Parteikongress von „Déi gréng“
Jedes Windrad ist ein Symbol der Unabhängigkeit
„déi gréng“ präsentieren sich auf ihrem Parteikongress optimistisch, kämpferisch und links. Die steigenden Energiepreise aufgrund des Iran-Krieges könnten ihnen dabei tatsächlich gesellschaftlichen Aufschwung verschaffen.
Führten durch den Kongress: die beiden Parteipräsidenten François Benoy (l.) und Stéphanie Empain, seit einem Jahr im Amt Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Am Anfang steht ein Zweifel auf der Bühne. Oder genauer: Frank Thillen, grüner Gemeinderat von Diekirch, der sich und den vor ihm versammelten Parteikongress fragt: „Wie soll man als grün gesinnter Mensch heute nicht verzweifeln?“ 162 Grüne haben an diesem Samstagmorgen den Weg in die „Al Seeërei“ in der Nordgemeinde gefunden. Und auch ein Christsozialer steht in der Morgensonne des Kulturzentrums: Charel Weiler, Chamber-Abgeordneter und Bürgermeister von Diekirch, schaut zu Beginn des grünen Parteikongresses kurz auf einen freundschaftlichen Besuch beim politischen Gegner vorbei.
Man darf sich von Thillens Verzweiflung jedoch nicht in die falsche Richtung führen lassen. „déi gréng“ sind im März 2026 alles andere als eine verzweifelte Partei. Und dieser Parteikongress war alles andere als eine niedergeschlagene Veranstaltung. Ja, die Wahl 2023 war heftig, und ja, grüne Herzensthemen wie Klima- und Umweltpolitik stehen nicht mehr ganz oben auf der gesellschaftlichen Agenda. Aber wenn man im Vorfeld dieses Kongresses mit grünen Politikern sprach, dann entstand ein ganz anderes Bild, das sich nun auch mit der gefühlten Stimmung auf dem Parteikongress deckt: Die Partei hat die herbe Wahlniederlage längst verkraftet, man blickt wieder in die Zukunft. Und die könnte tatsächlich eine neue grüne Welle bereithalten.
Erfolgsgeschichten aus dem Ausland
Der Iran-Krieg treibt gerade den Ölpreis nach oben, die Spritpreise steigen. Europa wird einmal mehr an einer seiner empfindlichsten Stellen getroffen: der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Und schon ist ein grünes Herzensthema wieder in aller Munde. Weshalb gleich mehrere Redner an diesem Samstag in dieselbe Kerbe schlagen. Die aktuelle Situation müsse selbst den Letzten zu verstehen geben, dass wir uns aus der Abhängigkeit von fossilen Energien befreien müssen, sagt Parteipräsidentin Stéphanie Empain. „Europa muss endlich energieunabhängig werden“, sagt auch Maxime Pantaleoni. Jedes Windrad trage dazu bei, so der neue Sprecher der Jugendorganisation „déi jonk gréng“. Chamber-Fraktionschefin Sam Tanson bringt es später auf die Formel: „Klimapolitik ist Sicherheitspolitik“.
Auch die Chamber-Abgeordneten sind in Diekirch dabei Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Überhaupt geht es an diesem Tag aktualitätsgeschuldet wieder viel um Krieg. Weniger um die Ukraine, wie noch im vergangenen Jahr, vielmehr um den Iran und die Situation im Nahen Osten. So sehr sie den Menschen im Iran Frieden und Sicherheit wünsche, sagt Empain, müsse man doch feststellen, dass das internationale Recht mit Füßen getreten werde. „Man hätte von Europa eine stärkere diplomatische Rolle erwarten können und von unserer Regierung klarere Worte“, so die Parteipräsidentin. „Außenpolitik ist mehr als Krisenmanagement.“
Der Aufschwung, er ist spürbar unter den grünen Mitgliedern in Diekirch. Oder man versucht zumindest, ihn sich herbeizuspüren. Die Abkehr vom Abwärtskurs. „déi gréng“ stünden nicht alleine da, sagen sowohl Parteipräsident François Benoy als auch die Europa-Abgeordnete Tilly Metz. Sie bemühen internationale Vergleiche: den steilen Aufstieg der Grünen in Großbritannien, in einem System, das eigentlich traditionell immer nur zwei Parteien vorsah. Den linken Bürgermeister Zohran Mamdani in New York, der seine Wahl auch mit grünen Themen gewonnen hat. Und nicht zuletzt das Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir gerade mit seinem Konkurrenten um das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten liefert. Metz ist sich sicher: „Wir sind da, um zu bleiben, auch wenn mal ein rauer Wind weht.“
Tax the rich!
