Spannungen im Cigale

Was hinter den Vorwürfen zur Verwendung von Spenden, toxischem Arbeitsklima und Interessenkonflikten steckt

Mit Blick auf das „Centre LGBTIQ+ Cigale“ drängen sich in letzter Zeit Fragen auf: Wurden im Zuge einer Kündigung Spendengelder zweckentfremdet? Bestehen Interessenkonflikte? Und welche Rolle spielt das Ministerium für Gleichstellung und Diversität dabei? Ein Klärungsversuch.

Symbolbild: Recherche zu Missständen im Centre LGBTIQ+ Cigale mit Fokus auf LGBTIQ+ Rechte und soziale Themen

Symbolbild: Das Tageblatt recherchierte zu Missständen im „Centre LGBTIQ+ Cigale“ Foto: Editpress/Julien Garroy

„You are not alone“, steht auf einer Wand im „Centre LGBTIQ+ Cigale“. Das Beratungs- und Communityzentrum öffnete 2002 seine Türen. Bis 2018 war es Teil von Rosa Lëtzebuerg, heute ist es eine unabhängige Organisation mit eigenem Verwaltungsrat, Festangestellten und Interessengruppen, meist unter der Leitung von ehrenamtlichen Mitgliedern. 2022 wurde Didier Schneider Direktor des Zentrums. Seitdem verließen viele das Team – und nicht alle gingen freiwillig.

Die Kündigung

Nach Tageblatt-Informationen wurde eine Person auf Initiative des Exekutivbüros entlassen; der damalige Verwaltungsrat soll nur zum Teil darüber informiert gewesen sein. Mehrere Mitglieder hinterfragten die Kündigungsmotive, die nach unserem Kenntnisstand widerlegt werden konnten. Die Verantwortlichen hielten an der Entscheidung fest, drohten der betroffenen Person bei weiteren Nachfragen mit juristischen Schritten. Sie erhielt eine Abfindung. Der Kontoname der Auftragsgebenden: „Centre LGBTIQ+ Cigale ASBL Don“.

Griffen die Verantwortlichen also in den Spendentopf und nutzten Gelder, die eigentlich den Communities zugutekommen sollen? Der Verwaltungsrat des „Cigale“ kontert in einer Stellungnahme an das Tageblatt: „Cette indemnité a été prise en charge par les ressources générales de l’association, issues notamment de ses activités propres, telles que les formations qu’elle dispense.“ Didier Schneider ergänzt in einem persönlichen Schreiben, auf dem „compte asbl“ sammele das Zentrum alle Einkünfte, die nicht an Konventionen oder zweckorientierte Finanzierungen gebunden seien.

„Les dons, au sens strict (…) y représentent une part très marginale des ressources: 235 euros en 2024; 1.325 euros en 2025, soit 3,2 pour cent des sommes perçues cette année-là“, so der „Cigale“-Direktor. Das Ministerium für Gleichstellung und Diversität (MEGA), mit dem das „Cigale“ für das Jahr 2026 eine Konvention in Höhe von einer Million unterhält, kommentiert die Situation auf Nachfrage wie folgt: „Wie die Organisation eigene Ressourcen – zum Beispiel Spenden – einsetzt, ist ihre Sache. Sie muss Spendern gegenüber Rechenschaft für die Nutzung ablegen können.“

Schneider will sich öffentlich nicht weiter zur Entlassung äußern. Im Zuge der Tageblatt-Recherche zeichnet sich dennoch ab: Die Stimmung im Zentrum kippte, als kritische Fragen aufkamen. Nach der Kündigung der oben erwähnten Person und weiteren Konflikten dankten mehrere Verwaltungsratsmitglieder ab. Allgemein ist die Rede von einem toxischen Arbeitsklima und von undurchsichtigen Entscheidungsprozessen.

Der Verwaltungsrat streitet die Konflikte nicht ab, verweist aber auf eine interne Hausordnung „visant à prévenir et à traiter les situations de tension“. Es lägen zudem keine formellen Beschwerden vor. Schneider selbst schreibt von externen Rivalitäten und Konflikten „dont le Centre et ses salairé-es ont été les récepteurs plutôt que les auteurs“. In dem Zusammenhang spricht er unter anderem von der Missgunst gegenüber dem „Luxembourg Institute for LGBTIQ+ Inclusion“ (LILI).

Verstrickungen

Dabei sorgte das Institut offenbar auch innerhalb des Teams für Gesprächsstoff. Nicht allen erschloss sich der Mehrwert; manche fühlten sich mit der Gründung vor vollendete Tatsachen gestellt, heißt es dem Tageblatt gegenüber. Das „Cigale“ lancierte das Projekt 2024, mithilfe von Geldern der „Fondation Losch“. 2026 beteiligt sich auch das MEGA an der Finanzierung: Es kommt für eine Stelle im Bereich Psychologie auf.

