Eine neue soziale Frage

Künstliche Intelligenz stellt den Arbeitsmarkt auf die Probe

KI wird den luxemburgischen Arbeitsmarkt grundlegend verändern. Aufgrund ihrer Berufe besonders gefährdet: Frauen, junge Menschen und Menschen mit niedrigen Qualifikationen. Eine soziale Herausforderung, bei der die Regierung eine Vision vermissen lässt.

Arbeitnehmer mit Leine symbolisch gefesselt, Kölner Karneval thematisiert KI-Auswirkungen auf Arbeitswelt

Arbeitnehmer an der Leine: Auch der Kölner Karneval sorgt sich um die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Neun von zehn Arbeitsplätzen werden sich durch KI verändern, zwischen einem und zwei von zehn Arbeitsplätzen könnten gar ganz verschwinden – sie gelten als potenziell automatisierbar. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie über die Auswirkungen von KI auf den luxemburgischen Arbeitsmarkt, die Statec Ende 2025 im Rahmen seines aktuellen Konjunkturberichts veröffentlicht hat.

Besonders interessant jedoch ist, dass diese Studie für das Großherzogtum bestätigt, was andere internationale Untersuchungen ebenfalls nahelegen. Die Auswirkungen von KI treffen nicht alle Beschäftigten gleichermaßen, die Risiken sind ungleich verteilt. Laut Statec besonders von der Automatisierung ihrer Berufe bedroht sind Frauen, junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens und Menschen mit niedrigen oder mittleren Qualifikationen. Was sich hier statistisch bestätigt: Gesellschaftliche Transformationsprozesse treffen die verletzlichsten Gruppen zuerst und am stärksten. Die Frage nach KI und ihren Auswirkungen ist längst zu einer neuen sozialen Frage geworden – mit Parallelen zur Industrialisierung. Eine Frage, auf die die Regierung hierzulande noch keine richtige Antwort zu haben scheint.

Bernard fordert Antizipation statt Reaktion

Am Mittwochnachmittag richtete sich die Grünen-Abgeordnete Djuna Bernard mit mehreren Fragen an Arbeitsminister Marc Spautz (CSV) – ausgehend von den Erkenntnissen der Statec-Studie. Bernard wollte vor allem wissen, mit welchen gezielten Maßnahmen die Regierung besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen begleiten und vor dem Abrutschen in die Armut schützen wolle. „Wat mir hei gesinn, ass net nëmmen eng wirtschaftlech, mee virun allem eng sozial Erausfuerderung“, so die Grünen-Politikerin.

Von der Antwort des Arbeitsministers zeigte sich Bernard jedoch enttäuscht. Spautz zählte zunächst verschiedene, bereits bestehende Maßnahmen auf, er verwies auf die nationale Skill-Strategie und das kürzlich von ihm und Wirtschaftsminister Lex Delles (DP) lancierte Programm zur „Talent Attraction“, der Bewältigung des Fachkräftemangels. Es gehe darum, die „Kompetenz der Leute systematisch an die Realität anzupassen“, so Spautz. Zwar machte der Minister in seiner Antwort deutlich, dass der Mensch im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen müsse („Eine KI-Strategie muss eine Strategie für den Menschen sein“), ließ aber größere Visionen vermissen. Stattdessen erklärte er, mehr in bessere Datenanalysen des Arbeitsmarkts investieren zu wollen, um Kompetenzlücken schneller identifizieren und bessere Weiterbildungen anbieten zu können.

Dass Spautz jedoch gerade in diesem Kontext auf „Talent Attraction“ und das Anziehen von hochqualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland verweist, ist etwas heikel. Besagt doch einer der Befunde der Statec-Studie, dass Luxemburger stärker von Automatisierung gefährdet sind als ausländische Arbeitskräfte, weil sie häufiger in administrativen Jobs arbeiten.

Djuna Bernard hatte sich an diesem Mittwoch mehr erhofft. „Wir brauchen eine klare proaktive Strategie, die auf Antizipation und Prävention setzt, anstatt den Entwicklungen hinterherzulaufen“, sagt sie gegenüber dem Tageblatt. Für die Grünen-Politikerin hat das Thema genügend gesellschaftliche Brisanz und Relevanz, um im Dialog mit den Sozialpartnern diskutiert zu werden. „Die Tripartite ist nicht nur ein Kriseninstrument“, sagt Bernard. KI betreffe alle, Gewerkschaften wie Arbeitgeber. Der Arbeitsminister äußerte sich zu ihrem Vorschlag nicht, betonte aber die dauerhaften Anpassungsprozesse, die bei diesem Thema nötig seien. „Das ist kein Punkt, der irgendwann zum Schluss kommt“, so Spautz.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Eine neue soziale Frage

Künstliche Intelligenz stellt den Arbeitsmarkt auf die Probe