichten ein. Auster war außerdem ein großer Sportfan. Vor allem Baseball begeisterte ihn und diente ihm als Metapher für Schicksal und Zufall. Er interessierte sich aber auch für Fußball. Angesichts der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich und der jubelnden Menge auf den Pariser Champs-Elysées nach dem WM-Sieg der Franzosen schrieb er von der „größten Demonstration öffentlichen Glücksgefühls, die Paris seit der Befreiung von den Deutschen im Jahre 1944 erlebt hat“.

Dass im Fußball oft ein Leben oder zumindest die Karriere eines Spielers oder eines Trainers von einem Tor, einer Torvereitelung, einem Pass oder einer Schiedsrichterentscheidung abhängt, weiß der Journalist Christoph Biermann (u.a. 11Freunde), Autor zahlreicher Fußballbücher (u.a. „Die Fußball-Matrix“), nur zu gut: „Das Endspiel der Weltmeisterschaft 2022 war fast vorbei, aber noch nicht entschieden. In der dritten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung stand es 3:3 zwischen Argentinien und Titelverteidiger Frankreich, und es gab noch einen letzten Angriff in diesem furiosen Finale. (…) Unversehens stand der französische Stürmer Randal Kolo Muani frei vor dem argentinischen Keeper Emiliano Martinez. Lionel Messi schaute aus der französischen Hälfte zu, wie über sein weiteres Leben entschieden wurde. Der vielleicht beste Spieler aller Zeiten war in diesem Moment 35 Jahre alt, und würde Kolo Muani jetzt ins Tor treffen, wäre seine wohl letzte Chance dahin, Weltmeister zu werden.“ Kolo Muani schoss, aber Martinez parierte den Schuss und hielt auch im anschließenden Elfmeterschießen fantastisch. Die argentinische Sportzeitung Olé schrieb: „Die Welt ist heute ein gerechter Ort.“

In seinem jüngsten Buch „Die Tabelle lügt immer“ schreibt Biermann über die „Macht des Zufalls im Fußball“. Er ist dabei auch dem Phänomen der positiven oder negativen Serie nachgegangen, eines guten oder schlechten Laufs, hat mit Trainern und anderen Fachleuten gesprochen, wie etwa George Syrianos, früher beim VfB Stuttgart einer der ersten Datenanalytiker im deutschen Fußball, später Kaderplaner bei Nottingham Forest. Als die Mannschaft in der Saison 2023/24 deutlich mehr Tore kassierte, als sie hätte kassieren sollen, sagte er: „Ganz klar, wir haben Pech gehabt.“ An anderer Stelle zeigte er sich überzeugt, dass ein Momentum die Randomness beeinflusst. Und zwar beeinflusse das Momentum Medien, Psychologie und langfristige Trendwerte.

„Fucking luck“ oder Erfolg mit System

Also war es doch kein „fucking luck“ von Real Madrid, über das Liverpool-Trainer Jürgen Klopp nach dem verlorenen Champions-League-Endspiel 2018 lamentierte? Zumindest konnte es kein Zufall sein, dass der FC Bayern München ab 2013 elfmal in Folge Meister wurde. Ob sich der Erfolg systematisch erklären lässt oder am Ende doch der Zufall entscheidet, daran scheiden sich trotzdem die Geister. Schließlich gibt es immer wieder Überraschungen wie etwa den EM-Titel für Griechenland 2004 oder den englischen Meistertitel von Leicester City 2016. Als Zufall gelten nicht planbare Spielsituationen wie abgefälschte Schüsse, Eigentore oder Situationen, bei denen der Ball vom Pfosten ins Tor abprallt.

In einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln wurden 7.263 Tore in der Premier League auf der Basis verschiedener Variablen untersucht: Abstaubertore, Distanzschüsse, abgefälschte Schüsse oder Tore, die aufgrund eines Fehlers in der Abwehr entstehen. Zusätzlich zu diesen Variablen berücksichtigten die Wissenschaftler weitere neun situative Variablen des Zufallseinflusses, unter anderem Saison, Spieltag, Spielort, Spielsituation, Toranzahl oder Teamstärke. Die Untersuchung ergab, dass bei fast jedem zweiten Tor (46 Prozent) die Wissenschaftler einen Zufallseinfluss identifizieren konnten und der Anteil an Zufallstoren bei schwächeren Mannschaften sowie einem unentschiedenen Zwischenstand stärker ausgeprägt war.

