Zugriff auf die Reserven
Wie viel Öl hat Luxemburg noch übrig – und was passiert, wenn die Tanks leer sind?
Die IEA-Staaten haben eine Rekordmenge Öl aus ihren strategischen Reserven freigegeben. Auch Luxemburg hat sich an der Aktion beteiligt. Wie voll sind die Lagertanks noch?
Luxemburgs Reserve an Endprodukten reicht für zehn Tage Foto: L'essentiel/Vincent Lescaut
8.385 Tonnen Rohöl aus seinen strategischen Reserven hat Luxemburg in der vergangenen Woche freigegeben. Der Grund: die steigenden Ölpreise wegen des Kriegs im Iran. Die Preise sind nicht zuletzt auch deshalb in die Höhe geschossen, weil der Iran als Gegenmaßnahme gegen die Angriffe der USA und Israels einen zentralen Seeweg blockiert: die Straße von Hormus. Durch das Nadelöhr müssen alle Öltanker auf dem Weg von den Ölfeldern rund um den Persischen Golf in die Weltmeere. Laut der amerikanischen Energie-Agentur passieren normalerweise um die 20 Millionen Barrel die Meerenge. Das ist nicht wenig, denn es sind „20 Prozent des globalen Ölkonsums“.
Die Luxemburger Freigabe ist etwas kleiner. 8.385 Tonnen Rohöl, das sind umgerechnet 61.800 Barrel.
Nicht nur gemessen am Verkehr im Golf kann das also höchstens als symbolischer Akt gelesen werden. Denn die jüngste Freigabe, auf die sich die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) am 11. März geeinigt haben, ist nicht klein: 400 Millionen Barrel warfen die Länder auf den Markt. Das ist mit Abstand die größte Freigabe, die die IEA jemals beschlossen hat. 400 Milliarden Barrel, das ist ein Drittel der Gesamtreserven an nichtindustriellem Öl. Sogar beim Energieschock zu Beginn des Ukraine-Kriegs blieb der Griff in die Reserven bescheidener.
Kein großes Kuchenstück
Luxemburg bleibt aber offenbar cool. Die 61.800 Barrel, mit denen sich das Großherzogtum beteiligt, machen am riesigen Gesamtkuchen nur 0,03 Prozent aus. Und das ist sogar etwas weniger als der Bevölkerungsanteil des Großherzogtums bei den IEA-Ländern.
Luxemburg kann frei entscheiden, ob und mit wie viel es bei einer gemeinsamen Aktion der IEA mitmacht
Sprecherin aus dem Wirtschaftsministerium
Warum so wenig? „Luxemburg zeigt sich solidarisch. Derzeit wurden jedoch keine Versorgungsprobleme auf dem Staatsgebiet festgestellt“, heißt es auf Tageblatt-Anfrage dazu aus dem Wirtschaftsministerium. Die eisernen Reserven, sie sind schlussendlich Hoheitsgebiet der Staaten. Theoretisch könnte Luxemburg auch alleine, ohne IEA-Beschluss, Ölreserven freigeben, bestätigt eine Sprecherin aus dem Wirtschaftsministerium. Und auch bei den IEA-Entscheidungen selbst herrscht – zumindest auf dem Papier – kein Gruppenzwang: „Luxemburg kann frei entscheiden, ob und mit wie viel es bei einer gemeinsamen Aktion der IEA mitmacht“, sagt die Sprecherin.
Die Tanks sind noch voll
Dass Luxemburg nicht ans Eingemachte geht, zeigt auch der Füllstand der Öltanks der strategischen Reserven. Derzeit bunkert Luxemburg 4,9 Millionen Barrel. Die jetzt freigegebene Menge macht davon also gerade einmal 1,2 Prozent aus. Dabei „gehört“ das Öl nicht dem Staat. Der setzt nur die Lagermenge fest. Schlussendlich auf dem Markt bringt der Stoff die Industrie. Die ist auch für die Lagerung zuständig.
Blick zurück ins Jahr 2022, als die Ölreserven das letzte Mal großes Thema waren. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine schossen die Preise für das schwarze Gold in die Höhe. Vor allem Europa fand sich in einer misslichen Lage: 29 Prozent seines Rohöls importierte die EU Anfang 2021 noch aus Russland, heute sind es gerade einmal ein Prozent. Auch 2022 entschloss sich die IEA zur Freigabe von Reserven. Im März 2022 wurden 62,7 Millionen Barrel freigegeben, einen Monat später noch einmal 120 Millionen. Luxemburg beteiligte sich damals nur an der ersten Freigabe. Mit 108.685 Barrel griff das Großherzogtum damals aber tiefer in die Lagertanks als jetzt.
669.000 Tonnen Öl
Luxemburgs „strategische Ölreserven“ sind ein Thema für sich. Die 4,9 Millionen Barrel oder 669.000 Tonnen sollen für 93 Tage reichen und setzen sich aus Endprodukten, Rohöl und vertraglichen Zusagen zusammen. Auf dem Territorium selbst – in Bartringen und in Mertert – lagern nur Endprodukte. Sie müssen für mindestens zehn Tage reichen, erklärt die Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Reserven für 35 weitere Tage werden in der „Region“ vorgehalten.

Ein Teil der kurzfristigen strategischen Ölreserve lagert in Mertert Foto: Editpress/Julien Garroy
Bei einer Gesetzesänderung im Jahr 2024 wurde diese „Region“ verkleinert. Die Tanks dürfen jetzt maximal 185 Kilometer entfernt vom „geografischen Mittelpunkt“ Luxemburgs liegen (der ist zwischen Bissen und Mersch). Vorher waren es 230 Kilometer. 2022 waren diese Lager in Belgien. Die weiteren Reserven sollen dann den restlichen Zeitraum überbrücken. Sie können irgendwo in der EU physisch gelagert sein – 2022 war das in den Niederlanden – oder eben „kontraktuell“ abgesichert sein.
Rohöl lagert in der Nähe von Raffinerien
„Im Notfall sind die Reserven in Endprodukten natürlich schneller verfügbar, aber die Reserven in Rohöl werden in der Regel in oder in der Nähe eines Raffineriezentrums gehalten“, erklärt die Sprecherin. „Sie können dementsprechend in einem Notfall in Endprodukte umgewandelt werden.“
Und was passiert, wenn sich auch die eisernsten Reserven eines Tages zu Ende neigen? „Im Fall von extrem starken Versorgungsproblemen würden Notfallpläne in Kraft treten.“
Im Gesetz vom 10. Februar 2015 über die Organisation des Marktes für Erdölprodukte steht, was das genau heißt. Bei „einer wirksamen internationalen Entscheidung über die Freigabe von Vorräten, eines besonderen Notfalls oder zur Bewältigung lokaler Krisen“ kann eine großherzogliche Verordnung für drei Monate „besondere Maßnahmen“ umsetzen. Zum Beispiel, bestimmten „Verbraucherkategorien“ vorrangig Erdölprodukte zuzuteilen – also die Rationierung. Auch bei „Besitz und Lagerung“ von Sprit kann der Staat dann regelnd eingreifen.
Mit diesem apokalyptischen Szenario rechnet in der Luxemburger Regierung derzeit offenbar niemand. Im Gegenteil – viel Zeit haben die Ölimporteure nicht, um die Tanks wieder vollzumachen: „Im Rahmen der aktuellen Aktion müssen die Reserven bis Ende September wieder aufgefüllt werden“, sagt die Sprecherin. „Eventuell anfallende Kosten werden von den Markteilnehmern übernommen.“

Grafik: Editpress/ Louis Elsen