Holocaust
Einfache Fahrkarte in den Tod: Die ersten Opfer der Shoah aus Luxemburg
Am Holocaust Remembrance Day 2026 gedenken wir besonders der ersten Opfer der Shoah aus Luxemburg und ihrer grausamen Ermordung.
Jüdische NS-Opfer werden aus dem Ghetto Litzmannstadt in das Vernichtungslager Chelmno transportiert. Am Bahnhof Kolo werden sie aus einem geschlossenen Personenzug in einen Zug mit offenen Waggons umgeladen. Copyright: USHMM, courtesy of Sidney Harcsztark
In diesem Beitrag werden wir uns mit dem Schicksal der am 17. Oktober 1941 aus Luxemburg deportierten Juden beschäftigen, von denen die meisten Opfer der ersten industrialisierten Methode des Massenmords durch die Nazis im besetzten Polen wurden. Wir werden auch auf den Mann eingehen, der diese grausame Tötungsmethode konzipiert hat.
Die erste Deportation aus Luxemburg
Am 17. Oktober 2025 jährte sich die erste Deportation aus dem besetzten Luxemburg. Es handelte sich um 513 jüdische Menschen, 323 Einwohner Luxemburgs sowie 190 Einwohner aus dem Raum Trier, die zwecks „Evakuierung nach dem Osten“ zunächst nach Luxemburg gebracht wurden.
Der Sonderzug der Reichsbahn Luxemburg-Litzmannstadt mit der Bezeichnung Da 3 verließ am 17. Oktober 1941 gegen 1 Uhr morgens den Hauptbahnhof in Richtung Ghetto Litzmannstadt im besetzten Polen. Litzmannstadt war der deutsche Name für die Stadt Lodz. Die „Passagiere“ mussten eine einfache Fahrkarte kaufen, die wahrscheinlich etwa 24 Reichsmark kostete, da der Preis für solche Transporte mit 2 Pfennig pro Kilometer berechnet wurde.
Von den 513 Personen – darunter zahlreiche Familien mit Kindern – überlebten nur 14, 12 aus Luxemburg und 2 aus Trier.
Seit 2019 organisiert das Comité Auschwitz im Rahmen der deutsch-luxemburgischen Initiative „Grenzenlos Gedenken“ am oder um den 16. Oktober eine Veranstaltung am Hauptbahnhof zum Gedenken an die Deportierten in das Ghetto Litzmannstadt. Auch in 2025 versammelten sich am 16. Oktober Angehörige von Deportierten und mehrere Schulklassen vor der Gedenktafel in der Glashalle des Bahnhofs. Die Schüler trugen Biografien von Deportierten vor.

Der älteste Überlebende der Shoah in Luxemburg, Gaston Herz, ergreift bei der Gedenkfeier am 16. Oktober 2025 am Hauptbahnhof das Wort. Er spricht über seine Familie aus Medernach und die kleine jüdische Gemeinde, die dort lebte und von den Nazis vollständig ausgelöscht wurde. Copyright: CFL
Am Ende ergriff der älteste Shoah-Überlebende Luxemburgs, Herr Gaston Herz, dessen Familie aus Medernach stammte, das Wort (s. Bild). Der 97-Jährige verlor 17 Familienmitglieder in der Shoah. Er überlebte den Völkermord nur, weil er sich versteckte, als seine Eltern und sein 17-jähriger Bruder Roger am 18. Juli 1942 von der französischen Polizei in ihrem Evakuierungsort Serécourt (Vogesen) verhaftet wurden. Sie wurden in das Übergangslager Drancy gebracht und von dort am 23. Juli 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Mehrere Onkel, Tanten und Cousinen von Gaston Herz befanden sich im Transport Luxemburg-Litzmannstadt und wurden mit großer Wahrscheinlichkeit in Chelmno in einem sogenannten Gaswagen ermordet.
Gaswagen zur Entlastung der Schießkommandos?
Die meisten nach Litzmannstadt deportierten Personen sind im ersten deutschen industriellen Vernichtungslager im Dorf Chelmno nad Nerem (dt. Kulmhof) in speziell hergerichteten Lieferwagen durch Auspuffgase ermordet worden. Chelmno befindet sich etwa 70 km von Lodz entfernt. Hier wurde vor zwei Jahren eine Gedenktafel für die mehreren Hundert Ermordeten aus Luxemburg und dem Raum Trier enthüllt (s. Bild).
