37 Prozent fahren mit Alkohol im Blut?

Luxemburger Ministerium zweifelt Studie an, die es selbst unterstützt hat

Oha: Laut einem Bericht zählen Luxemburgs Autofahrer zu den rücksichtslosesten in ganz Europa. Vor allem, weil einige sich offenbar auch nach ein paar Gläschen Alkohol hinters Steuer setzen. Das Mobilitätsministerium zweifelt an der Repräsentativität des Berichts. Dabei hat es die zugrundeliegende Studie selbst unterstützt. 

79,3 Prozent der Umfrageteilnehmer aus Luxemburg gaben an, die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Autobahnen zu missachten

79,3 Prozent der Umfrageteilnehmer aus Luxemburg gaben an, die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Autobahnen zu missachten Symbolfoto: Editpress/Julien Garroy

Luxemburgs Autofahrer belegen in einem Ranking einen wenig glanzvollen Platz: Laut dem Portal vignetteswitzerland.com landen die Wagenlenker des Großherzogtums auf Rang vier der rücksichtslosesten Autofahrer Europas. Der Bericht des Portals, das die Schweizer E-Vignetten vertreibt, basiert auf zwei Quellen: zum einen der Verkehrstoten-Statistik der Europäischen Kommission. Und zum anderen auf der ESRA-Umfrage des belgischen Vias-Instituts, in der 37.000 Verkehrsteilnehmer aus insgesamt 39 Ländern unter anderem ihr eigenes Fahrverhalten einschätzten.

Die ESRA-Umfrage, die 2023 gemacht wurde, offenbarte wenig Schmeichelhaftes. Luxemburgs Autofahrer erreichten dort nämlich einige Pole-Positionen – in der Negativwertung. Zum Beispiel in der Kategorie „Zu schnell auf der Autobahn fahren“. Das gaben 79,3 Prozent der Luxemburger Befragten zu. Oder in der Abteilung „Fahren, obwohl man müde ist“. 31,1 Prozent beantworteten das mit „ja“. Den Tiefpunkt stellte aber die Frage „Fahren Sie, nachdem Sie Alkohol getrunken haben?“ dar. Die bejahten ganze 37,2 Prozent. Ein Höchstwert, der von keinem anderen der 21 untersuchten Länder auch nur ansatzweise erreicht wurde.

„Geringe Zahl von Teilnehmern“

Dieses Ergebnis passt offenbar nicht allen ins Bild. Der ADR-Abgeordnete Jeff Engelen hob den Fall schließlich auf die politische Ebene. Er wollte von Transportministerin Yuriko Backes per parlamentarischer Anfrage wissen, wie die Regierung die Studie bewertet – und ob sie daraus Konsequenzen zieht.

Backes reagierte am vergangenen Dienstag: 471 Menschen aus Luxemburg im Alter zwischen 18 und 74 Jahren hätten an der ESRA-Umfrage teilgenommen haben – also ungefähr 0,09 Prozent der Bevölkerung, „Aufgrund dieser geringen Zahl von Teilnehmern muss die statistische Repräsentativität dieser Studie infrage gestellt werden“, schreibt die DP-Politikerin. 

Dabei unterstützt das Luxemburger Mobilitätsministerium die ESRA-Studie selbst.

„Für jedes Land, das an der ESRA-Studie teilnimmt, gibt es einen nationalen Partner, der die Initiative unterstützt“, schreibt das Vias-Institut in der Beschreibung der Methodologie zur ESRA-Studie. „Der nationale Partner ist verantwortlich für die Finanzierung der Studie, die Übersetzung des Fragebogens in die Landessprachen und die Interpretation der Ergebnisse.“ Der „nationale Partner“ für Luxemburg: eben das Ministerium für Mobilität und öffentliche Arbeiten. Das Logo der Luxemburger Behörde prangt neben dem anderer Institutionen und Verbände sogar auf dem Seitenfuß einiger ESRA-Publikationen.

Teilnahme ohne Zahlen

Auch das Mobilitätsministerium selbst erklärt in seinem Jahresbericht 2023, dass sich „Luxemburg am Forschungsprojekt ESRA3 des belgischen Instituts Vias“ beteilige. Und schlussendlich erklärt Backes das auch in ihrer Antwort an Engelen: „Das Mobilitätsministerium hat an dieser ESRA3-Studie zwar teilgenommen, hat aber in dem Rahmen keine Zahlen zur Studie beigesteuert.“ Bei den Aussagen handele es sich „nicht um statistische Zahlen, die für die Studie von Vias benutzt worden sind“ – sondern „um das, was Menschen in einer Umfrage angegeben haben“. Worin da der Unterschied liegt, erklärt Backes nicht. Allerdings stehen die Zahlen genau so, wie von vignetteswitzerland.com berichtet, in den Tabellen des Vias-Instituts. 

Backes zweifelt in ihrer Antwort auch die Methodik bei der umstrittenen Alkoholfrage in der Studie an. Zur Erinnerung: 37,2 Prozent der Befragten antworteten, auch dann noch Auto zu fahren, wenn sie etwas getrunken haben. Aber: In Luxemburg ist es ja bis zu einer Grenze 0,5 Promille nicht illegal, Auto zu fahren. Die Ministerin schreibt: „Es geht aus der Umfrage nicht hervor, ob die Personen tatsächlich das legal erlaubte Alkohollimit überschritten haben oder nicht.“ Ein Blick in die Daten der ESRA-Studie zeigt aber ein anderes Bild. Denn dort wird diese Unterscheidung sehr wohl gemacht.

In der Studie wurde unter dem Reiter „Selbst-erklärtes Verhalten“ sowohl gefragt, ob jemand in den vergangenen 30 Tagen als Autofahrer Alkohol getrunken hat (die 37,2 Prozent), als auch, ob jemand Auto gefahren ist, wenn er über dem legalen Alkohollimit war. Und wer hätte es gedacht? Luxemburg ist auch hier Spitzenreiter – mit 24,1 Prozent der Befragten. Auf den Plätzen zwei und drei liegen Thailand (23,2 Prozent) und Mexiko (20,5 Prozent). 

Die ESRA-Studie liefert dafür sogar eine Art Erklärung mit. In der Kategorie „Durchsetzung von Regeln“ wurden die 471 Luxemburger gefragt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie als Autofahrer auf einer typischen Fahrt von der Polizei auf Alkohol kontrolliert werden? Nur zwölf Prozent antworteten dort mit „wahrscheinlich“. Platz 34 für Luxemburg – endlich mal am unteren Ende der Tabelle. 

Die Tabelle des Anstoßes: „Europas rücksichtsloseste Autofahrer“ – und Platz vier für Luxemburg 

Die Tabelle des Anstoßes: „Europas rücksichtsloseste Autofahrer“ – und Platz vier für Luxemburg 

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