L’histoire du temps présent

Luxemburger Migrations- und Integrationsgeschichte(n)

Vor zwei Wochen fand das 43. „Festival des migrations, des cultures et de la citoyenneté“ in Luxemburg statt, ein Fest des Kennenlernens der vielen Kulturen und Nationalitäten Luxemburgs via Kulinarisches, Musik, Tanz, Literatur, Austausch, mit mehr als 400 Ständen von Vereinen, Institutionen, Buchhandlungen.

Festival des migrations Luxemburg mit interkulturellen Ständen, Musik und vielfältigen Kulturen für Bürgerbeteiligung

Das „Festival des migrations, des cultures et de la citoyenneté“ ist eine der größten interkulturellen Veranstaltungen in Luxemburg Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Ein passender Anlass, um in dieser Chronik einige luxemburgische Migrations- und Integrationsgeschichten zu erzählen. Diese Geschichten habe ich dieses Jahr an den Anfang meines Kurses zur Geschichtsdidaktik im Rahmen des Lehrstuhls Geschichte & Migration an der Uni Luxemburg im „Bachelor en Cultures européennes“ gestellt, indem ich die Studierenden* nach der Migrationsgeschichte ihrer Familie fragte. Erwähnenswert ist einleitend noch, dass die meisten Studierenden dieses Optionsfach wählen, weil sie später den LehrerInnenberuf im Luxemburger Sekundarunterricht ergreifen möchten. Von elf Studierenden sprechen zehn fließend Luxemburgisch, neben mindestens vier anderen Sprachen.

Familiengeschichten

Zunächst legte ich den Studierenden die Geschichte meiner Familie und die Rolle der Migrationen innerhalb dieser Geschichte dar: Im August 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde meine luxemburgische Großmutter Marie Strauch in Bissen geboren. Sie war zwei Wochen alt, als sie mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern nach Esch/Alzette umzog, wo der Vater eine Arbeitsstelle im Hüttenwerk (die spätere Terre Rouge) gefunden hatte. Wie viele Luxemburgerinnen begab Marie sich mit ihren Schwestern Léonie (geb. 1910) und Annie (geb. 1912) als junge Frau in den Dienst ins Ausland, nach Brüssel. Léonie heiratete einen Brüsseler Zahntechniker und gründete dort eine Familie. Marie und Annie heirateten Escher Schmelzarbeiter. Annie heiratete den deutschen Arbeiter Theo. Marie gründete eine Familie mit Jemp Hoscheid, der ebenfalls aus Bissen stammte und wie Marie 1914, im Alter von zwei Jahren, nach Esch gekommen war. Auch dessen Vater arbeitete auf der Terre-Rouge-Hütte. Im Gegensatz zu Jemp blieben seine vier Geschwister nicht in Esch. Seinen Bruder, den gelernten Schuster Jéng (geb. 1919), zog es 1941 zur Fremdenlegion nach Algerien, um sich dem vom deutschen Besatzer auferlegten „Reichsarbeitsdienst“ zu entziehen. Er überlebte den Krieg und heiratete 1946 in Algerien eine Algerienfranzösin. Jéng wurde 1962 während der Massaker am Ende des Algerienkriegs umgebracht. Die älteste Schwester Susanna (geb. 1914) wanderte mit ihrem Ehemann 1955 nach Kanada aus. Thérèse (geb. 1916) heiratete einen Luxemburger Typografen und ließ sich in Luxemburg-Stadt nieder. Die jüngste Schwester Margot (geb. 1926) heiratete einen französischen Bergarbeiter aus Micheville und zog mit ihm nach Errouville im Département Meurthe-et-Moselle. Die drei Kinder von Marie und Jemp blieben in Esch. Lucien arbeitete im Belvaler Walzwerk und heiratete eine deutsche Frau aus Edingen (bei Echternach). Lisi heiratete einen luxemburgischen Grubenarbeiter und Thérèse, meine Mutter, einen sizilianischen Arbeiter, Salvatore, meinen Vater. Salvatore war im Alter von 14 Jahren aus Sizilien zu seinem Onkel Vito ins lothringische Hayange gezogen, wo er als Laufbursche im Stahlwerk angestellt wurde. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre als Monteur auf verschiedenen Baustellen in Frankreich, Italien und Luxemburg, bis er eine feste Anstellung auf der Hütte Terre Rouge in Esch erhielt und dort eine Weiterbildung zum Schweißer abschloss. Seine Schwester Enza, seine Mutter Peppina und sein Schwager Pippo blieben in Italien, zogen aber von Catania nach Rom, wo Pippo einen Posten als TV-Gebühreneintreiber beim nationalen Fernsehsender RAI erhalten hatte.