Die Ermordungen in umgebauten Lastwagen war im Rahmen der Judenvernichtung ein Zwischenschritt auf dem Weg zu den großen Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek, wo die Menschen in Gaskammern ermordet wurden. Diese Vernichtungsmethode sollte offiziell auch dazu dienen, die Männer der Erschießungskommandos zu entlasten, die seit dem Einmarsch Nazi-Deutschlands in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 in „Einsatzgruppen“ von Stadt zu Stadt fuhren, um systematisch Juden zu erschießen. Historiker, die auf diesem Gebiet forschen, insbesondere diejenigen der Organisation Yahad-In Unum des französischen Priesters Patrick Desbois, schätzen die Zahl der Opfer der „Shoah par balles“ heute auf etwa 2,2 Millionen.
Die Idee, Lastwagen vom Typ Kastenwagen so umzugestalten, dass Menschen durch die Einführung von Auspuffgasen gruppenweise getötet werden konnten, stammte von SS-Obersturmbannführer Walther Rauff (1906-1984; s. Bild). Rauff war einer der Hauptverantwortlichen für die Massenvernichtung der Juden im Osten. Als Gruppenleiter der Abteilung II D (Technische Angelegenheiten) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war Rauff nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion für die Ausrüstung der „Einsatzgruppen“ mit Munition, Motorrädern und anderem Fahrmaterial zuständig.

Am 31. Oktober 2023 wurde auf Initiative von MemoShoah im Waldlager Chelmno (dt. Kulmhof) eine Gedenktafel enthüllt Copyright: Vincent Artuso
Nach dem Krieg wurde Rauff während eines Verhörs in seinem chilenischen Exil zu den Gaswagen befragt. Er erklärte: „Ob ich damals Bedenken gegen den Einsatz der Gaswagen hatte, kann ich nicht sagen. Für mich stand damals im Vordergrund, dass die Erschießungen für die Männer, die damit befasst waren, eine erhebliche Belastung darstellten und dass diese Belastung durch den Einsatz von Gaswagen entfiel.“1) Er vergaß zu erwähnen, dass, während die Gaswagen und sogar die Gaskammern in den Vernichtungslagern bereits im Einsatz waren, die Massenerschießungen von Juden weitergingen. Allein das Reserve-Polizeibataillon 101, in dem 14 Luxemburger dienten, war im Zeitraum vom 13. Juli 1942 bis 4. November 1943 an der Erschießung von rund 40.000 Jüdinnen und Juden im Distrikt Lublin im besetzten Polen beteiligt.2)
50 Menschen in acht Minuten getötet
Probevergasungen wurden an sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen durchgeführt. Diese ergaben, dass 50 Menschen in nur acht Minuten auf einmal getötet werden konnten. Daraufhin wurde der Bau weiterer Modelle entschieden. Von den ersten fünf Gaswagen kamen im Spätherbst 1941 zwei in Riga in Lettland, einer in Simferopol auf der Krim und zwei in Chelmno zum Einsatz. Nach den erfolgversprechenden Ergebnissen sollen noch ungefähr 20 Gaswagen in Auftrag gegeben worden sein.3)
In der Abteilung Rauff des RSHA war der Chemiker Dr. August Becker tätig, dessen besondere Fähigkeiten sich bei der Ermordung von Menschen mit Behinderungen durch Kohlenmonoxid (Aktion T4) bewährt hatten. Becker war auch bei diesem Projekt für die chemisch-technischen Aspekte des Tötungsvorgangs zuständig, beispielsweise für die optimale Gaskonzentration in der Todeskabine.