Es gibt keine Gerechtigkeit im Fußball. Wer auch immer gewinnt, verdient den Sieg.

Diego Simeone

Trainer von Atlético Madrid

„Die Ergebnisse unterstreichen die wesentliche Rolle des Zufalls, da fast jedes zweite Tor durch glückliche Umstände begünstigt wurde“, fasst Fabian Wunderlich, einer der Autoren der in der Zeitschrift Journal of Sports Sciences publizierten Big-Data-Studie, zusammen. „Interessant ist auch, dass der Anteil an Zufallstoren über die sieben Spielzeiten von 50 Prozent auf 44 Prozent gesunken ist. Dies könnte damit zusammenhängen, dass in der Spielvorbereitung immer professioneller und datenbasierter vorgegangen wird oder die Spieler technisch und taktisch immer besser ausgebildet sind.“

Christoph Biermann weist darauf hin, dass, anders als im Handball und Basketball, im Fußball ein „nennenswerter Anteil der Tore von glücklich verlaufenden ungeplanten und unkontrollierbaren Umständen begünstig wird“. Er zitiert den Kölner Sportwissenschaftler Daniel Memmert: „In einer Saison ist nichts gerecht. 34 Spiele sind dazu viel zu wenig.“ Dafür bräuchte es auf Biermanns Nachfrage bei dem britischen Mathematiker Roy Fox 760 Spiele pro Saison. Und dazu wird es glücklicherweise niemals kommen. Biermann schließt daraus: „Die globale Erfolgsgeschichte des Fußballs hat ganz entscheidend mit der richtigen Dosierung von Zufall zu tun.“

Das Spiel der „Unverfügbarkeit“

Auch der (emeritierte) Münchner Sportwissenschaftler Martin Lames sagte in einem Interview mit Zeit Online, nachdem er mehr als 2.500 Tore analysiert hatte: „Bei etwa zweien von fünfen ist Zufall im Spiel.“ Dafür galten sechs Merkmale: Der Schuss wird abgefälscht, dem Torschuss geht ein Abpraller voraus, der Ball berührt Pfosten oder Latte, der Torwart berührt den Ball stark, das Tor wird aus großer Distanz erzielt, oder der Ball kommt vom Gegner. „Wenn mindestens eins dieser Merkmale erfüllt ist, sprechen wir von Zufall“, so Lames. Hinzu kommt, dass Außenseitersiege in keiner anderen Mannschaftssportart so häufig sind. Der Zusammenhang zwischen Leistungsvermögen und Erfolg sei verwischt.

Der Fußball lebt von seiner Unberechenbarkeit oder, wie es der Soziologe Hartmut Rosa formuliert, von seiner „Unverfügbarkeit“: „Ein Ball lässt sich mit dem Fuß nur beschränkt beherrschen, selbst von den größten Könnern nicht. Der Zufall spielt eine große Rolle.“ Rosa betrachtet den Videobeweis (VAR) mit Argwohn, wie er gegenüber dem Spiegel sagt: „Wie viele Fans hat mich zunächst gestört, dass die Fußballer und auch die Zuschauer im Stadion nur noch mit Handbremse jubeln, weil fast immer alle warten, ob aus dem blöden Kölner Videokeller nicht noch wer in die Aktion hineingrätscht.“ Der Soziologieprofessor und SC-Freiburg-Fan spricht gar von einem „Ende der Ekstase“. Dem mag man gerne widersprechen. Nachdem etwa Nikolas Nartey im Spiel gegen Eintracht Frankfurt in der 87. Minute den Stuttgarter Siegtreffer erzielt hat, scheint er zu zögern und abzuwarten. Doch das Tor ist regulär. Es ist sein erstes in der Bundesliga. Kein Zufall. Einfach Können.

Christoph Biermann: Die Tabelle lügt immer. Über die Macht des Zufalls im Fußball. Kiepenheuer & Wisch. Köln 2025. 288 Seiten. 18 Euro.

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