Dann erzählten die Studierenden ihre Familiengeschichten.

Flucht vor Krieg

Ernads Eltern stammen beide aus dem ehemaligen Jugoslawien, jedoch nicht aus den gleichen Regionen. Seine Mutter ist 1980 in Novi Pazar geboren, eine Stadt im Süden Serbiens. Sein Vater stammt ursprünglich aus Ponor im Süden Montenegros. Die Familie seines Großvaters väterlicherseits zog in den frühen Siebzigern innerhalb Jugoslawiens um, nach Sarajevo. Der Grund waren bessere Lebensumstände und Berufsperspektiven. So kam es, dass sein Vater 1977 in Sarajevo zur Welt kam. 1992 brach der Bosnienkrieg aus, kurz nach Kriegsbeginn flüchteten die Frauen mit den Kindern, darunter auch sein Vater, nach Slowenien, wo der Krieg bereits zu Ende war. Die männlichen Verwandten blieben noch ein paar Monate in der belagerten Stadt Sarajevo. Als sein Großvater einige Monate nach Kriegsbeginn ebenfalls nach Slowenien flüchtete, packten sie alle ihre Sachen und zogen gemeinsam nach Luxemburg. Sein Großvater hatte nämlich ein paar Jahre vor dem Jugoslawienkrieg als „Gastarbeiter“ in Luxemburg verbracht, ihm gefiel das Land, und die Einreise in Luxemburg war ihm nicht fremd. Ernads Eltern lernten sich 2003 in Sarajevo kennen und heirateten noch im selben Jahr. Seine Mutter verließ somit ebenfalls ihre Heimat Novi Pazar und zog nach Luxemburg, wo die Familie ihres Ehemanns seit fast zehn Jahren lebte. Ernads Vater arbeitete als Busfahrer und lernte in den Jahren etwas Französisch und Luxemburgisch. Ernad kam 2004 in Luxemburg auf die Welt als erstgeborenes Kind von drei Kindern. Seine Mutter widmete sich die ersten Jahre der Erziehungsarbeit. Sie lernte ein bisschen Französisch, was ihr erlaubte, danach eine Stelle als Reinigungskraft im Gemeindedienst zu erhalten. Während sie arbeitete, verbesserte sich ihr Französisch über die Jahre und sie spricht jetzt fließend Französisch.

Edins Eltern kommen beide aus dem ehemaligen Jugoslawien. Seine Großeltern väterlicherseits stammen ursprünglich aus Montenegro, zogen aber aus beruflichen Gründen mehrmals innerhalb Jugoslawiens um, sodass sein Vater 1966 in Skopje (Mazedonien) geboren wurde und später in Sarajevo (Bosnien) aufwuchs. 1969 wurde seine Mutter in einem Dorf nahe Bijelo Polje in Montenegro geboren und wuchs dort auf. Gegen Ende der 1980er Jahre lernten seine Eltern sich kennen, heirateten und wohnten in Sarajevo. Als 1992 der Bosnienkrieg begann, wurde Edins Familie getrennt. Seine Mutter flüchtete mit seiner damals dreijährigen Schwester und seinem wenige Wochen alten Bruder über Kroatien und Slowenien nach Luxemburg, wo bereits Verwandte wohnten. Sein Vater war während des Krieges Soldat in Bosnien und blieb bis 1995 dort. Er konnte nach dem Ende des Krieges nach Luxemburg nachreisen, wodurch die Familie wieder vereint wurde. Seine Eltern leben seitdem in Luxemburg. Seine Mutter ist seit 1995 als Reinigungskraft in einer größeren Firma tätig, während sein Vater anfangs verschiedene Berufe ausübte. Später begann er als Busfahrer zu arbeiten und führt den Beruf bis heute aus. Als das jüngste von fünf Kindern wurde Edin 2004 in Luxemburg geboren.

