„March for Palestine“
Tausende demonstrieren in Luxemburg für ein freies Palästina und ein Ende des Krieges
Auf den Aufruf zu einem „March for Palestine“ hin haben am Sonntagnachmittag Tausende Menschen in Luxemburg ihre Solidarität mit den Palästinensern zum Ausdruck gebracht und für ein Ende des israelischen Krieges gegen Gaza und den damit verbundenen Genozid demonstriert. Damit geht die Forderung nach mehr Druck auf Israels Regierung einher.
Die bisher größte Demo für Palästina in Luxemburg wollten die Organisatoren ins Leben rufen Foto: Editpress/Georges Noesen
Ein Bilderbuch- und Traumwetter am ersten Herbstsonntag des Jahres. Die Sonne scheint, die Temperatur ist angenehm. Auf der place de l’Europe vor der Philharmonie hat sich bereits eine Stunde vor Beginn der Demonstration eine beachtliche Menge versammelt. Eine Frau aus dem Organisationsteam der „Luxembourg Coalition for Palestine“, einem Kollektiv mehrerer Vereinigungen der Zivilgesellschaft, nennt 1.200 bis 1.500 Teilnehmer. Doch mehr und mehr Menschen schließen sich der Menge an. Gegen Ende sind es mehrere Tausend, von 5.000 bis 6.000 ist gar die Rede, die gegen den Albtraum demonstrieren, der sich seit fast zwei Jahren in Gaza abspielt.
Rote Karte gegen Genozid
Unzählige Palästinenserfahnen werden geschwenkt. Parolen wie „Free, free Palestine“ oder „Viva Palestina“, „Cease Fire Now“ und „Stop the War“ sind zu hören. Allerdings wurde auch der Slogan „From the River to the Sea, Palestine will be free“ skandiert, der sich auf das Gebiet zwischen dem Fluss Jordan und dem Mittelmeer bezieht und nach einigen Interpretationen als Aufruf zur Vernichtung Israels verstanden werden kann. Einige Aktivisten heizen mit ihren Megaphonen die Demonstranten an, trommeln die Menge zusammen, die sich über die „Rout Bréck“ in Richtung Glacis bewegt, vorher abbiegt und ins Stadtzentrum zieht. In der Fußgängerzone kommt der Demonstrationszug, dem sich immer mehr Menschen angeschlossen haben, einige Male zum Stillstand. Eine Frau schüttet Wasser aus ihrem Fenster und erntet Buhrufe, einige Sonntagsbesucher der Stadt schauen verwundert den Demonstranten zu. „Die wundern sich, dass sie hier jemand in der schönen heilen Welt an Hunger und Völkermord erinnert“, sagt ein Demonstrant.
Start bei der Philharmonie Foto: Editpress/Georges Noesen
Derweil hat der kleine Junge auf Nicolas’ Schultern die Augen weit aufgerissen. Der Fünfjährige ist sein Neffe. „Wie er bin ich zum ersten Mal auf einer Demo“, sagt Nicolas und erklärt seine Teilnahme bei der Demo: „Ich bin mit meiner Familie vor mehr als 25 Jahren aus dem Kosovo gekommen, als dort Krieg herrschte. Ich fühle mich mit den Palästinensern verbunden, weil ich an unser eigenes Schicksal, an das meiner Familie, von damals erinnert werde.“
Eine junge Palästinenserin, die unser Gespräch verfolgt hat und mit ihrer Schwester und einer Frankreich aus Frankreich zur Demo gekommen ist, fügt hinzu: „Wir müssen den Politikern Druck machen, damit die den Israelis Druck machen. Den Staat Palästina anzuerkennen, ist ein kleiner Schritt. Er darf kein Lippenbekenntnis sein, sondern es müssen Taten folgen. Israel muss boykottiert und bestraft werden.“ Die Straffreiheit für die israelische Regierung müsse ein Ende haben. Im Laufe der Demonstration skandieren die drei Frauen immer wieder Parolen.