Stéphanie Empain
Parteipräsidentin „déi gréng“
Die konkreten politischen Inhalte, die die Partei im Rahmen dieses Kongresses präsentiert, reichen von klassisch grün bis ganz schön links. „Wir müssen aufhören, die Wirtschaft gegen die Umwelt auszuspielen“, sagt Benoy. Denn von Natur- und Umweltschutz profitierten auch Betriebe. Tanson fordert eine Erhöhung der Mindestrente und des Mindestlohns, begleitet von Hilfsmaßnahmen für kleinere Betriebe. Gleichzeitig soll es den „Superreichen“ stärker an die Geldbeutel gehen. „Das ist keine Neiddebatte, sondern eine Frage der Gerechtigkeit“, sagt Empain. Deshalb fordert die Präsidentin: „Tax the rich!“ Tanson wird später sagen: „Steuern müssen ein Verteilungsinstrument sein.“
Die Fraktionschefin hält an diesem Samstag eine kämpferische Rede, die schon als halber Wahlkampfauftritt durchgehen könnte. In fünf Punkten zerlegt Tanson die aktuelle Politik der Regierung. Von den Versäumnissen im Bereich Wohnungsbau („Das Mittel zur Armutsbekämpfung schlechthin!“) bis zu Gilles Roths Tabakabhängigkeit in der Steuerpolitik.
Parteiinternes Diskussionspotenzial gibt es nur beim Thema Social-Media-Verbot. Hier gehen die Positionen zwischen Fraktion, Jugendorganisation und einigen Mitgliedern auseinander. „Wir Grünen kennen den Hass, den Algorithmen produzieren, ja am besten“, sagt Claude Feltgen von der Regionalsektion „Nordstad“. „Ein Social-Media-Verbot für Jugendliche ist jedoch falsch.“ Feltgen erinnert an die Möglichkeiten des Austauschs auch über LGBTQI-Themen und gibt zu Bedenken, dass ohne Social Media „Fridays for Future“ wohl nie existiert hätte. „Außerdem sind wir ja keine Verbotspartei, oder?“ Die Chamber-Abgeordnete Djuna Bernard reagiert spontan auf Feltgens Beitrag. Man sei sich einig, dass es eine EU-Regulierung der Plattformen brauche – und zwar für alle Altersgruppen. „Wir haben gegenüber den Jungen aber eine spezielle Schutzverantwortung“, so Bernard.
Vier Fragen an Maxime Pantaleoni und Jasmine Winandy („déi jonk gréng“)
Maxime Pantaleoni (l.) und Jasmine Winandy sind seit knapp zwei Wochen die neuen Sprecher von „déi jonk gréng“ Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Was sind eure Prioritäten als neue Sprecher?
Jasmine Winandy: Die Themen, die ich im nächsten Jahr weiterbringen möchte, sind Feminismus, mentale Gesundheit und Umweltschutz.
Maxime Pantaleoni: Bei mir ist es der Arbeitsmarkt, der immer schwieriger wird für die jungen Leute, und der Wohnungsbau.
Was muss eure Mutterpartei besser machen?
M.P.: Was die Mutterpartei nach den Wahlen gelernt hat, ist, dass wir nicht die breite Masse ansprechen müssen, sondern dass wir uns auf unsere Kernwähler konzentrieren sollten und die Themen, die uns wichtig sind. Und dann auch dafür einzustehen.
Wie sieht es beim Thema Social-Media-Verbot aus?
J.W.: Das Ziel, das wir verfolgen, ist das gleiche, aber in der Umsetzung streiten wir uns.
M.P.: Social-Media-Verbot klingt erst mal gut, aber wir Jungen, die mit Social Media aufgewachsen sind, wissen, dass ein Verbot nicht einfach durchzusetzen sein wird. Wir jungen Leute sind sehr affin, was zum Beispiel VPNs angeht. Wenn wir wollen, finden wir einen Weg darum. Deshalb genügt ein Verbot nicht.
Mit Blick auf die Wahl 2028: Wie kann man junge Menschen wieder mobilisieren, grün zu wählen?
M.P.: Wir müssen die Themen angehen, die junge Menschen im Alltag erleben. Etwa die Schwierigkeit, nach der Schule oder dem Studium einen Job zu finden. Oder beim Wohnungsbau: Da setzt die Regierung die Investitionen runter. Das ist genau das, was die jungen Leute nicht brauchen.
J.W.: Ich hab kürzlich eine Statistik gesehen: Was sind die wichtigsten Dinge, über die du dir Sorgen machst? Da war neben Wohnungs- und Arbeitsmarkt der Klimawandel noch immer recht hoch. Das ist definitiv ein Thema, das die Jungen auch beschäftigt. Wenn wir den Fokus auf diese Punkte legen, können sie sich repräsentiert fühlen.