In einem geheimen Brief an seinen Chef Rauff datiert auf den 16. Mai 1942 beschwerte sich Becker, die Vergasung würde nicht richtig vorgenommen werden. „Um die Aktion möglichst schnell zu beenden, geben die Fahrer durchweg Vollgas“, schrieb er. Dies führe dazu, dass „die zu Exekutierenden den Erstickungstod und nicht wie vorgesehen, den Einschläferungstod“ erleiden würden. Bei „richtiger Einstellung der Hebel“ würde der Tod schneller eintreten und die „Häftlinge“ würden „friedlich einschlafen“. Dies habe außerdem den Vorteil, dass die Ermordeten keine „verzerrten Gesichter“ aufweisen würden und es zu weniger körperlichen Ausscheidungen käme.4)
In Chelmno wurden insgesamt etwa 150.000 Juden, davon die Hälfte aus dem Ghetto Litzmannstadt sowie 4.300 Sinti und Roma in Gaswagen ermordet.5)
Die „Ladung“
Bis Juni 1942 sollen bereits 97.000 Menschen auf diese grausame Weise in Chelmno getötet worden sein. Dies schrieb der SS-Obersturmbannführer Willy Just, zuständig im Referat Kraftfahrzeugwesen (II D 3 des RSHA) für die Beschaffung von Fahrzeugen, in einem geheimen technischen Bericht an Walther Rauff am 5. Juni 1942. Im Schreiben werden die Erkenntnisse mit den „Spezialwagen“ der Marke Saurer beschrieben und technische Abänderungen vorgeschlagen.

Am 31. April 1945 wurde Walther Rauff von den Amerikanern in Mailand festgenommen, nur sechs Tage nachdem er Mussolini zum letzten Mal getroffen hatte. Auf dem Foto trägt er seine SS-Schirmmütze mit Totenkopf und einen langen Ledermantel. Foto: Public Domain, Fotograf unbekannt
Besonders auffällig ist die Sprache, die für die Ermordeten benutzt wird. So schreibt Just im ersten Satz: „Seit Dezember 1941 wurden beispielsweise mit 3 eingesetzten Wagen 97.000 verarbeitet, ohne dass Mängel an den Fahrzeugen auftraten.“ Die zu tötende Menschengruppe wird als „Ladung“ bezeichnet. Just schreibt: „Es wurde aber in Erfahrung gebracht, dass beim Schließen der hinteren Tür und somit bei eintretender Dunkelheit (im Wageninneren, Anm. d. Verf.) immer ein starkes Drängen der Ladung nach der Tür erfolgt.“6)
Den Gesamtvorgang beschrieb der im SS-Sonderkommando Kulmhof als Fahrer tätige Walter Burmeister in einer Vernehmung im Rahmen des Bonner Kulmhof-Prozesses Anfang der 1960er Jahre. Er gab zu Protokoll:
„Wenn die Menschen von den Lastkraftwagen abgestiegen waren, wurde ihnen im Schloßhof oder in einem Saal des Schlosses, in den sie hingeführt wurden, eine Ansprache gehalten. Den Menschen wurde erklärt, sie müßten baden, ihre Kleider müßten desinfiziert werden, sie könnten nützliche vorher abgeben, die notiert würden und die sie nach dem Bad zurückerhalten würden. Auf Anweisung des Kommandoführers Lange habe ich selbst einige Male […] eine solche Ansprache […] gehalten. Durch die Ansprache sollten die Menschen darüber getäuscht werden, was ihnen bevorstand. Wenn die Menschen sich entkleidet hatten, wurden sie angewiesen, in den Keller des Schlosses und hier über einen Gang auf die Rampe und von dort in die Gaswagen zu gehen. Im Schloß waren Schilder mit der Aufschrift angebracht ‚Zum Bad‘. Bei den Gaswagen handelte es sich um große LKW’s mit einem etwa 4–5 m langen, etwa 2,20 m breiten und 2 m hohen Kastenaufbau. Dieser war innen mit Blech verkleidet. Auf dem Boden lag ein Holzrost. Im Boden des Kastenaufbaus war eine Öffnung angebracht, die mit einem beweglichen Metallschlauch mit dem Auspuff verbunden werden konnte. Wenn die Wagen voller Menschen waren, wurden die Flügeltüren an der Rückseite geschlossen und die Verbindung von Auspuff und Wageninneres hergestellt. […] Die als Fahrer des Gaswagens eingeteilten Kommandoangehörigen ließen alsdann den Motor an, so daß die im Wageninneren befindlichen Menschen durch die Verbrennungsgase des Motors erstickten. War dies der Fall, wurde die Verbindung vom Auspuff zum Wageninneren gelöst und der Wagen zum Waldlager gefahren. Hier wurden die Leichen entladen und die erste Zeit in Massengräbern vergraben, später verbrannt.“7)
Sollte Rauff den Judengenozid im Nahen Osten fortsetzen?
