Sozialdialog
Regierung beschließt, Mindestlohn nicht zu erhöhen – Gewerkschaften kündigen Proteste an
Die CSV-DP-Regierung wird den Mindestlohn nicht strukturell erhöhen, am Freitag hat sie etwas unerwartet schnell beschlossen, lediglich die planmäßige Anpassung an die Reallohnentwicklung vorzunehmen. Gleichzeitig will sie den Betrieben bis zu 50 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen zukommen lassen. Die Gewerkschaften wollen dagegen „auf die Straße“ gehen.
Arbeitsminister Marc Spautz und Premier Luc Frieden auf dem Nationalkongress der CSV in Ettelbrück am vergangenen Samstag Foto: Editpress/Julien Garroy
Der Regierungsrat hat am Freitag beschlossen, den sozialen Mindestlohn nicht strukturell zu erhöhen. In einem sehr hastig einberufenen „Point de presse“ im Eingang zum Staatsministerium erklärten CSV-Arbeitsminister Marc Spautz und DP-Wirtschaftsminister Lex Delles in der Mittagsstunde, der Mindestlohn werde am 1. Januar 170 Euro über dem von heute liegen. Das sei eine Erhöhung um 6,3 Prozent, behauptete Delles. Damit steige der unqualifizierte Mindestlohn auf 60,2 Prozent des Medianlohns, meinte Spautz.
Die 6,3 Prozent setzen sich zusammen aus den 2,5 Prozent der nächsten Indextranche, die allen Beschäftigten zuteil wird, unabhängig von der Höhe ihres Gehalts. Die automatische Lohnanpassung an die Inflation zur Erhaltung der Kaufkraft wird laut Statec im zweiten Quartal fällig, demnach noch vor den Sommerferien. Die restlichen 3,8 Prozent sind die seit Jahrzehnten durchgeführte Anpassung des Mindestlohns an den Durchschnittslohn. Weil die Mindestlohnempfänger keinem Kollektivvertrag oder Gehälterabkommen unterliegen und demnach auch nicht in einer Lohnskala sind und häufig keine Sonderprämien und Zuschläge erhalten, wird diese Anpassung an die Reallohnentwicklung, ähnlich wie bei den Renten, alle zwei Jahre vorgenommen. Automatisch passiert das nicht, die Regierung muss dem Parlament dafür einen Gesetzentwurf vorlegen, doch diese Praxis gilt inzwischen als soziale Errungenschaft, sodass häufig von einer „automatischen Anpassung“ gesprochen wird.
50 Millionen für Betriebe
Der Regierungsrat hat am Freitag beschlossen, dass der Staat angesichts der steigenden Energiepreise und des schwachen Wirtschaftswachstums der letzten Jahre die Betriebe bei dieser minimalen Anpassung unterstützen wird. Zwar seien sowohl die Indextranche, als auch die zweijährige Anpassung an die Lohnentwicklung für die Unternehmen vorhersehbare Entwicklungen, doch eine Erhöhung um 3,8 Prozent sei „net normal“, meinte Delles. Um den Betrieben „entgéint ze kommen“, habe der Regierungsrat entschieden, die Öffentlichkeit müsse rund ein Drittel (1,3 Prozent) dieser 3,8 Prozent bezahlen. Wie lange diese „Kompensation“ aufrechterhalten wird und ob sie für beide Mindestlöhne oder nur für den qualifizierten gilt, müsse die Regierung noch mit der UEL besprechen, sagte Delles. Er schätzte, dass diese Betriebszuschüsse den Staat 30 bis 50 Millionen Euro kosten werden.
Marc Spautz rechtfertigte die Entscheidung der Regierung, den Mindestlohn nicht zu erhöhen, mit der Einführung des sogenannten „Once only“-Prinzips zum Erhalt der Teuerungszulage und anderer staatlicher Prämien. Damit werde auch der Anteil der „Working Poor“ zurückgehen, mutmaßte Spautz. Laut Eurostat ist deren Anteil mit 13,4 Prozent in keinem EU-Land höher als in Luxemburg. Die Steuerbefreiung des Mindestlohns, die die Regierung vor zwei Jahren beschloss, bezeichnete der Arbeitsminister als „große Errungenschaft“.
Der Forderung der Gewerkschaftsunion von OGBL und LCGB, im Rahmen der Umsetzung der EU-Mindestlohnrichtlinie den sozialen Mindestlohn um elf bis zwölf Prozent zu erhöhen, kommt die Regierung demnach nicht nach. Bereits am Dienstag hatten Sozialministerin Martine Deprez (CSV) und Marc Spautz den Gewerkschaften bei einem Treffen vorgerechnet, die in der Richtlinie festgesetzte Empfehlung, der Mindestlohn solle mindestens 60 Prozent des Medianlohns betragen, werde mit der zweijährigen Anpassung und der Indextranche erreicht. Um das zu belegen, hatte die IGSS den von Eurostat verwendeten Medianlohn ohne Lohnzuschläge, Gratifikationen und Sonderprämien angeführt. Die Gewerkschaften beriefen sich auf Zahlen der OECD, die vom Statec stammen, der diese Zuschläge und Prämien bei seiner Berechnung des sogenannten Kaitz-Index berücksichtigt.