Ganze Familien beteiligten sich an der Demo Foto: Editpress/Georges Noesen
Sabaouine ist zum zweiten Mal bei einer Demo dabei. „Ich arbeite hier für eine Investmentfirma und kann mich nicht beklagen“, sagt er. „Aber ich verfolge den Konflikt um Gaza nun schon seit fast zwei Jahren. Wenn ich diese Bilder im Fernsehen sehe, dann berührt es und erschreckt es mich.“ Vor allem ein Bild könne er nicht mehr vergessen: „Es zeigt einen kleinen Jungen, der so alt ist wie meiner und der neben seinem Vater sitzt. Der Vater ist tot.“ Seine Frau habe gerade ein Kind zur Welt gebracht, sonst wäre sie mit zur Demo gegangen. „Aber wir müssen auf der Straße auf die Situation in Palästina aufmerksam machen, sonst macht es niemand. Denn es gibt viele solcher Kinder in Not.“
Ich fühle mich mit den Palästinensern verbunden, weil ich an das Schicksal meiner Familie erinnert werde
Nicolas
junger Mann aus dem Kosovo
Einige Demonstranten habe ihre Transparente ausgerollt oder halten ihre Schilder hoch. Immer wieder fordern sie nicht nur ein Ende des Krieges, sondern ein Ende des Genozids an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza, den sie Israel vorwerfen. Zuletzt hat die Mobilisierung in Luxemburg für Palästina weiter an Dynamik gewonnen, nachdem die Regierung zusammen mit zahlreichen anderen Länder anlässlich der UN-Generalversammlung einen palästinensischen Staat offiziell anerkannt hat. Die „Coalition for Palestine“ erhält zudem Unterstützung von OGBL, LCGB und einigen Parteien. Unter den Demonstranten sind zahlreiche Gewerkschafter und auch einige Politiker, etwa von der LSAP, „déi gréng“ und „déi Lénk“, zu sehen.
Anerkennung nur ein Schritt
Nach den Worten von David Pereira, dem Generaldirektor von Amnesty International Luxembourg, bedeutet die Koalition einen „Aufruf aus tiefstem Herzen zur Solidarität“. Er zeige, „dass wir nicht allein handeln“. Denn es sei Zeit zu handeln, um der Straflosigkeit, mit der Israel bisher davongekommen ist, ein Ende zu setzen – gemeint ist die Straflosigkeit für einen Genozid, das die israelische Regierung und Armee nach Meinung vieler mit ihrem Feldzug gegen Gaza betreibe, und für eine jahrelange Politik der Apartheid gegenüber der palästinensischen Bevölkerung.
Die frühere Großherzogin inmitten der Demonstranten Foto: Editpress/Georges Noesen
Viele Menschen, die der Demonstration der Aufforderung gefolgt sind, palästinensische Fahnen zu schwenken, um eine „rote Linie“ gegen den Völkermord in Gaza zu bilden, sind nicht zum ersten Mal dabei. Sie sind schon zigmal für die Sache der Palästinenser auf die Straße gegangen. Andere wie Nicolas sind neu dabei. Sie haben ihre Familien mitgebracht. „Das schöne Wetter hat eine gute Rolle gespielt“, sagt er. Etliche Demonstranten halten „roten Karten“ hoch. Rote Karten für Israel und gegen den von der israelischen Regierung begangenen Genozid, gegen das Aushungern und Bombardieren der palästinensischen Bevölkerung. Von der Hamas, der Terrororganisation, die am 7. Oktober vor zwei Jahren Israel überfiel und ein Massaker unter Israelis verübte und Geiseln nahm, ist heute nicht die Rede.
Politische Anspielungen Foto: Editpress/Georges Noesen
Andere sind mit palästinensischen Kufiyas gekommen. Wer noch keine hat, konnte eine vor Ort an einem Stand an der place de l’Europe erstehen. Für die Demonstranten reicht eine Anerkennung des Palästinenserstaates nicht aus (seit 22. September sind es 153 Staaten, die Palästina anerkennen). „Sie wird die Hungersnot in Gaza und den Völkermord nicht beenden“, betont Dalia Khader von „Collectives for Palestine“, die selbst Palästinenserin und die erste Rednerin auf der place Clairefontaine ist. Sie weist darauf hin, dass Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt hat, dass es keinen palästinensischen Staat geben werde.
Für viele ist die Anerkennung des palästinensischen Staates in der Tat nur ein Schritt, selbst wenn er historische Bedeutung hat. Doch der Staat Palästina müsse den Palästinensern Schutz und Sicherheit bieten können, erklärt David Pereira. Den Worten sollen Taten folgen. Auch die luxemburgische Regierung müsse zum Handeln aufgefordert werden. Sie müsse diplomatischen und ökonomischen Druck auf Israel ausüben, um einen Waffenstillstand und einen längeren Frieden zu erreichen. Dies sagt auch einer der Redner auf der place Clairefontaine. Ein anderer meinte in poetischen Worten, dass die Menschen, die so zahlreich zur Demonstration gekommen sind, wie ein „Licht in einem Meer der Heuchelei“ und der leeren Worte seien.