Schließlich ist es interessant zu erwähnen, dass es Pläne gab, den Völkermord an den Juden unter dem Kommando des Vernichtungsexperten Walther Rauff in Nordafrika und im Nahen Osten fortzusetzen. Im Sommer 1942 wurde Rauff damit beauftragt, ein SS-Einsatzkommando zu leiten, um Rommels Panzerarmee Afrika nach der Eroberung Ägyptens zu unterstützen. Das „Einsatzkommando Ägypten“ sollte zunächst in Ägypten und dann in Palästina operieren, wo zu dieser Zeit 400.000 Juden lebten. Rauffs Kommando stand ab dem 29. Juli 1942 in Athen bereit, um nach Afrika verlegt zu werden.8) Glücklicherweise stoppten die Briten die Panzerarmee Afrika und verhinderten so die Ausbreitung des Völkermords an den Juden außerhalb Europas.

Am 16. Oktober 2025 fand in der Glashalle des Hauptbahnhofs eine Gedenkfeier zur Erinnerung an die Deportierten in das Ghetto Litzmannstadt statt Copyright: CFL
In ihrem Buch „Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina“ stellen Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers vom Forschungszentrum Ludwigsburg der Universität Stuttgart Vermutungen darüber an, warum Rauff wohl zum Leiter des „Einsatzkommandos Ägypten“ ernannt wurde: „Offenbar waren es gerade seine Entscheidungskompetenz und Vertrautheit mit dem Prozess der rationalisierten Vernichtung der Juden, die den findigen Obersturmbannführer auch für den neuen Posten als Chef einer mobilen Todesschwadron für den Nahen Osten prädestinierten.“9)
Es kann kaum Zweifel daran bestehen, dass die Vernichtung der Juden auch in den arabischen Staaten geplant war. Bei seinem Treffen mit dem Großmufti von Jerusalem am 28. November 1941 in Berlin erklärte Hitler, dass nach der Befreiung der arabischen Länder das deutsche Ziel dann „lediglich die Vernichtung des im arabischen Raum unter der Protektion der britischen Macht lebenden Judentums“ sein würde.10)
Aktualitätsbezogene Schlussbemerkung
All diese historischen Fakten sollten berücksichtigt werden, wenn man versucht ist, die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten mit dem Völkermord an den Juden (Shoah) zu vergleichen oder gleichzusetzen. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hat ein Staat eine solche Entschlossenheit gezeigt, eine gezielte Minderheit, die jüdische, restlos „auszurotten“, wie es bei NS-Deutschland der Fall war. Und dies überall, wo der NS-Staat Zugriff auf sie hatte oder noch haben würde.
1) Bundesarchiv Ludwigsburg, Vernehmung Walther Rauff v. 28.6.1972, zitiert in Mallmann/Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, Darmstadt 2006, 2011, S. 141.
2) Lorang, Mil, Beihilfe zum Mord: Luxemburger im Reserve-Polizeibataillon 101, In: Le Luxembourg et le Troisième Reich. Un état des lieux, Esch/Alzette 2021, S. 609.
3) Sands, Philippe, 38, rue de Londres. De l’impunité, Pinochet et le Nazi de Patagonie, Paris 2025, S. 98-99
4) Der Brief ist integral reproduziert in Poliakov/Wulf, Das dritte Reich und die Juden. Dokumente und Aufsätze, Berlin 1955, S. 140-142.
5) Lorang, Mil, Luxemburg im Schatten der Shoah, Soleuvre 2019, S. 74.
6) Eine gut leserliche Kopie des Originalschreibens befindet sich unter dem folgenden Link: https://phdn.org/histgen/camionsagaz/rauff420605.html
7) Auszug aus der staatsanwaltlichen Vernehmung von Walter Burmeister vom 24./25. Januar 1961 durch die Staatsanwaltschaft Bonn. Burmeister wurde vom Bonner Schwurgericht am 30. März 1963 wegen Beihilfe zum Mord zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. BArch, B 162/3246.
8) Mallmann/Cüppers op. cit., S. 139-147.
9) Ebd., S. 141.
10) Die Aufzeichnung des Gesandten Schmidt über die Unterredung zwischen Adolf Hitler und dem Großmufti ist hier einsehbar: https://www.ns-archiv.de/verfolgung/antisemitismus/mufti/in_berlin.php