Die Missionen des LILI umfassen, laut Website, unter anderem die Datensammlung und die Recherche zu LGBTQIA+-Feindlichkeit „et bien plus encore“. Bisher veröffentlichte das Institut die Ergebnisse einer Umfrage, an der sich rund 300 Menschen beteiligten. Die Erkenntnisse decken sich größtenteils mit denen der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte („LGBTIQ equality at a crossroads: progress and challenges“) und mit jenen von nationalen Organisationen.

Wer auf lili.lu bis zum Seitenende scrollt, entdeckt im Kleingedruckten: „Design by Charo Agency“. Die Agentur gehört der Verwaltungsratspräsidentin Laëtitia Charaux sowie der Projekt- und Kommunikationsmanagerin des „Cigale“. Die Agentur wurde 2023 gegründet, noch bevor das Geschäfts- und Ehepaar Ämter im „Cigale“ übernahm beziehungsweise fest angestellt wurde. Eine der Frauen war zu dem Zeitpunkt jedoch bereits ehrenamtlich im Zentrum aktiv.

Schneider betont, dass er bei der Auswahl der Firma die üblichen Regeln für Ausgaben über 870 Euro eingehalten habe. Sprich: Er legte dem damals für das „Cigale“ zuständigen Familienministerium (MIFA) im November 2023 drei Kostenvoranschläge vor, darunter jenen der Charo Agency. Im Januar 2024 folgte die Zusage des MIFA, das sich für das günstigste Angebot – das von Charo Agency – entschied. Die Agentur erhielt zwei „contrats de communication“ für die „refonte de la communication du centre“ und für das Projekt LILI.

Vier Monate später wurde Charaux zur Vizepräsidentin des „Cigale“ ernannt, bevor sie 2025 die Vorstandsleitung übernahm. Ihre Ehefrau trat ihren Posten im „Cigale“ im Oktober 2024 an. „Depuis cette date, aucune transaction contractuelle ou financière n’a été conclue avec Charo Agency“, unterstreicht Schneider. Fakt ist aber auch: Charo Agency schloss im Oktober 2023 einen „contrat de sous-location“ mit dem „Cigale“ ab. Sie teilen sich bis heute dieselbe Anschrift. „[L]a procédure de changement de domiciliation administrative de Charo Agency est (…) en cours afin d’éviter toute ambiguïté“, schreibt Schneider.

Dem MEGA ist nach eigener Aussage weder Charo Agency bekannt noch die Tatsache, dass die Agentur dieselbe Adresse hat wie das „Cigale“. Das Ministerium bewerte die kommerziellen und beruflichen Aktivitäten von Verwaltungsratsmitgliedern in der Regel nicht, „sofern diese nicht die Aufgaben und die Tätigkeit eines Zentrums oder Dienstes im Rahmen des Übereinkommens beeinträchtigen“. Über die Ehe zwischen der Verwaltungsratspräsidentin und der Angestellten wisse das MEGA Bescheid.

Weiteres Engagement

Neben seinem Engagement im „Cigale“ gründete das Ehepaar 2025 auch die ASBL „Inclusion, Diversity, Equality, Awareness, Learning“ (Ideal) mit. Das Hauptziel ist die Inklusion von LGBTIQ+-Menschen in die Arbeitswelt und in die Gesellschaft. Doch wie hängt das mit ihren Tätigkeiten im „Cigale“ zusammen: Besteht an der Stelle ein Interessenkonflikt? Der Verwaltungsrat zieht eine klare Grenze: „Le Cigale et Ideal sont deux entités juridiquement distinctes, poursuivant des missions différentes. Il n’existe ni flux financiers entre les deux structures, ni partage de ressources ou de moyens opérationnels. Ideal ne constitue pas une entité concurrente du Cigale.“

Schneider holt weiter aus. Das „Cigale“ sei inzwischen nicht mehr im Bereich „Diversity and Inclusion“ (D&I) für Unternehmen aktiv. „Lorsque je suis sollicité pour des actions relevant du D&I, j’oriente les demandes vers des structures dont c’est la mission principale, parmi lesquelles Ideal“, merkt er an, „mais également d’autres acteurs du secteur tels que Blom, Rosa Lëtzebuerg ou l’ITGL [Intersex & Transgender Luxembourg, d.Red.]. Le Cigale ne se positionne pas dans une logique de concurrence. Nous ne raisonnons pas en termes de parts de marché, mais de complémentarité des rôles.“

2 Kommentare
Fraulein Smilla 11.02.202618:08 Uhr

Buergerkrieg innerhalb LGBTQ ?

Jonathan Schmidt 11.02.202612:34 Uhr

Malgré moi.......verpüre ich manchmal einen Hang zum Trumpismus......

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