Vahids beide Eltern sind in Bosnien im ehemaligen Jugoslawien geboren. Beide sind 1993 von dem Krieg in Bosnien nach Kroatien geflohen und von dort aus im selben Jahr sind sie durch das Rote Kreuz nach Luxemburg gekommen. Kennengelernt haben sie sich aber erst in Luxemburg einige Jahre später. Sein Vater hatte bereits eine Ausbildung als Handwerker, die hier in Luxemburg jedoch nicht viel bedeutete. Deshalb arbeitete er zuerst bei der Müllabfuhr, bis er sich hochgearbeitet hat, wo er heute noch ist, in einer Firma, die Autoglas produziert. Er arbeitet dort in der Qualitätsabteilung. Seine Mutter hat in Luxemburg ihre Ausbildung zur Friseurin abgeschlossen. Weitere Familienmitglieder sind in andere Länder, in die Schweiz, nach Dänemark oder auch nach Neuseeland ausgewandert.

Behmens Familiengeschichte in Luxemburg beginnt 1972, als sein Großvater, sein Großonkel und dessen ältester Sohn, die aus Bosnien stammten, aber zeitweise im kroatischen Slawonien lebten und arbeiteten, als „Gastarbeiter“ ins Großherzogtum kamen. Sein Großvater kehrte jedoch kurz darauf nach Jugoslawien zurück und arbeitete als Dachdecker in Slowenien. 1980 wurde Behmens Vater geboren. Kurz darauf sendete die slowenische Firma seinen Großvater nach Frankfurt a. M., wo er als Dachdecker und Behmens Großmutter als Reinigungskraft arbeitete. Sein Vater blieb zuerst in Slowenien bei den Urgroßeltern, ehe die ganze Familie 1989 nach Luxemburg auswanderte. Während des Jugoslawienkrieges kehrten seine Großeltern in ihre Heimat zurück, um Familienmitgliedern bei der Flucht nach Luxemburg zu verhelfen. In Luxemburg zurück kauften sie sich 1998 ein Haus im Zentrum des Landes. Behmens Mutter wurde wie sein Vater 1980 geboren. Sie hatte vier Brüder und zwei Schwestern. Sein Vater lernte seine Mutter im Urlaub in Dalmatien 2002 kennen, als jene im Hotel ihres Onkels arbeitete. Sie stammte aus demselben Dorf Zavidovići in Bosnien wie Behmens Großvater. Während des Krieges verlor seine Mutter drei ihrer Brüder und viele weitere Familienmitglieder, während der Großvater in der bosnischen Armee schwer verletzt wurde. Als junge Frau versuchte sie ihre Familie zu unterstützen mit ihrer Arbeit in Dalmatien. Behmens Eltern heirateten 2003 und lebten fortan mit seinen Großeltern in Luxemburg, bis sie 2008 ihr Eigenheim erwerben konnten.

Liron wurde 2001 in Luxemburg geboren. Seine Eltern waren 1998 aus dem Kosovo nach Luxemburg gekommen, als im Kosovo der Krieg mit Serbien ausbrach. Zu dieser Zeit hatte seine Mutter gerade ihre Schule abgeschlossen, und sein Vater arbeitete bereits. Gemeinsam entschieden sie sich, ihr Heimatland zu verlassen, um in Sicherheit zu leben und eine bessere Zukunft zu finden. Sie reisten alleine nach Luxemburg und blieben dort und erhielten den Asylstatus. Nach fünf Jahren bekamen sie eine langfristige Aufenthaltsberechtigung und konnten sich hier ein neues Leben aufbauen. Ein Teil seiner Familie ist ebenfalls ausgewandert, nach Finnland, Schweden und Amerika, alle aus demselben Grund.

Vom Herzen Portugals nach Luxemburg

Ruis Eltern kommen beide aus einer kleinen Stadt im Zentrum von Portugal, ebenso im Distrito de Viseu, und lernten sich im Gymnasium kennen. Als seine Mutter noch sehr jung war, kam sie einmal nach Luxemburg, um eine ihrer älteren Schwestern, die bereits hier lebte, zu besuchen. Als beide das Gymnasium abgeschlossen hatten, arbeiteten sie ein Jahr lang in ihrer Stadt, bevor die Entscheidung fiel, nach Luxemburg zu emigrieren, um bessere Lebensbedingungen und Löhne zu bekommen. Dies geschah im Jahr 1998. Am Anfang war der Plan, einige Jahre hierzubleiben, um später mit einigen Ersparnissen nach Portugal zurückzukehren. Jedoch entschied sich das Leben anders, sodass beide jetzt schon seit fast 28 Jahren hier leben und sich gut integriert fühlen.

