Motorsport

Abenteuer Dakar: Eine Analyse von Chrëscht Beneké

1978 startete Thierry Sabine die erste Rallye Dakar von Paris in die senegalesische Hauptstadt. Es war eine verwegene Mischung aus Abenteuer und Sport und in den Anfangsjahren erreichten nur rund ein Drittel der Teilnehmer überhaupt das Ziel. Schnell faszinierte dieses nicht ungefährliche Abenteuer viele Motorsportler und das Publikum

Rallye Dakar Offroad-Rennwagen in Aktion bei spektakulärer Wüstenfahrt auf staubiger Strecke

Die Rallye Dakar sorgt immer wieder für spektakuläre Bilder Foto: Giuseppe Cacace/AFP

Nachdem ich an Neujahr 1998 den Start in Paris verfolgt und bereits drei kleinere Rallyes in Afrika überstanden hatte, stand auch ich mit Carlo Arendt 2000 am Start der Dakar. Bereits am Anfang der vierten Etappe zerstörte ich mir die Gabelaufnahme, aber schaffte es zurück zum Start und bekam vom startenden KTM-Servicetruck noch schnell die nötigen Ersatzteile. Als Gesamtweltcupsieger im Ski alpin war Luc Alphand ein Star, doch der Dakar-Sieger von 2006 war bei seiner Premiere bereits ausgeschieden. Spontan machte er sich zu meinem Handlanger und auch mit seiner Hilfe erreichte ich in der Nacht das nächste Biwak. In einer späteren Sonderprüfung half mir nach einem Kettenriss der KTM-Werkspilot Nani Roma, Gesamtsieger bei den Motorrädern 2004 und im Auto 2014 sowie 2026 Gesamtzweiter. Wir fuhren zuerst gegen die Rallye und erst danach gegeneinander. Hilfe untereinander war und ist selbstverständlich.

Solidarität unter allen Teilnehmern

So kümmerte sich Honda-Pilot Ricky Brabec sofort um seinen gestürzten Hauptkonkurrenten Daniel Sanders (KTM) und half ihm zurück aufs Motorrad. Als Nani Roma auf der vorletzten Etappe unmittelbar vor dem Ziel seine Aufhängung zerstörte, halfen verschiedene Teams bei der hastigen Reparatur. Als ihm sieben Kilometer vor dem Ziel der eiligst absolvierten Verbindungsetappe auch noch der Sprit ausging, schleppte die mehrfache Trial- und Enduro-Weltmeisterin Laia Sanz den Gesamtzweiten mit ihrem kleinen Ebro mit nur einer Minute Verspätung und Strafzeit ins Ziel. Dennoch hat sich die Dakar deutlich verändert.

Die Ausgabe 2008 fiel wegen ernst zu nehmender Terrordrohungen in Mauretanien aus. Nicht zum finanziellen Nachteil der organisierenden ASO startete und endete sie 2009 in Buenos Aires. 2020 wechselte sie vornehmlich wegen finanzieller Vorteile aus Südamerika nach Saudi-Arabien. In ihren knapp 50 Jahren hat sich die Dakar deutlich professionalisiert. Aus der rudimentären Organisation und Logistik der Anfangsjahre und abenteuerlich zusammengebastelten Offroadfahrzeugen ist längst ein hocheffizientes Team von rund 2.000 Personen in der Wüste erwachsen. Im Liveticker und in den sozialen Medien gibt es Meldungen, Zwischenresultate und kurze Videos direkt von der Etappe. Laut meinem früheren Trainer Dirk von Zitzewitz, Gesamtfünfter bei seiner Premiere auf dem Motorrad 1997 und Sieger als Copilot von Giniel de Villiers 2009, waren die Strecken in Südamerika sogar anspruchsvoller als der afrikanische Parcours. Nani Roma berichtete mir Ähnliches und meinte dieses Jahr sogar, er wäre ein paar seiner härtesten Rallye-Etappen überhaupt gefahren.

Spannender Motorsport

Nicht nur wegen gerade einmal zwei Sekunden Vorsprung von Luciano Benavides auf Ricky Brabec oder des Dramas um Vorjahressieger Daniel Sanders war die Dakar 2026 unglaublich spannend. Bei den Autos gab es auf 13 Etappen zehn verschiedene Tagessieger und mehr als einmal wurde das Klassement komplett durcheinandergewürfelt. Vor dem Millenniumwechsel konnte man an einem schlechten Tag auch mal Gas rausnehmen und war bei gutem Rhythmus und ohne größere technische Probleme oder Unfälle dennoch im Kampf um den Gesamtsieg. Zu meiner Zeit zog das Tempo spürbar an, von Jahr zu Jahr rückte die Elite näher beieinander und das Material wurde immer leistungsfähiger. Einen schlechten Tag konnte man sich im Kampf ums Podium nicht mehr leisten.