D’Leit bezuele sech mat hire Lounsteieren hir eege Pai an dat ass un Zynismus kaum z’iwwerbidden
„déi Lénk“
„Richtlinie pervertiert“
„Dat, wat mär gerechent hunn, ass och dat, wat an der Direktiv steet“, wiederholte Marc Spautz am Freitag. Tatsächlich überlässt die Richtlinie den Mitgliedstaaten die Wahl, ob sie auf die Daten von Eurostat oder der OECD zurückgreifen.
„Déi Lénk“ bezeichneten die Entscheidung der Regierung am Freitag in einer Mitteilung als kaum zu überbietenden „Zynismus“: „Wann de Staat den Ajustement mat ëffentleche Gelder finanzéiert, bedeit dat soss näischt, wéi dass d’Leit sech mat hire Lounsteieren hir eege Pai bezuelen.“ CSV und DP hätten es geschafft, die Mindestlohnrichtlinie so zu pervertieren, dass daraus ein Geschenk für das Patronat werde. LSAP-Generalsekretär Sacha Pulli kommentierte auf Facebook: „Dës Regierung hält déi Léit mat de ganz klenge Paie wierklech fir domm an den neien Aarbechtsminister huet no 100 Deeg Regierung schonn all seng Iwwerzeegungen iwwer Bord gehäit.“
In Luxemburg beziehen rund 70.000 Arbeitnehmer den Mindestlohn, in der Privatwirtschaft liegt ihr Anteil bei rund einem Fünftel. Im Horeca-Sektor lebt über die Hälfte der Beschäftigten vom Mindestlohn, im Einzelhandel ein Drittel. In beiden Branchen arbeiten vor allem Migranten und Grenzpendler. Frauen beziehen häufiger den Mindestlohn als Männer.
Nora Back: „Todesstoß für den Sozialdialog“
OGBL-Präsidentin Nora Back war nach der Ankündigung der beiden Minister hörbar aufgebracht. „Ich kann nicht in Worte fassen, wie ich mich gerade fühle“, erklärt Back, stellvertretend für die Gewerkschaftsunion OGBL-LCGB, im Gespräch mit dem Tageblatt. „Wir haben mit dieser Regierung abgeschlossen und sind demnächst ‚op der Strooss‘.“ Genaue Daten und Aktionen würden noch nicht feststehen, jedoch kündigt Back einen hitzigen 1. Mai an. Der Gewerkschaftsunion OGBL und LCGB sei noch versichert worden, dass vor Ostern keine Entscheidung fallen werde. „Und dann wird ‚en toute urgence‘ eine Pressekonferenz mit einer halben Stunde Vorlauf am Freitag nach dem Regierungsrat einberufen.“ Das Fazit der Gewerkschaftspräsidentin zur Regierungsankündigung fällt vernichtend aus: „Kee méi doheem, kee Lead, Chaotismus pur.“
Die Gewerkschaften seien nicht über die Ankündigung der Regierung am Freitagmittag informiert gewesen. Und auch die vom Steuerzahler finanzierte Kompensation für die Unternehmen sei nie Gegenstand der Diskussionen gewesen. „An dann hu sie awer nach de Culot, dat als Erhéijung ze verkaafen, wéi wa mir dankbar sollte sinn, näischt weggeholl ze kréien“, vermisst Back den politischen Anstand der CSV-DP-Regierung. Dass keiner der beiden Minister habe sagen können, was die Kompensationsmaßnahme für Unternehmen den Steuerzahler koste, passe ins derzeitige Bild der konservativ-liberalen Regierung. „Die Geringschätzung gegenüber 70.000 Arbeitnehmern, die einem Knochenjob nachgehen und trotzdem nicht über die Runden kommen, ist offensichtlich“, sagt Back. „Die Regierung hat sich auf jeden Fall ganz klar auf die Seite des Kapitals und des Patronats positioniert.“
Die Vorschusslorbeeren, die man dem neuen Arbeitsminister Marc Spautz habe zukommen lassen, hätten sich in Luft aufgelöst. „Großspurige Ankündigungen, die Arbeit seines Vorgängers schlechtgeredet und nach drei Monaten passiert nichts“, kritisiert Back. Bei Georges Mischo sei die Verachtung für die Gewerkschaften wenigstens von Anfang an klar gewesen. Den Vertrauensbruch nehme die Gewerkschaftsunion zur Kenntnis. „Das ist der Todesstoß für den Sozialdialog von Marc Spautz und Lex Delles.“
Am Freitagmorgen hatte die Gewerkschaftsunion einen Brief an alle Regierungsmitglieder verschickt, in dem sie davor warnte, die Frage nach einer Erhöhung des Mindestlohns zu einer buchhalterischen Rechnung verkommen zu lassen. „Wir möchten eines klarstellen: Die Frage, um die es heute geht, ist nicht, ob man nach der einen oder anderen Methode 54 % oder 59 % erreicht. Es geht vielmehr darum, ob Vollzeitbeschäftigte von ihrem Lohn würdig leben können oder nicht“, schreibt die Gewerkschaftsunion am Freitagmorgen. „Wir fordern Sie nachdrücklich auf, über einen rein technischen Ansatz hinauszugehen und eine politische Antwort zu geben, die den Herausforderungen gerecht wird und auf einem einfachen Grundsatz beruht: In Luxemburg muss eine Vollzeitbeschäftigung ein Leben in Würde ermöglichen.“ (siw)