2.200 Opfer
Unicef publiziert erste Studie zu weiblichen Genitalverstümmelungen in Luxemburg
Unicef Luxembourg stellte am Dienstag die erste Studie zu weiblichen Genitalverstümmelungen im Großherzogtum vor. Die Schätzungen offenbaren: Es besteht Handlungsbedarf. Die Ergebnisse im Überblick.
Zu Besuch bei der Pressekonferenz von Unicef Luxembourg, u.a. mit Alexandra Gardeur (2.v.l.) und Pascale Zaourou (2.v.r.) Foto: Editpress/Hervé Montaigu
In Luxemburg leben schätzungsweise 2.200 Frauen, die eine Genitalverstümmlung erlitten haben. 1.100 Mädchen zwischen 0 und 19 Jahren steht der Eingriff vermutlich noch bevor. Diese Zahlen gehen aus der ersten nationalen Studie zu weiblichen Genitalverstümmlungen hervor. Sie wurde von Unicef Luxembourg durchgeführt, in Zusammenarbeit mit GrewIA, GAMS Belgique sowie der Ärztin und Demografin Dominique Dubourg.
Schätzungen
„Es ist die erste Studie dieser Größenordnung, die sich konkret auf Luxemburg bezieht und aktuelle Daten berücksichtigt“, sagte Alexandra Gardeur, „chargée de plaidoyer“ von Unicef Luxembourg, bei der Pressekonferenz zu den Ergebnissen. Die Datenbank (Stand: 2025) des Statistikamts Statec diente als Basis: Dort sind rund 9.000 Frauen und Mädchen mit Bezug zu Ländern verzeichnet, in denen Genitalverstümmelungen häufig vorkommen. Dazu gehören etwa Somalia, Guinea oder Dschibuti. In Luxemburg stammt die untersuchte Zielgruppe vornehmlich aus Kamerun, Eritrea, Guinea-Bissau, Senegal und Guinea.
Was sind weibliche Genitalverstümmelungen?
Weibliche Genitalverstümmelungen bezeichnen alle nicht-medizinischen Eingriffe, bei denen die Geschlechtsorgane teilweise oder vollständig entfernt beziehungsweise verletzt werden. Meist aus Tradition oder zur Kontrolle der Frau. Das Vorgehen zieht oft schwerwiegende medizinische und psychologische Folgen nach sich. Weltweit sind über 230 Millionen Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelungen betroffen.
Gardeur verwies auf fehlende Details in der Studie, wie die Differenzierung zwischen ethnischen Gruppierungen in einer Region. „Mit den vorhandenen Daten war nur eine statistische Annäherung möglich. Es handelt sich um eine Größenschätzung“, so Gardeur. „Unser Ziel ist es, zu zeigen: In Luxemburg gibt es betroffene und gefährdete Frauen und es besteht Handlungsbedarf.“
Das bestätigte Pascale Zaourou, Koordinatorin von GAMS Luxembourg. In Luxemburg besteht die Organisation seit Juli 2025, in Belgien wurde sie 1996 gegründet. Sie kämpft unter anderem mit Weiterbildungsangeboten und im Austausch mit den betroffenen Communities gegen weibliche Genitalverstümmelungen an. Es sei wichtig, dass sich die Frauen auch untereinander informieren, unterstrich Zaourou: „Die Frauen und Mädchen müssen wissen, dass sie in Luxemburg geschützt sind.“

Unicef Luxembourg stellte am Dienstag Schätzungen zu weiblicher Genitalverstümmlung in Luxemburg vor Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Weibliche Genitalverstümmelungen sind in Luxemburg seit 2018 explizit verboten. Die strafrechtliche Verfolgung ist auch bei Eingriffen möglich, die im Ausland stattfanden. Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) stellte 2021 in seinem Länderbericht jedoch fest: In Luxemburg wurde bis zu dem Zeitpunkt kein Strafverfahren wegen Genitalverstümmelung bei Mädchen im Alter von 0 bis 18 Jahren eingeleitet. „Das gesetzliche Verbot in Luxemburg setzt einen klaren Rahmen, aber nur in Kombination mit Präventions- und Bildungsarbeit in allen Bereichen kann das Phänomen langfristig zurückgehen“, sagt Zaourou.
Im Alltag
Der Unicef-Bericht liefert Schätzungen, aber wie sieht die Situation in den Anlaufstellen für Frauenheilkunde aus? Pit Duschinger, Präsident der „Société luxembourgeoise de gynécologie et d’obstétrique“ (SLGO), sagt dem Tageblatt: Er hat in seiner über 30-jährigen Karriere noch keine Frauen mit Genitalverstümmelungen behandelt. Die SLGO habe allgemein keine Erfahrungswerte. Das „Planning familial“ (PFL) zeichnet ein anderes Bild: Dort kam es seit 2023 zu elf Beratungen zum Thema. Zwischen 2024 und 2025 betreute das PFL insgesamt zehn Opfer weiblicher Genitalverstümmelungen. Das Team beobachte außerdem eine Zunahme der Anfragen zur Rekonstruktion der Klitoris oder der Vulva. Zaourou und PFL betonen: Es ist wichtig, unter anderem das Gesundheitspersonal zu schulen, damit es die verschiedenen Formen der Genitalverstümmelungen erkennt.
Darüber hinaus empfhielt Unicef Luxembourg in dem Bericht 20 Maßnahmen, darunter eine stärkere Informations- und Präventionsarbeit, Recherche und die Anpassung der Asylpolitik. Zum Beispiel durch die Einführung eines Schutzverfahrens für gefährdete Mädchen, die den internationalen Schutzstatus erhalten haben. Unicef plädiert auch für eine spezifische Meldepflicht in Bezug auf weibliche Genitalverstümmelungen – Pit Duschinger würde das begrüßen, gab er dem Tageblatt gegenüber an.
Das Ziel der Vereinten Nationen, den Genitalverstümmelungen bis 2030 ein Ende zu setzen, ist nach aktuellen Berechnungen utopisch. Am Ende der Pressekonferenz zeigte sich Zaourou dennoch zuversichtlich: „Wir sollten optimistisch bleiben: Unsere gemeinsame Arbeit, der Versuch, die Gründe für Genitalverstümmelungen zu dekonstruieren und die Fortbildung der zuständigen Autoritäten sind hilfreich, um das Risiko zu minimieren.“