Joãos Vater ist im Alter von 20 Jahren von Portugal nach Luxemburg ausgewandert, während seine Mutter als Kind portugiesischer Einwanderer in Luxemburg geboren wurde. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr lebte sie mit ihren Eltern im Zentrum Luxemburgs, bevor sie dann nach Queluz, in der Nähe der Hauptstadt Lissabon, zu ihrer Tante zog. Mit zwölf Jahren remigrierte sie wieder nach Luxemburg zu ihren Eltern. Im Gegensatz zu seiner Mutter sind ihre drei älteren Geschwister in Portugal geboren, haben den Großteil ihrer Kindheit dort verbracht und sind erst später mit den Eltern nach Luxemburg gekommen. Joãos Vater ist in Braga, im Norden Portugals, geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Als er mit 20 Jahren nach Luxemburg kam, lebte Joãos Vater in einem Café und arbeitete als Forstwirt. Nach zwei Jahren in Luxemburg lernte er über eine Freundin Joãos Mutter kennen, die als Friseurin arbeitete. Als seine Eltern heirateten, hatte der Vater mittlerweile eine Stelle bei Goodyear, in dem Unternehmen, wo er heute noch arbeitet. Der Großvater väterlicherseits schaut auf eine noch komplexere Migrationsgeschichte zurück: Auswanderung von Portugal nach Brasilien, dann in die USA und Remigration nach Portugal.

Franciscos Eltern stammen aus Portugal, aus dem bereits erwähnten Distrito de Viseu. Dort ist auch er geboren und hat die ersten sieben Jahre seines Lebens in der kleinen Gemeinde Carregal do Sal verbracht. Seine Eltern wuchsen in ländlichen Gegenden auf und wurden dementsprechend von einfachen, aber bodenständigen Werten geprägt. Sie lernten sich im Jahr 1996 kennen und zogen später gemeinsam nach Carregal do Sal. Im Jahr 2002 heirateten sie, und ein Jahr später, 2003, wurde Francisco geboren. Mitte 2009 verließ sein Vater Portugal auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen für seine kleine dreiköpfige Familie. Es war kein leichter Schritt, doch er tat es mit dem Ziel, ihnen eine stabilere Zukunft zu ermöglichen. Im Februar 2011 folgten seine Mutter und Francisco ihm schließlich. In der Zwischenzeit hatte er sich über eineinhalb Jahre hinweg eine Grundlage aufgebaut, um ihnen eine sichere Ankunft und ein neues Zuhause zu ermöglichen.

Von Yaoundé nach Belval

Maries Eltern lebten beide in Kamerun und gehörten zum Volk der Bassa. Ihr Vater starb 2015 und ihre Mutter 2024, beide nach langer Krankheit. Die Familie ihres Vaters stammte aus Pouma und die ihrer Mutter aus Eseka. Ihr Vater wurde 1967 in Yaoundé geboren und verbrachte dort seine gesamte Kindheit. Er bekam eine Stelle in Maroua als Lagerleiter und kehrte nach der Schließung dieses Unternehmens nach Yaoundé zurück, wo er eine Anstellung bei der CNPS („Caisse nationale de prévoyance sociale“) fand. Ihre Mutter wurde 1968 in Yaoundé geboren, wo sie ihre gesamte Kindheit verbrachte. Um 1985 lernten sich ihre Eltern kennen, heirateten im folgenden Jahr und lebten gemeinsam in Yaoundé. Marie ist die Jüngste von fünf Kindern. Die drei Töchter wanderten nach Luxemburg aus. Ihre ältere Schwester zog 2016 als Erste nach Luxemburg, zu ihrem Mann, einem Luxemburger, ihre jüngere Schwester kam 2019. Und Marie erhielt eine Zulassung an der Universität Luxemburg für den „Bachelor en Cultures européennes“. Ihre beiden Brüder sind in Kamerun geblieben.

