Zum Tod von Robert Mertzig

„Ich war (und bin) ein 68er“

Vergangene Woche ist Robert Mertzig im Alter von 79 Jahren in seiner Wohnung in Esch/Alzette gestorben. Der ewige 68er und Mitbegründer der trotzkistischen „Ligue communiste révolutionnaire“ wird voraussichtlich Mitte September auf dem Escher „Bëschkierfecht“ beigesetzt.

In einem Online-Archiv sollen Robert Mertzigs Texte künftig öffentlich zugänglich sein

In einem Online-Archiv sollen Robert Mertzigs Texte künftig öffentlich zugänglich sein Foto: privat

„Au Luxembourg le racisme rance, rampant, servile, est quotidien, à propos des Portugais, des frontaliers, des Arabes et des noirs, contre tout ce qui est ‚étranger‘ ou ‚autre‘. Pour s’en imprégner il suffit de ne pas se boucher les oreilles dans n’importe quel lieu public – ou de consulter certains forums sur la toile. On aurait pu espérer qu’il y ait autant d’articles d’analyses et de dénonciations de ce racisme banalisé, souterrain, que ceux écrits sur et contre la religion et le cléricalisme. Il n’en est rien. C’est dans cette atmosphère que s’insère le parti ADR“, schrieb Robert Mertzig im Juli 2014 in einem Forum-Beitrag im Tageblatt. Seit 2005 analysierte er die internationale und nationale Aktualität aus marxistisch-revolutionärer Perspektive in scharfsinnigen Meinungsbeiträgen im Tageblatt, in dessen Kulturbeilage Kulturissimo und manchmal auch in der Woxx, warnte schon früh vor dem Aufstieg der extremen Rechten und hielt der „neoreformistischen“ Linken und der Sozialdemokratie schonungslos den Spiegel vor. Nachdem er 2018 eigenen Aussagen zufolge aus dem Tageblatt „verbannt“ worden war, veröffentlichte er seine Analysen in den letzten Jahren nur noch auf Facebook. Vergangene Woche ist Robert Mertzig im Alter von 79 Jahren in seiner Wohnung in Esch/Alzette gestorben, wahrscheinlich an den Folgen der Sommerhitze, wie sein Freund und langjähriger Weggefährte Justin Turpel diese Woche mitteilte.

Vierte Internationale

Robert Mertzig entstammte dem Bildungsbürgertum, sein Vater war Orchesterpianist und Komponist, seine Mutter Lehrerin. Seine „Première“ absolvierte er an der „Ecole européenne“ in Luxemburg, danach studierte er Soziologie und Geschichte an der ULB in Brüssel und Vergleichende Literatur an der Sorbonne in Paris. Dort nahm er Ende der 1960er Jahre an den Studenten- und Arbeiterdemonstrationen teil und kam in Frankreich mit dem Marxisten Ernest Mandel in Kontakt, der „zu meinem wichtigsten Mentor wurde“, wie Mertzig in einer selbst verfassten Kurzbiografie schrieb. 1971 wurde er Mitglied der Vierten Internationale und in deren Führung gewählt.

In Luxemburg war er an der Gründung der trotzkistischen „Ligue communiste révolutionnaire“ beteiligt, der luxemburgischen Sektion der Vierten Internationale, die sich innerhalb der Studentenorganisation UNEL von der maoistischen „Gauche socialiste et révolutionnaire“ und anderen kommunistischen Gruppierungen abgrenzte. Die LCR veröffentlichte eigene Zeitungen wie „Klassenkampf“ und später (als RSP) „Sozialistesch Aktioun“, Mertzig war ihr „Cheftheoretiker“, wie die Woxx ihn 2009 bezeichnete. 1974 stellte sie erstmals Listen zu den Kammerwahlen auf, 1979 und 1984 erneut, 1981 beteiligte sie sich an den Kommunalwahlen in Esch/Alzette und Luxemburg-Stadt, 1982 und 1986 an der Europawahl. Sie kam nie über 0,5 Prozent der Stimmen hinaus.

Mitte der 1980er Jahre benannte sie sich in „Revolutionär Sozialistesch Partei“ (RSP) um, trat 1993 noch ein Mal zu den Gemeindewahlen in Esch an, wo die Trotzkisten am tiefsten verwurzelt waren, bevor sie in der linken Sammelbewegung „Nei Lénk“ aufging. Auf deren Liste kandidierte Robert Mertzig 1999, bevor er sich (wie andere seiner Weggefährten) von der aus der Bewegung entstandenen Partei „déi Lénk“ distanzierte, die er bis zuletzt kritisch, kompromisslos und manchmal vielleicht auch etwas verbittert begleitete. „Ich war (und bin) ein 68er“, schrieb Mertzig über sich selbst, alle wichtigen und „grundlegenden“ Erfahrungen seines politischen Denkens und seiner politischen Orientierung seien zu der Zeit entstanden.

Der Einfluss von LCR und RSP war und ist noch vor allem im außerparlamentarischen Bereich sichtbar – konkret im Escher „Schluechthaus“ – der Kulturfabrik –, in den Illustrationen, Installationen und Bildern von Claude Fontaine, Bert Theis und Marc-Henri Reckinger, in den Texten von Autoren wie Jean Portante, Ronald Pierre und eben Robert Mertzig, dessen publizistische Tätigkeit Mitte der 1960er Jahre mit gesellschaftskritischer Lyrik begann, die er damals auch in der Tageblatt-Kulturbeilage „Le Phare“ veröffentlichte. Mertzigs Gesamtwerk soll künftig in einem Online-Archiv öffentlich zugänglich gemacht werden. Eine Abschiedsfeier findet in der zweiten Septemberhälfte auf dem Escher „Bëschkierfecht“ auf dem Galgenberg statt.

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