Während bei den Motorrädern ein Elitefahrer mit einem durchschnittlichen Motorrad sich weiterhin deutlich gegen einen durchschnittlichen Fahrer auf Topmaterial durchsetzen wird, war und ist das bei den Autos nicht der Fall. Nachdem in Afrika teilweise sogar Lkws mit über 200 Stundenkilometern durch die Wüste flogen, wurden 2006 zuerst bei den Motorrädern Maximalgeschwindigkeiten eingeführt und ist aktuell sogar die Ultimate-Klasse der Autos nur noch maximal mit 170 Stundenkilometern unterwegs. Mit definierten Drehzahlkurven und klar begrenzten Kennzahlen sind in der schnellsten Autokategorie 20 bis 30 Fahrzeuge ebenbürtig.

Die Elite bei den Bikes berichtet, dass es in den letzten Jahren eine weitere Entwicklung gab. Für Chancengleichheit sind die von der Organisation gestellten GPS immer noch rudimentär, aber seit dem Umstieg von analogen Roadbüchern mit der Streckenbeschreibung inklusive Gefahrenpunkten auf eine digitale Version wurden sie immer präziser, manche Aufgabenstellungen der Navigation sogar schwieriger und die Fahrer reizen ihre Möglichkeiten immer weiter aus. Der dreifache Le-Touquet-Sieger Adrien van Beveren erklärte, dass ihm der Rekordsieger bei den Motorrädern und Autos, Stéphane Peterhansel, bei seiner Premiere 2016 mit auf den Weg gab: „Leg einfach los, komm rein, mach keine Fehler; wenn du ein gutes Tempo hast und gut navigierst, bekommst du ein Top-Ergebnis.“ Mittlerweile würde das nicht mehr stimmen und es seien eher 13 aufeinanderfolgende Sprints denn ein Ausdauerrennen, findet der Honda-Werkspilot: „Wenn du ein gutes Tempo hast und gut navigierst, wirst du Zehnter. Um vorne dabei zu sein, musst du jeden Tag Vollgas fahren und darfst keine Navigationsfehler machen.“

Der Spirit ging verloren

Begeistert berichtete dieses Jahr Charles Munster von der Atmosphäre im Wüstenbiwak. Im Rennoverall waren alle Aktiven beieinander, schliefen in ihren von der Organisation gestellten Zelten und Schlafsäcken. Die beiden Nächte sind aber längst die Ausnahme von der Regel. Das Abenteuer und ein wichtiger Teil vom Dakar-Spirit gingen verloren. 2000 setzte ich mich im Biwak als Donnerbalken auf die gleichen Holzlatten über aufgeschnittenen Ölfässern wie alle anderen Teilnehmer. Die meisten Stars und Sternchen zeigten bei der afrikanischen Dakar ein anderes Gesicht, da man gemeinsam dieses große Abenteuer erlebte, sich im Essenszelt die gleiche Verpflegung abholte und auch niemand für ein Selfie mit XY startete.

Volkswagen brachte auf einem seiner Servicetrucks 2005 dann erstmals eine eigene Dusche für seine Fahrer mit ins Biwak. Seit Lateinamerika geht es nach den meisten Etappen dann nicht mehr ins Biwak, sondern in das begleitende Wohnmobil oder die Hotels der nahe gelegenen Städte. Noch immer gibt es allerdings die Wertung „Malle-Moto“ für die wahren Helden der Dakar. Während sich die frisch geduschte Elite vom Physiotherapeuten durchkneten lässt, schrauben diese nach Etappen von teils über 800 Kilometern noch wenigstens ein, zwei Stunden selber an ihrem Motorrad. Knapp sieben Stunden hinter Luciano Benavides und Ricky Brabec wurde Benjamin Melot Gesamt-18.

Zum Autor

Seit fast 30 Jahren schreibt Chrëscht Beneké als freier Mitarbeiter für den Sport im Tageblatt. Auf dem Motorrad erreichte er 2000 als 80. – und damit erster Luxemburger – das Ziel der Rallye Dakar. Von 2003 bis 2007 nahm er als Sportsoldat an der Rallye-Raid-Weltmeisterschaft teil und wurde 2004 Dritter der Klasse bis 450 cc.

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