Luxemburger mit internationalen Wurzeln

Hugo ist Luxemburger, auch wenn er den Nachnamen Braconnier trägt, der aus dem französischen und belgischen Sprachraum stammt und „Wilderer“ bedeutet. Die Geschichte seiner Familie ist von verschiedenen internationalen Einflüssen geprägt. Mütterlicherseits war sein Urgroßvater bereits Luxemburger. Während des Krieges entzog er sich der im August 1942 vom deutschen Besatzer dekretierten Rekrutierung in die deutsche Wehrmacht und schloss sich als Refraktär einer Resistenzgruppe im Raum Differdingen an. Nach dem Krieg heiratete er eine Luxemburgerin deutscher Herkunft. Väterlicherseits war sein Urgroßvater US-Amerikaner. Er half als Soldat bei der Befreiung, heiratete eine Luxemburgerin und gründete hier mit ihr eine Familie. Ihre Tochter, Hugos Großmutter, heiratete später Fernand Braconnier, dessen Familienname er heute trägt. Seitdem ist seine ganze Familie in Luxemburg geblieben.

Alains Großmutter väterlicherseits ist Italienerin und stammt aus der Stadt Lecce in Süditalien. Sie zog jedoch schon recht jung nach Brüssel in Belgien, wo sie seinen Großvater, der aus dieser Stadt stammte, in der Bank kennenlernte, in der beide arbeiteten. Später ließen sie sich nach der Verlegung ihrer Bank in Luxemburg nieder. Sein Vater wurde also in Luxemburg geboren. Er studierte zunächst in Belgien, dann in den Vereinigten Staaten, bevor er nach Luxemburg zurückkehrte. Seine Mutter stammt aus der Stadt Częstochowa in Polen. Sie lebte dort mehrere Jahre und wurde Tänzerin, was ihr die Möglichkeit bot, in verschiedene Länder zu reisen, darunter auch nach Japan. Sie lernte Alains Vater in Częstochowa kennen, als dieser dort auf Geschäftsreise war. Anschließend begleitete sie ihn nach Luxemburg, um sich dort niederzulassen, und sie heirateten und gründeten eine Familie.

Diese Familiengeschichten sind Beispiele aus der historischen Realität Luxemburgs der letzten 100 Jahre. Sie stehen stellvertretend für Hunderttausende einzelner Migrations- und Integrationsschicksale von Menschen verschiedenster Nationalitäten, die das Großherzogtum seit der Industrialisierung prägen. Jeder von uns könnte aus seiner Familie solche Beispiele von Binnenwanderung, Auswanderung, Einwanderung, Wanderung aus dem oder ins nahe Grenzgebiet erzählen. Diese Beispiele zeigen, wie wenig die Begriffe aus unserer Alltagssprache – wie „Luxemburger“, „Italiener“, „Portugiese“, „Bosnier“, „Kosovar“ – über die Entwicklung von Familien über mehrere Generationen hinweg im von Migration und Diversität geprägten Luxemburg aussagen.

Schlüsse über Migration und Integration

Ferner ermöglichen diese Beispiele interessante Schlüsse über Migration und Integration damals, heute und morgen, die ich im Hinblick auf die Entwicklung Luxemburgs im 21. Jahrhundert in sieben Punkten zusammenfassen möchte.

1. Migration bedeutet nicht nur die Einwanderung aus einem anderen Land nach Luxemburg, sondern auch die Binnenmigration innerhalb Luxemburgs, die Auswanderung aus Luxemburg in ein anderes Land, die Ab- oder Zuwanderung in oder aus benachbarten Grenzgebieten, dies kann auch zirkuläre Migration, Remigration, Migration über kürzere oder längere Distanzen, Migration in Etappen, usw. umfassen. Im 19. Jahrhundert war Luxemburg vor allem ein Auswanderungsland, zwischen den 1890er und den 1950er Jahren ein Auswanderungs- und Einwanderungsland und seit den 1960er Jahren vor allem ein Einwanderungsland.

2. Die Hauptgründe, warum Menschen nach Luxemburg kommen und ein Teil von ihnen sich dauerhaft hier niederlässt, sind einerseits, dass ihre Kompetenzen aus wirtschaftlichen Gründen gefragt sind: im 19. und 20. Jahrhundert vor allem in der Industrie, im Bausektor und in der Landwirtschaft, im 21. Jahrhundert vor allem in der Industrie, im Finanz-, Versicherungs-, Dienstleistungsbereich, im Gesundheitswesen, in der Wissenschaft, bei europäischen Institutionen, aber auch weiterhin in Niedriglohnbereichen wie der Baubranche, dem Reinigungssektor und der Gastronomie. Andererseits erhoffen sich die Menschen hier eine Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie der Zukunftschancen ihrer Familien. Im 20. und 21. Jahrhundert kam als weiterer Hauptgrund die Flucht vor Verfolgung und Krieg hinzu.

3. Organisiert wird die Migration vor allem über die Vermittlung von Familien und Freunden. Sie erfolgt nur marginal über eine gesteuerte Rekrutierung seitens der Unternehmen oder des Staates. Trotz restriktiver Migrationspolitiken, wie sie in Luxemburg zum Beispiel vor und nach dem Zweiten Weltkrieg existierten, war, ist und bleibt Migration ein kontinuierlicher Prozess, der die Luxemburger Wirtschaft und Gesellschaft prägte und auch weiterhin prägen wird, wenngleich sie sich in Krisenzeiten verlangsamt.

4. In der ersten Generation bleiben die Menschen – meist innerhalb ihrer regionalen oder nationalen Gruppen – weitgehend „unter sich“. Sie leben in „ihren“ Wohnvierteln, Vereinen und Cafés. In einem für sie unbekannten Umfeld suchen sie diese Geborgenheits- und Schutzfunktion der eigenen Gemeinschaft. Ihre Kinder und Enkelkinder fügen sich hingegen nicht nur in andere Zweige von Wirtschaft und Arbeitsmarkt ein, sondern auch in weitere Kerninstitutionen der Luxemburger Gesellschaft, die sie aktiv mitgestalten. Dazu gehören Bildungs- und Qualifikationssysteme, Sprachen, politische Institutionen, Vereine und soziale Kommunikationsnetze.

5. Dank einer langfristig positiven wirtschaftlichen Entwicklung Luxemburgs seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, welche u.a. durch eine starke Immigration ermöglicht wurde, konnte sowohl eine progressive Angleichung der materiellen Lebenslagen wie eine kulturelle und soziale Annäherung zwischen Einheimischen und Migranten, mit anderen Worten Integration erreicht werden. Durch die gegenseitigen Einflüsse haben sich Identität und Kultur des Landes gewandelt, eine neue luxemburgische Gesellschaft hat sich nach und nach entwickelt.

6. Seit den 1980er Jahren führen Luxemburger Politikerinnen und Politiker, vor dem Hintergrund der freien Zirkulation von EU-Bürgern und der Entwicklung Luxemburgs zum internationalen Finanzplatz, einen ausländerfreundlichen Diskurs, der den wesentlichen Beitrag der Migranten zum Wandel der luxemburgischen Wirtschaft, Demografie, Gesellschaft und Kultur unterstreicht.

7. In Krisenzeiten und (Vor-)Wahlperioden weicht dieser Diskurs jedoch populistischen Reden, in denen die vermeintlichen oder reellen Gegensätze zwischen Etablierten und Außenseitern, zwischen stärker integrierten, seit langem in Luxemburg lebenden Gruppen und sozial schwächeren oder weniger integrierten Neuankömmlingen ausgenutzt werden, um Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen. Aktuelle Beispiele: die populistischen Aussagen von Familienminister Max Hahn (DP) zu Flüchtlingen und die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Bettlern, unter dem Vorwand der Bekämpfung von Menschenhandel, durch Innenminister Léon Gloden (CSV).

Solche Politiker haben diese Gegensätze aus elektoralen Gründen die letzten 100 Jahre ausgeschlachtet und werden auch weiterhin versuchen, das zu tun. Die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind bis jetzt nicht auf diese populistischen Manöver hereingefallen. Sie wissen, dass wir die Zukunft Luxemburgs – einer Gesellschaft, die sich rapide und permanent verändert – nur gemeinsam planen und gestalten können, u.a. indem wir Migration und Integration als historische und bleibende Realitäten des Landes erkennen und verstehen lernen.

* Die Vornamen der Studierenden wurden geändert.

Festival des Migrations in Luxemburg mit Menschenmengen, kulturellen Darbietungen und Feier der Vielfalt und Bürgerrechte

Das „Festival des migrations, des cultures et de la citoyenneté“ bringt jedes Jahr tausende Besucher in Luxemburg zusammen Foto: Editpress-Archiv/Alain Rischard

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